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TV-Kritik „Maybrit Illner“ : Er spielte Fußball und das ist gut so

Thomas Hitzlsperger Bild: AP

Thomas Hitzlspergers Coming-out bewegt die Nation. Für eine Talkrunde taugt das Thema aber nicht. Auch bei Maybrit Illner waren alle einer Meinung. Welch eine Überraschung!

          3 Min.

          Wie diskutiert man über ein Thema, zu dem es keine zwei Meinungen gibt? Thomas Hitzlsperger hat sich ein halbes Jahr nach Ende seiner Fußballkarriere als erster ehemaliger National- und Bundesligaspieler öffentlich als homosexuell geoutet. Und das ist gut so. Punkt. Vernünftige Gegenargumente gibt es nicht.

          Daniel Meuren
          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Das ist eine denkbar ungünstige Ausgangssituation für eine Talkrunde, wie sie Maybrit Illner am Donnerstagabend im ZDF begrüßte, zumal wenn der Protagonist selbst gar nicht anwesend ist. Dann hätten die Zuschauer womöglich noch manchen Hintergrund zu Hitzlspergers aufsehenerregendem Schritt an die Öffentlichkeit erfahren. So aber diskutierte Maybrit Illner mit einer Männerriege, bestehend aus den zwei sich öffentlich zu ihrer Homosexualität bekennenden Herren Klaus Wowereit und Marcus Urban sowie drei weiteren Männern. Diesen Herren, Michael Vesper, Generalsekretär des Deutschen Olympischen Sportbunds (DOSB), Willi Lemke, Aufsichtsrat bei Werder Bremen und Uno-Sportsonderbeauftragter, sowie dem ehemaligen Sportkommentator Manni Breuckmann wurde übrigens kein Bekenntnis zu ihren sexuellen Neigungen abverlangt. Damit war freilich auch schon die Chance vertan, die Verklemmtheit des Gesprächs über schwules Leben aufzubrechen.

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          Homosexuelle Sportler : Hitzlsperger ist nicht der Erste

          Natürlich äußerten sich Vesper, Lemke und Breuckmann weltoffen, sie machten schöne Vorschläge für die Verbesserung der Welt. Sie spekulierten ebenso unfundiert wie unnütz, ob sich denn jetzt auch bald endlich der erste aktive Profi offenbart, ohne auch nur ernsthaft zu hinterfragen, was das denn nun außer der Befriedigung der Sensationsgier der Öffentlichkeit weiter verändern würde. Sie empörten sich über die von Breuckmann zitierte angebliche Aussage von Lothar Matthäus, der es demnach noch vor wenigen Jahren für unmöglich gehalten habe, dass ein Schwuler gut Fußball spielen kann.

          Für Vesper, Lemke und Breuckmann steht Toleranz gegenüber Homosexuellen natürlich nicht infrage. Thomas Hitzlsperger kann sich auch ihrer Anerkennung für seinen Schritt sicher sein. Und selbstredend sollte der öffentlich-rechtliche Sender homosexuellenfeindlichen Ansichten keine Bühne bieten. Es reichte schon vollends, dass Maybrit Illner einige arg dumpfe Kommentare aus Foren vorlas.

          Nicht nur ein Problem des Fußballs

          Somit blieb die Sendung freilich eine Stunde lang weitgehend belanglos und Selbstverständlichkeiten verhaftet. Statt zu hinterfragen, ob ein Coming-out eines prominenten Fußballspielers wirklich zurecht diesen Raum in der öffentlichen Debatte einnimmt, statt zu fragen, ob sich die Bundesregierung zu einem solchen Vorgang äußern muss, bestätigte sich die Runde lieber selbst in ihrer Korrektheit.

          Marcus Urban, der seine Fußballlaufbahn einst wegen des Zwiespalts zwischen seiner damals noch versteckt gelebten Homosexualität und seinem sportlichen Ehrgeiz vorzeitig beendet hatte, sagte, dass  Homosexualität nicht nur ein Problem des Fußballs und des gesamten Sports, sondern eben auch eines „der Kirche, des Militärs, der Polizei, des Handwerks und vieler weiterer Bereiche“ sei. Launig kam immerhin eine Anekdote über Begegnungen mit ehemaligen Mitspielern daher. „Nach meinem Outing waren die ersten Fragen: ‚Hast Du mich dann unter der Dusche angeguckt?‘ Da habe ich ehrlich geantwortet: ‚Du wärst jetzt gar nicht mein Typ gewesen.‘“

          Was Hitzlspergers Schritt bewegen könnte

          Willi Lemke, einst Bildungssenator in Bremen, fragte sich: „Warum fangen wir nicht an, in den Schulen und Familien über Homosexuelle zu diskutieren? Wenn sich jetzt ein großartiger Fußballer outet, macht es das einfacher, das Thema aufzugreifen.“ Und Michael Vesper sprach brav davon, dass Thomas Hitzlsperger wie ein Eisbrecher wirken könne. „Damit ist das Eis noch nicht geschmolzen. Aber er setzt damit ein Zeichen. Das bringt den Prozess voran.“

          Bis das Eis geschmolzen und erste Klassenarbeiten zum Thema Homosexualität geschrieben sind, macht immerhin Wowereit, Deutschlands berühmtestes Outing, eine halbwegs gute Figur als Vorzeige-Homosexueller der deutschen Politik. Der 2001 zum öffentlichen Schwulen und Regierenden Bürgermeister avancierte SPD-Politiker lenkte den Blick darauf, was Hitzlspergers Gang an die Öffentlichkeit bewegen könnte. „Der Profibereich trifft ja nur die Spitze des Eisbergs. Dieses Outing ist jetzt so wichtig, weil es jungen Menschen Mut machen, ihnen sagen kann, Du bist nicht irgendwas Besonderes und musst Dich verstecken, sondern Du kannst zu Deiner Sexualität stehen.“

          Mehr als tausend Talkshow-Worte

          Wowereit, der noch heute regelmäßig Schmähbriefe homophoben Inhalts erhält, parlierte auch locker über einen Schulbesuch, bei dem ein Schüler dem Regierenden Bürgermeister von Berlin entgegen rief: „Da kommt die Schwuchtel“. „Die Schulgemeinschaft hat den Schüler ermittelt und sich mit ihm auseinandergesetzt. Sie haben das zum Anlass genommen, einen Projekttag zu veranstalten. So stelle ich mir vor, dass aktive Arbeit passiert“, sagte er.

          Weniger aktiv sind derweil offenbar die Profifußballer aus seiner Heimatstadt. Für eine Plakataktion gegen Homophobie ließen sich laut Wowereit zwar einige Boxer und viele andere Sportler gewinnen. Profifußballspieler fanden sich nicht. Mal schauen, wann Thomas Hitzlsperger Arm in Arm mit einem Berliner Spieler von Plakatwänden strahlt. Ein solches Bild würde dann mehr als tausend Talkshow-Worte sagen.

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