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TV-Kritik: Maybrit Illner : Burka-Bankräuber und fundamentalistischer Unfug

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Verschleierte Frauen letzten Sommer auf einer Kundgebung des radikalen Salafistenpredigers Pierre Vogel in Offenbach (Hessen) Bild: dpa

In der Islam-Debatte wird zumeist diskutiert wie im theologischen Seminar. Bei Maybrit Illner konnte man erleben, wie es auch anders geht. Selbst Politiker wie Jürgen Trittin überraschten positiv.

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          Vorurteile sind bekanntlich höchst unpopulär, vor allem die der Anderen. Um so aufschlussreicher die Erkenntnisse, wenn man bereit ist, eigene Vorurteile einer kritischen Überprüfung zu unterziehen. Das ermöglichte gestern die Runde bei Maybrit Illner auf beispielhafte Weise.

          Wer hätte etwa gedacht, dass Jürgen Trittin, Spitzenpolitiker der Grünen ohne Amt, in einem Gebiet nicht „firm“ sein könnte? Er verstünde als Atheist „wenig von Theologie“. Julia Klöckner, stellvertretende Bundesvorsitzende der CDU, bereicherte zugleich die Burka-Debatte mit einem kreativen Vergleich, den man ihr ebenfalls nicht zugetraut hätte. Schließlich, so ihr Argument, ginge auch niemand „mit einem Motorradhelm in eine Sparkasse, um dort Geld abzuheben.“ Da fragt man sich jetzt schon, wann eigentlich ein Bankräuber auf die Idee kommt, in einer Burka rechtswidrig die Sparkassen-Angestellten von der Geldübergabe zu überzeugen. Dafür sah der Islamwissenschaftler und Gefängnisseelsorger Husamuddin Meyer mit seinem Bart wie der SPD-Politiker Wolfgang Thierse zu Beginn seiner Karriere aus, wenn auch ohne dessen Kopfbedeckung. Jemand stellte sogar auf Twitter die Frage, wo man das Outfit Meyers als Karnevalskostüm erwerben kann.

          Ein interreligiöser Dialog

          Trittin gestand seine Inkompetenz ein, Frau Klöcker bewies ihren Humor und der Imam Meyer seine ästhetische Nähe zum Katholiken Thierse. Womit über die Widerlegung eigener Vorurteile genügend gesagt sein sollte. Aber in dieser Debatte über „Mord im Namen Allahs - woher kommen Hass und Terror?“ braucht man nichts mehr, als die gängigen Klischees in Frage zu stellen. Das ist Frau Illner durchaus gelungen. Wo kommt das übrigens besser zum Ausdruck als im Karneval, wenn lauter Nonnen, Priester, Rabbiner und Imame den interreligiösen Dialog auf ihre Art, nämlich satirisch, praktizieren? Es ist diese Form der Respektlosigkeit, die Fundamentalisten aller Lager schon immer auf die Bäume getrieben hatte. Die Preußen fanden bekanntlich den rheinischen Karneval als Parodie ihres Militarismus auch nur begrenzt komisch.

          Mittlerweile fragt man sich wirklich, ob die Lösung der von Frau Illner gestellten Frage in der Koran-Exegese durch Islamwissenschaftler oder Imame zu finden ist. Nicht nur die Rechtsanwältin Seyran Ates reagierte auf diese Verwandlung von Politik in Theologie sichtlich genervt. Sie findet allerdings auch nur statt, weil es immer noch genügend Menschen gibt, die jeden Muslim für einen potentiellen Gewalttäter zu halten scheinen. Warum sollen aber Frau Ates, der Imam Meyer oder unser Nachbar von gegenüber nachweisen müssen, keine Terroristen zu sein? Dieses Vorurteil sorgt dafür, sich andauernd rechtfertigen zu müssen, und verstellt damit den Blick auf die realen Probleme.

          Das eine definierte Frau Klöckner. Jede Religion hat sich im säkularen Staat der Verfassung unterzuordnen. Christliche Sekten sehen das zwar bisweilen anders, stellen aber kein sicherheitspolitisches Problem dar. Das andere definierte Guido Steinberg von der Stiftung Wissenschaft und Politik. Es gäbe drei Gruppen im Islam, die unsere heutige Debatte bestimmen: Dschihadisten, Salafisten und mit Einschränkungen der Islamismus. Letzterer ist nicht zwangsläufig terroristisch, eher mit religiösen Fundamentalisten zu vergleichen, die man in gleicher Weise im Christentum, Judentum und Hinduismus findet. Die Frage lautet allerdings, warum diese extremistischen und terroristischen Varianten des Fundamentalismus vor allem im Islam diese Attraktivität gewinnen konnten.

          „Testosteronbomben“

          Dieser Frage entzieht sich zum Glück niemand mehr, wie es durchaus noch vor Jahren üblich gewesen ist, wenigstens gilt das für Trittin. Man lerne halt andauernd dazu, so seine Auskunft. Diese Einsicht ist aber wichtig, weil Meyer aus seiner Arbeit als Seelsorger wichtige Erkenntnisse vermittelte. Die meisten dieser späteren Gotteskrieger stammten nicht aus religiösen Elternhäusern, sondern eher aus säkularen, wo Religion wenig mehr als Brauchtumspflege gewesen ist. Sie verfügten zudem über nur geringe theologische Kenntnisse. Die Religion kann also nicht der Schlüssel sein, um dieses Phänomen der Gotteskrieger zu erklären. Frau Ates bot eine andere Erklärung an. Sie sprach von den jungen Männern als „Testosteronbomben“. Das ist allerdings nur begrenzt hilfreich. Jede Armee der Welt bevorzugte schon immer junge Männer zwischen 16 und 25 Jahren, weil sie im Vergleich zu Familienvätern eine wesentlich höhere Risikobereitschaft und entsprechend wenig Verantwortungsbewusstsein mitbringen.

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