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TV-Kritik: Maybrit Illner : Burka-Bankräuber und fundamentalistischer Unfug

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Der Islamische Staat nutzt insofern nur das gleiche Potential, gerade indem er die wenig integrierten und desorientierten Jugendlichen anspricht. Sie haben in ihrer eigenen Wahrnehmung wenig zu verlieren, was die ansonsten unverständliche Attraktivität dieser modernen Barbaren ausmacht.

Wen vertritt die Islam-Konferenz?

Dieses Phänomen der Gotteskrieger hat somit erst einmal wenig mit dem Islam zu tun. Das wird man nicht verhindern können, indem man den Dschihadisten mit einer modernen Variante einer „historisch-kritischen“ Koran-Interpretation (Frau Klöckner) entgegentritt. So predigen christliche Fundamentalisten eine wörtliche Interpretation der Bibel, um auf dieser Grundlage die Evolutionslehre zu widerlegen. Davon wird sie auch die Evangelische Kirche in Deutschland nicht durch einen entsprechenden Beschluss abhalten können, der meint, theologisch das Gegenteil beweisen zu müssen. Allerdings hat auch nicht die Mehrheit der deutschen Protestanten vor, diese fundamentalistische Lehre als gleichberechtigt anzuerkennen. Es ist halt religiös verbrämter Unfug.

Entsprechend muss sich die Mehrheit der Muslime in Deutschland entscheiden, welches Verhältnis sie zur modernen Gesellschaft haben und wie sie die Rolle der Religion darin definieren. Steinberg wies dabei auf einen wichtigen Aspekt hin. Im Gegensatz zu Frankreich oder Großbritannien leben hier vor allem Türken und Kurden. Gerade dort, so Steinberg, konnte der Dschihadismus erst mit Verspätung Fuß fassen. Das hatte mit der lange Zeit laizistisch geprägten Türkei zu tun. Frau Ates stellte daher die richtige Frage: Ob nämlich diese säkular geprägten Muslime etwa in der Islam-Konferenz beim Bundesinnenminister überhaupt eine angemessene Vertretung haben. Oder sie nicht umstandslos mit solchen Gruppen in einen Topf geworfen werden, die theologische Text-Exegese mit Integrationspolitik verwechseln. Welcher Protestant hätte aber schon Lust, sich andauernd für den Unsinn zu rechtfertigen, den evangelikale Bibel-Interpreten von sich geben?

Wie man sich aus verknöcherten Strukturen befreit

Deshalb muss niemand wie Trittin zum Atheisten werden. So ist Frau Ates selber gläubige Muslimin. Wir brauchen auch mehr muslimische Gefängnis-Seelsorger wie Meyer, damit junge Muslime in deutschen Strafanstalten überhaupt einen Ansprechpartner haben und sich eben nicht so leicht in diesem Milieu radikalisieren können. Wer soll sonst einen Zugang zu ihnen finden, wenn nicht jemand, der ihren Glauben teilt? Dass es in Deutschland nur zwei solcher Seelsorger gibt, dokumentiert die bisherige Hilflosigkeit im Umgang mit diesem Problem.

Es kann allerdings keine Lösung sein, die Ausbildung solcher Seelsorger etwa dem türkischen Religionsministerium zu überlassen, wie Frau Ates anmerkte. Der Islam, so wäre noch anzumerken, betrifft die Kompetenz von Theologen. Wie die Muslime aber sich selbst verstehen, sollten sie nicht den Theologen überlassen, selbst wenn sie Meyer heißen. Frau Ates wäre in der Beziehung sicherlich der bessere Ansprechpartner. Insofern fanden zwei junge Leute wahrscheinlich den richtigen Weg, um sich von verknöcherten Strukturen zu befreien, die man bekanntlich nicht nur im Islam findet.

Was ist Emanzipation?

Nemi El-Hassan und Younes Al-Amayra veranstalten mit "I,slam" einen muslimischen Poetry Slam, der jungen Muslimen das bietet, was sie ansonsten nicht finden. Die Möglichkeit, sich selber auszudrücken, jenseits der üblichen Konventionen ihrer Moschee-Gemeinde und den Vorurteilen mancher Deutscher. Frau Illner sprach Frau El-Hassan auf ihr Kopftuch an, und diese fand eine interessante Antwort: Seit sie das Kopftuch trage, werde sie deswegen angegriffen, weil ihre Religion damit erkennbar wäre. Es käme „auf ihre Tagesform an, wie sie darauf reagiere“. Ob sie nämlich darüber diskutiere oder nicht.

Emanzipation ist aber keine Kleidungsfrage, sondern ein schlichter Grundsatz: „Handle so, dass die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne.“ Von der Scharia verknöcherter Theologen ist dort nicht die Rede. Dieser kategorische Imperativ von Immanuel Kant gilt nämlich auch für Muslime, nicht nur für Christen. Er ist zugleich das wichtigste Hilfsmittel gegen Vorurteile.

Vielleicht ist es sinnvoll, das wieder einmal in Erinnerung zu rufen. Dann ersparen wir uns auch Diskussionen über die Burka. Sie sollte man wirklich den Karnevalisten überlassen bevor Bankräuber auf sie aufmerksam werden.

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