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TV-Kritik: Maybrit Illner : Für Normalverdiener ist kein Platz mehr? – Quatsch!

Am Frankfurter Westhafen: Die aktuelle Illner-Runde erweckte den Eindruck, dass sich nur noch Investmentbanker eine Wohnung in der Main-Metropole leisten können. Bild: Helmut Fricke

In der Illner-Talkrunde wurde der Eindruck erweckt, in Frankfurt, Berlin oder Hamburg wäre Wohnen unbezahlbar. Das ist maßlos übertrieben. Leerstand ist in Deutschland ein viel größeres Problem.

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          Wer seine Vorstellungen über Wohnen in Deutschland allein aus Talkshows gewinnt, muss sich deutsche Städte als Kampfgebiet denken. Denn beim Thema Mietsteigerungen sind Kriegsmetaphern schnell bei der Hand: Mieter werden von renditehungrigen Investoren aus ihren Wohnungen verdrängt und in der Konsequenz aus dem ganzen Viertel vertrieben, weil sie sich dort auch keine andere Wohnung mehr leisten können. Für Normalverdiener ist da kein Platz mehr, nirgendwo. Stattdessen machen sich überall wohlhabende Zuzügler breit, die die Innenstädte in sterile Luxusquartiere verwandeln. Nimmt man die Schilderungen für bare Münze, scheinen ganz Hamburg, Frankfurt oder Berlin mittlerweile in der Hand von Investoren und Besserverdienern zu sein, ohne einen Rückzugsort für Normale zu bieten.

          Judith Lembke

          Redakteurin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Übertrieben? Schon direkt nach der Begrüßung beschwört Maybrit Illner folgendes Katastrophenszenario: Eine normale Familie mit zwei Kindern und zwei Durchschnittseinkommen zählte sich bislang zur Mittelschicht? Denkste! „Nur so lange, bis sie sich für eine Wohnung in München, Berlin, Hamburg oder Heidelberg bewirbt!“ Danach bricht Illner ab, macht eine bedeutungsschwere Pause, man ahnt: Das wird für diese Durchschnittsfamilie nicht gut ausgehen, die müssen ab ins Umland. Stattdessen wird in ihrer Traumwohnung schon bald ein Single wohnen, natürlich Investmentbanker, mit goldenen Wasserhähnen im Bad, beheiztem Klositz und vier Balkonen.

          Leerstand ist das größere Problem

          Es ist normal, dass Themen in Talkshows überzeichnet werden, um ihnen Gewicht zu verleihen, und ein Stück weit ist es auch legitim. Aber was beim Thema Wohnen geschieht, reicht über das normale Maß hinaus. Natürlich gab es die starken Mietsteigerungen von etwa 5 Prozent im Jahr in den Metropolen in den vergangenen Jahren. Aber die beziehen sich vor allem auf bestimmte, sehr begehrte Stadtteile und – gerade in Großstädten wie Berlin – nicht auf das gesamte Stadtgebiet. Diese außergewöhnlichen Mietsteigerungen treffen also keineswegs jeden Deutschen und noch nicht einmal jeden Großstadtbewohner, sondern nur einen sehr kleinen Teil der Bevölkerung.

          Der weit größere Teil des Landes hat mit der Kehrseite des Booms in den Ballungszentren zu kämpfen, nämlich mit Leerstand durch Abwanderung, sinkenden Hauspreisen und damit auch sinkenden Mieten. Aber das Wort Leerstand fiel gerade ein einziges Mal. Dabei hätte eine Talkshow zur Frage, wie man auf den Strukturwandel reagiert, mehr Neuigkeitswert besessen.

          Immer das gleiche Drehbuch

          Stattdessen folgte auch Maybritt Illner wieder dem gleichen Drehbuch wie schon unzählige Moderatoren vor ihr: Es wird ein Konflikt zwischen Mietern und Vermietern heraufbeschworen, diesmal mit der kürzlich in Kraft getretenen Mietpreisbremse als aktuellem Spaltbeil. Für Mieter sei sie „nur Symbolpolitik“ für die Vermieter hingegen ein „unlauterer Eingriff in den Markt“. So weit, so unoriginell.

          Natürlich war auch eine Mieterin eingeladen, ein Opfer der Spekulanten, die – glaubt man Talkshows wie Maybrit Illner – kurz davor stehen, sich den gesamten deutschen Wohnungsbestand einzuverleiben. Tanja Stoffenberger aus Berlin Kreuzberg ist richtig böse entmietet worden, mit allen Schikanen, die windige Aufteiler in ihrer Trickkiste mit unlauteren Mitteln haben. Stoffenberger wurde gedroht, das Wasser abgestellt und es wurden Matratzenlager für rumänische Tagelöhner in den umgebenden Wohnungen eingerichtet, um das Sozialgefüge des Hauses zu stören. Aber selbst Diskutant Jan Kuhnert, der als Mit-Initiator des „Berliner Mieten-Volksentscheids 2016“ für mehr sozialen Wohnraum kämpft, befand Stoffenbergers Schicksal als eine krasse Ausnahme.

          Die Rolle der Politik

          Darüber hinaus wurden wohlbekannte Argumente für und wider die Mietpreisbremse ausgetauscht, wobei jeder Diskutant brav in der ihm zugedachten Rolle blieb. Jürgen Michael Schick vom Maklerverband war natürlich dagegen, Mieterschützer Kuhnert reicht sie als Instrument nicht aus und die Hamburger FDP-Chefin Katja Sudig will lieber auf die Kräfte des Marktes vertrauen. In einer unglücklichen Rolle befand sich Thomas Oppermann. Als Vorsitzender der SPD-Fraktion im Bundestag musste er das von ihm mitinitiierte Gesetz verteidigen, dämpfte aber auch gleich die Erwartungen: Die Mietpreisbremse könne nur Miet-Exzesse verhindern, aber keinen Wohnraum schaffen. Bei dem Thema Wohnungsbau geriet der Politiker immer wieder in die Defensive. Auf die – mehrfach gestellte – Frage, ob die Politik es nicht auch in den vergangenen Jahren verschlafen habe, für bezahlbaren Wohnraum zu sorgen, konnte er nur etwas kleinlaut auf Hamburg verweisen, wo jetzt ja richtig viel gebaut werde.

          Auch auf den Einwand von Schick, dass der größte Mietentreiber der Staat sei – schließlich sind die Baukosten aufgrund von Verordnungen zur Energieeffizienz, Brand- und Schallschutz seit dem Jahr 2000 um 40 Prozent gestiegen – räumte Oppermann nur ein, dass Bauministerin Hendricks prüfe, welche Standards gegebenenfalls geändert und abgespeckt werden müssten. Über die andere unrühmliche Rolle des Staates als Mietpreistreiber wurde erst gar nicht gesprochen. Denn durch die Nullzinspolitik wurde der Boom auf dem Immobilienmarkt erst entfacht. Sie macht Tages- und Festgeldkonten unattraktiv, Häuserkredite hingegen billig und so suchen Investoren wie Privatleute ihr Glück im Betongold. Einmal zu fragen, zu welchen Verwerfungen das noch führen kann, hätte sich deutlich mehr gelohnt.

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