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TV-Kritik: Maischberger zu Christian Wulff : In der Blase

Es liegt etwas in der Luft im Fall Christian Wulff Bild: AFP

Die ARD gestaltet einen Abend zu der Frage: Steht der ehemalige Bundespräsident berechtigterweise vor Gericht? Die Meinungen gehen auseinander. Christian Wulff hat einen Verteidiger und Freund, den man so schnell nicht erwartet hätte.

          Die Pressemitteilungen, welche die Redaktion der Sendung „Menschen bei Maischberger“ am Dienstagabend unter die Leute brachte, ließen einiges erwarten. Ein Roll-Back, eine Wende um hundertachtzig Grad, eine vollständige Neubewertung der Causa Wulff. Rita Süssmuth, hieß es da, „fordert: Zweite Chance für Christian Wulff!“ Und: „Dieter Dehm (Die Linke) wünscht sich ein politisches Comeback von Christian Wulff.“ Damit schien die Sache zwei Tage vor dem Prozess in Hannover, wo der ehemalige Bundespräsident wegen des Verdachts der Vorteilsnahme vor Gericht steht, klar: Freispruch.

          Die Stimmung und die Meute

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          So etwas liegt ja auch gerade in der Luft, rein stimmungsmäßig, auch oder gerade unter Journalisten. Die „taz“ hat gerade erst in diese Richtung gefiedelt, Hans-Ulrich Jörges vom „Stern“ hat vor einiger Zeit schon bekundet, dass er sich schämt, „Teil der Meute“ gewesen zu sein (bei Wulff und bei Steinbrück). Doch ist das alles so einfach? Machtvergessene, schlagzeilengeile Journalisten haben einen Bundespräsidenten zu Fall gebracht und jetzt ist es Zeit, die Sache umzukehren?

          So einfach ist es nicht und erschien es auch nicht, weder in der halbstündigen Dokumentation, die im Ersten direkt vor Sandra Maischbergers Talkshow lief, noch in dieser selbst. Hier gab es vielmehr ein gleichgewichtiges Pro und Kontra, das die Vielschichtigkeit all der Umstände aufscheinen ließ, die zum Rücktritt Christian Wulffs vom Amt des Bundespräsidenten im Februar 2012 geführt haben.

          Da war der Kredit für sein Haus, da waren die Reisen mit dem Filmproduzenten David Groenewold, da waren Journalisten, denen das spanisch vorkam und da waren Antworten auf deren Fragen, die nicht ganz richtig oder irreführend waren und schließlich dazu führten, dass ein Politiker seine Glaubwürdigkeit verlor, der zuvor einer der beliebtesten im ganzen Land war. Der ins Risiko ging, die Banken kritisierte und sagte, der Islam gehöre zu Deutschland. Der aber zugleich, wie Rita Süssmuth sich zu sagen erlaubte, einen Bruch in seiner privaten Vita erlebte, der sich irgendwie nicht richtig darstellen ließ. Und ihm als Bundespräsident ebenfalls zu schaffen machen sollte. Dann noch der geharnischte Anruf bei dem „Bild“-Chefredakteur Kai Diekmann, dann die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft. Da war es vorbei.

          Ist Wulff „unhaltbar“ oder „fast kanzlerabel“?

          Rein rechtlich könnte von den Vorwürfen, die gegen Christian Wulff erhoben werden, tatsächlich nicht viel übrig bleiben. Es geht um eine Rechnung von 753,90 Euro für einen Hotelaufenthalt in München und weitere Spesen, die der Filmproduzent David Groenewold übernommen haben soll. Dafür habe sich Wulff bei der Firma Siemens um die Beteiligung an dem Kinofilm „John Rabe“ bemüht. Das sei ein Nichts, sagte der Linke-Politiker Dieter Dehm, beweismäßig ein Witz, die „gerichtsnotorischen Vorwürfe“ seien „lächerlich“. Ob das so ist, werden wir von Donnerstag an sehen. Es ist jedenfalls nur ein Teil des Bildes, das Christian Wulff, ohne Zweifel von den Medien gejagt, in den letzten Wochen seiner Amtszeit als Bundespräsident abgab.

          Gleichwohl focht Dieter Dehm bei Maischberger für seinen neuen Freund Christian Wulff nicht ohne Bravour. Ihm ging jedenfalls die Blasiertheit ab, mit der sich die Journalistin Sibylle Weischenberg als Wulff-Kritikerin gerierte. Sie hat, wie jeder weiß, der in den vergangenen Jahren sich einmal ins Frühstücksfernsehn von Sat.1 verirrt hat, die Gabe, sich in Menschen hinein zu versetzen, von denen man nicht annehmen muss, dass sie sie besser kennt, um sich über deren vermeintliche psychosoziale Grundkonstitution zu verbreiten. Das wünscht man niemandem. „Er hat sich unhaltbar gemacht,“ sagte sie über Christian Wulff, dabei habe man ihn zuvor doch für „fast kanzlerabel“ gehalten. Wulffs Unterstützern – das war in dieser Runde neben Rita Süssmuth und Dieter Dehm der PR-Unternehmer Moritz Hunzinger (der ein wenig blass blieb) – unterstellte sie, schon den „Schaumwein“ fürs Entkorken vorbereitet zu haben, sollte Wulff vor Gericht freigesprochen werden. „Stammtisch“, sagte Dieter Dehm und – hatte leider recht.

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