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TV-Kritik: Maybrit Illner : Jetzt kommt’s raus: Die Presse gefährdet die Demokratie!

Bei Maybrit Illner war Christian Wulff zu Gast. Der ehemalige Bundespräsident erklärte, warum er gestürzt wurde. Und von wem. Demnach gibt es eine große Verschwörung in diesem Land. Nur gut, dass wir im ZDF endlich davon erfahren.

          Zitat: „Wer Christian Wulffs bisheriges Handeln in der Krise resümiert, der ist geneigt, den Mangel an Professionalität ebenso wie den Mangel an Moralität als Charakterzug zu beschreiben. Wenn er den Weg zum Rücktritt fände, wäre das verständlich und richtig.“

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Am 17. Februar 2012 ist Christian Wulff vom Amt des Bundespräsidenten zurückgetreten. Warum? Weil ihm, vernimmt man ihn damals wie heute, eine Medienmeute gar keine andere Wahl ließ. Weil es eine Verschwörung  zwischen „Spiegel“, „Bild“-Zeitung und F.A.Z. gab, die ihren Anfang nahm, nachdem er von der „bunten Republik“ Deutschland und davon gesprochen hatte, dass der Islam auch zu Deutschland gehöre. Der Rücktritt – ein Komplott. So legt es Christian Wulff in seinem Buch „Ganz oben ganz unten“ dar und so breitete er es am Donnerstagabend in der Talkshow von Maybrit Illner im ZDF aus. „Ich war eine Provokation“, sagt Christian Wulff. Und meint: Ich war eine positive Provokation, ich habe über den Islam gesprochen und bin mit meiner Patchwork-Familie ins Schloss Bellevue eingezogen. Ich war eine Herausforderung für alle, die nicht kapiert haben, worum es geht.

          Lektion in Sachen Demokratie

          Das war wirklich spannend gestern Abend im Zweiten: Dem Publikum wurde in dieser Sendung des öffentlich-rechtlichen Fernsehens nämlich eine Lektion erteilt. Da ist zum einen der Freispruch des Christian Wulff in eigener Sache. Juristisch kann er den leicht untermauern, da er vor Gericht vom Vorwurf der Vorteilsnahme (es ging um gerade einmal 753 Euro) vollständig freigesprochen wurde. Politisch fällt der Freispruch schon schwerer. Da muss man die Salami-Taktik, mit der er Informationen zu dem Kredit für seinen Hauskauf preisgab, schon unter ferner liefen oder unter - „auch ich habe Fehler gemacht“ – verbuchen und abhaken. Womit man allerdings die Dynamik, die Wulff seinerzeit in Gang setzte, vollkommen verkennen würde. Zuerst erzählte er – als Ministerpräsident von Niedersachsen – dem Landtag nur die halbe Wahrheit. Dann hieß es, es sei ein Kredit der BW-Bank gewesen, was es nicht war. Dann brauchte Wulff ewig, bis er den Verdacht ausräumte, der einschlägig für seine Einflussnahme auf Politiker bekannte Finanzmogul Carsten Maschmeyer sei sein Finanzier gewesen. Das summierte sich, das warf Wulffs Sprecher Olaf Glaeseker aus der Bahn und führte schließlich zu Wulffs durchaus als Drohung zu verstehender Anrufnachricht auf der Mailbox des „Bild“-Chefredakteurs Kai Diekmann.

          Aber interessiert das heute noch jemanden? Lesen Sie nach diesem Absatz wirklich weiter? Bei Maybrit Illner war das jedenfalls nicht mehr so sehr von Interesse, es wurde erst nach einer Stunde des Gesprächs erörtert und von Christian Wulff fix unter „Klein-Klein“ abgehakt. Ihm geht es um das Große, das große Ganze, um die große Legende, um die Umdeutung eines politischen Skandals. Und dann kommen die Journalisten wieder mit dem „Klein-Klein“. Weg damit! In diesem Klein-Klein freilich liegt die Wahrheit verborgen, die zu Wulffs Rücktritt führte. Also nicht weg damit.

          Der Journalist, der hinterher immer alles besser weiß

          Für die erste Lektion bei Maybrit Illner war also Christian Wulff zuständig. Die zweite steuerte Heribert Prantl von der „Süddeutschen Zeitung“ bei. Er steht für einen Journalismus, der hinterher immer alles besser weiß und vergessen hat, was vorher war und was man seinerzeit selbst geschrieben hat beziehungsweise, dass es vielleicht gute Gründe gab, die Dinge so zu beurteilen, wie man es tat. Dreht der Wind, wird aus einem Täter ein Opfer, wird es langweilig mit dem Klein-Klein, werden Recherchen zu Kampagnen, ist es Zeit für ein „mea culpa“. „Natürlich war es eine Kampagne“, sagte der Journalist, eine Treibjagd, „ein furchtbares Spiel“. Und, besonders schön: „Demokratie ist keine Meute, die Beute macht.“ Der Spruch gehört in der SZ-Redaktion (das ist die, deren „gemeinsame Recherchen mit NDR und WDR“ inzwischen auf allen ARD-Fernseh- und Radiosendern im Minutentakt durchgesagt werden) direkt über den Eingang.

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