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TV-Kritik „Maischberger“ : Die Sehnsucht nach dem Schlussstrich

Eine Frau geht durch die Trümmerlandschaft in Dresden nach dem Zweiten Weltkrieg. Bild: dpa

Dürfen sich die Deutschen siebzig Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs auch als Opfer betrachten? In der Sendung von Sandra Maischberger entwickelt diese Frage einige Sprengkraft.

          3 Min.

          Wenn sich am 8. Mai zum siebzigsten Mal das Ende des Zweiten Weltkriegs jährt, wird von der Tätergeneration kaum noch jemand am Leben sein. Das Gedenken an den Weltkrieg wird von der Perspektive derer bestimmt, die ihn als Minderjährige und Opfer erlebten, als Zerstörung, Flucht und Vertreibung. Mit dem Tod der letzten Zeitzeugen sehen viele die Hoffnung näher rücken, die Schuld ganz abzustreifen und den Blick auf das Kriegsende um die Perspektive der deutschen Opfer zu erweitern.

          Thomas Thiel

          Redakteur im Feuilleton.

          Ganz neu ist diese Sicht nicht. Das Verschwinden der Zeitzeugen war schon vor zehn Jahren ein Leitmotiv der Gedenkreden. Und um die Rolle der Deutschen als Opfer zu thematisieren, ist kein Tabu mehr zu brechen. Den Vertriebenen, Heimkehrer und Kriegsgefangenen wird gedacht; die Zerstörung ist gut dokumentiert. Wie offen kann man also heute über die Deutschen als Opfer des Weltkriegs reden ohne in den Verdacht zu geraten, die deutsche Schuld zu überspielen? Das war die Frage, auf die „Maischberger“ am Dienstagabend eine Antwort suchte.

          Einer der Gäste war der Fernsehproduzent Nico Hofmann, der vor zwei Jahren mit seiner Weltkriegstrilogie „Unsere Mütter, unsere Väter“ besonders im Ausland erhebliche Irritationen ausgelöst hatte. Dem Fernsehepos wurde vorgeworfen, ein geschöntes Bild der Deutschen als naive Opfer von Hitlers Propaganda zu zeichnen und darüber die Solidarität mit den Opfern des Holocausts in den Hintergrund zu rücken. „Fünf Stunden Selbstmitleid“, befand die Zeitung „New York Times“.

          Latenter Antisemitismus der Deutschen

          Der Journalist Niklas Frank wählte bei „Maischberger“ noch drastischere Worte, die aber vor allem seine Freude an starken Meinungen spiegelten. Frank, der in den achtziger Jahren öffentlichkeitswirksam mit seinem eigenen Vater Hans Frank, einem berüchtigten SS-Schlächter, abgerechnet hatte, gefiel sich in der Rolle des Mahners, der den mustergültig demokratisierten Deutschen einen latenten Antisemitismus vorhielt, der bei einer längeren ökonomischen Krise unvermeidlich ausbrechen würde. Das Bild seines Vaters trägt er stets präventiv in der Jackentasche, er hatte es auch in der Sendung dabei und kramte es, seine düstere Prognose unterstreichend, effektvoll hervor.

          Die Diskussion hatte dadurch ihren Showdown. Franks Urteile waren aber relativ leicht zu entkräften. Unwidersprochen blieb nur sein kritischer Hinweis, Hofmann habe in seinem Epos an einigen Stellen zu gefällige Identifikationsfiguren gewählt.

          „Tag der Befreiung“

          Die übrige Diskussion war ausgewogener und belegte teils eindrucksvoll, warum viele Deutsche den 8. Mai erst sehr viel später als jenen „Tag der Befreiung“ betrachten konnten, als den ihn Richard von Weizsäcker 1985 in seiner epochalen Rede bezeichnete. Das subjektive Gefühl nach Kriegsende war eine Mischung aus Schuldgefühlen, Angst vor Rache und Verwunderung über das unverhoffte Überleben. Erhard Eppler, der die deutsche Kapitulation als Wehrmachtssoldat erlebte und sich auf einem achtzehntätigen Fußmarsch nachhause über die neue Situation klar wurde, vermittelte davon einen lebendigen Eindruck.

          Dass mit dem Kriegsende noch nicht die Befreiung kam, galt besonders für die deutschen Ostgebiete, in der die Rote Armee eine Spur der Verwüstung hinterließ. Von den 3,1 Millionen Deutschen, die in sowjetische Gefangenschaft gerieten, kehrte eine Million nicht zurück. Die Gewalt richtete sich auch gegen zwei Millionen deutsche Frauen, die von russischen Soldaten wahllos vergewaltigt wurden, oft im Beisein der russischen Befehlshaber und der eigenen Familien, die sich dagegen in der Regel nur um den Preis ihres Lebens zur Wehr setzen konnte. Die Vergewaltigungen wurden von russischer Seite erst einige Zeit nach dem Ende der Kampfhandlungen offiziell verboten.

          Vergewaltigungen

          Bei „Maischberger“ erzählte davon die Zeitzeugin Elfriede Seltenheim, die selbst zu den Vergewaltigungsopfern zählte, darüber aber bis vor wenigen Jahren geschwiegen hatte, und auch in der Sendung an der entscheidenden Stelle noch einmal deutlich ins Stocken geriet. Die Historikerin Miriam Gebhardt, die ein Buch über diese Vergewaltigungen geschrieben hat, begründete das mit der Scham der Kriegsgeneration, über Sexualität zu reden, aber auch der allgemeinen Ignoranz der Historiker gegenüber diesem Thema. Was als Pauschalurteil nicht stimmen würde: Geschwiegen wurde über die Vergewaltigungen nicht. Gebhardt fehlte bisher aber die Einfühlung in die Perspektive der Opfer.

          Überraschen mag, dass auch westliche Soldaten in nicht geringer Zahl zu den Vergewaltigern gehörten und amerikanische Soldaten sogar über die Frauen ihrer französischen Verbündeten herfielen. Ließen sich die Vergewaltigungen bei den russischen Soldaten noch mit Rachemotiven begründen, so müsse es im amerikanischen Fall mit dem generellen Frauenbild der Militärpropaganda erklärt werden, die im weiblichen Geschlecht nur die willige Trophäe sah, so Gebhardt.

          Sehnsucht nach dem Schlussstrich

          Natürlich muss auch der deutschen Kriegsopfer gedacht werden, solange es im Kontext der deutschen Kriegsschuld geschieht. Darüber war man sich auch bei „Maischberger“ einig. Erhard Eppler wies auch auf die vergessenen Massaker der Wehrmacht in Russland hin und die drei Millionen russischen Soldaten, die in deutscher Gefangenschaft umgekommen seien.

          Sandra Maischberger präsentierte am Ende noch das Ergebnis einer Umfrage, nach der sich achtzig Prozent der Deutschen nach einem Schlussstrich sehnten. Das subjektive Schuldgefühl mag sich mit dem Abstand zur Tätergeneration abschwächen. Es bleibt die exemplarische Dimension der Kriegsereignisse.

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