https://www.faz.net/-gsb-801qx

TV-Kritik: Maybrit Illner : Die Blindheit der Europäer

  • -Aktualisiert am

Moderatorin Maybrit Illner Bild: Picture-Alliance

Bevor heute Nachmittag in Brüssel Geschichte geschrieben wird, beschäftigte sich Frau Illner mit der Zukunft Griechenlands in der Eurozone. Sogar Brüsseler Technokraten könnten daraus etwas lernen.

          5 Min.

          Es ist ja nicht so, dass man sich in den vergangenen Monaten weltpolitisch gelangweilt hätte. Es gab die Ukraine-Krise, den Krieg mit dem Islamischen Staat im Mittleren Osten und die Anschläge von Dschihadisten in Westeuropa. So kann man sich schon fragen, ob die Europäer eigentlich nichts anderes zu tun haben als diesen Krisen noch eine weitere hinzuzufügen. Ob das so sein wird, entscheidet sich am Freitag bei dem Treffen der Finanzminister der Eurostaaten.

          Es geht darum, wie sie mit Griechenland umgehen wollen. Der Ausgang ist offen, aber über die Bedingungen lässt sich im Vorfeld einiges sagen. So sprach das Bundesfinanzministerium von einem Trojanischen Pferd. Das habe die Regierung in Athen in Gestalt eines Antrages auf Fortsetzung der Refinanzierung griechischer Staatsschulden in Brüssel hinterlassen. Die Metaphorik ist interessant, weil sie für List und Tücke steht, aber damit zugleich der politische Feind gemeint ist. Dieser Begriff offenbart den Vertrauensverlust in der Debatte über die Zukunft Griechenlands in der Eurozone. Dabei ist es irrelevant, ob man in der Rhetorik der Athener Regierung vergleichbare Formulierungen findet. Das ist so, macht die Sache aber nicht besser, sondern nur noch schlimmer.

          Psychologie des Belagerungszustandes

          In der Troja-Mythologie spielt Kassandra bekanntlich eine herausgehobene Rolle. Sie sah alles voraus, aber sie war von Apollo mit der Blindheit ihrer trojanischen Mitbürger bestraft worden. Niemand wollte ihren Voraussagen glauben. Kassandra war zwar nicht bei Frau Illner zu Gast, aber wie diese Blindheit erklärt werden kann, konnte man gestern Abend erleben. Der Berliner Ökonom Henrik Ederlein sprach von „verhärteten politischen Fronten“ in Berlin, die ihm Sorgen machten. Es entspricht der Psychologie des Belagerungszustandes, wo alle Reflexe auf die Abwehr von Gefahren ausgerichtet sind.

          Schon vor Troja war die schöne Helena nur der Auslöser des Krieges gewesen. Es ging in Wirklichkeit um die Angst vor dem Prestigeverlust, weil dessen Folgen beiden Seiten unkalkulierbar erschienen. In dieser Situation entwickelt man einen Tunnelblick, der die Situation des Anderen nur noch durch Ignoranz wahrnehmen kann. Wie es um die Verhältnisse in Griechenland steht, schilderte die Journalistin Margarita Tsomou. Es geht keineswegs nur um die soziale Misere, die hinreichend bekannt ist. Vielmehr um die Perspektivlosigkeit der bisherigen Politik, die der jungen Generation keinen Ausweg lässt. Sie sprach von einer „psychologischen Depression“ in der Bevölkerung und sie wisse nicht, wie diese eine Fortsetzung der bisherigen Politik „durchhalten will“.

          Altlasten der Vergangenheit

          Markus Söder (CSU) schien das alles gleichgültig zu lassen. Der bayerische Finanzminister sah Griechenland bisher auf einen guten Weg, fand aber ansonsten lauter Argumente, warum es für die von Frau Tsomou geschilderte Misere gute Gründe gibt. Letztlich ging es ihm um die Klärung der Schuldfrage. „Ich will nicht“, so Söder, „dass man hier den Eindruck erweckt, die Deutschen sind an allem Schuld“. Nur hatte das niemand behauptet, noch nicht einmal Oskar Lafontaine (Linke). Die Finanzhilfen der vergangenen fünf Jahre dienten vor allem einem Zweck: Dem europäischen Finanzsystem den Ausfall griechischer Staatsanleihen zu ersparen. Es ging eben nicht darum, den Griechen einen Lebensstandard zu sichern, den sie nicht leisten können.

          Diese Politik verfolgt das Ziel, mit den Altlasten aus der Vergangenheit bis 2008 umzugehen. Dafür gibt es viele Verantwortliche. Nur was nützt es den Griechen oder den anderen Europäern, wenn sie  nur aus dieser Perspektive die Gegenwart betrachten? Was Frau Tsomou einklagte, war die Hoffnung auf einen Neuanfang.

          Söder hat das genauso wenig verstanden, wie die deutsche Politik. Sie hat diesen Neuanfang auch nicht nötig, so ihr Eindruck. Sie will daher eine „Schulden- und Transferunion“ verhindern, die am Ende „wie der deutsche Länderfinanzausgleich aussieht“, so Bayerns Finanzminister. Dabei fürchtet er zugleich die Auswirkungen auf andere Eurostaaten, die vergleichbare Forderungen stellen könnten.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Gotthard-Route : Die Bahn flach halten

          Kühne Gebirgsbahnen sind ein Markenzeichen der Schweiz. Nun aber sind die Eidgenossen stolz auf die Fertigstellung der „Flachlandbahn“ auf der Gotthard-Route. Und Deutschland blamiert sich weiter.
          Schlag auf Schlag: Nicht jeder, der im Büro sitzt, ist produktiv.

          Langeweile im Beruf : 120.000 Euro für zwei Mails am Tag

          Es ist ein großes Tabu des Büroalltags: Manche Angestellte haben kaum etwas zu tun. Selbst hochbezahlte Anwälte klagen über Langeweile. Wie kann das sein?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.