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TV-Kritik: Maischberger : Unterbelichtete Lichtgestalt

  • -Aktualisiert am

Sandra Maischberger (r.) diskutierte u.a. mit Malu Dreyer. Bild: WDR/Max Kohr

Sandra Maischbergers Gäste spielen Nationalstaat, als sei die Globalisierung an ihnen vorbeigegangen. Wer Martin Schulz als SPD-Personalie diskutiert, ohne Trump als historisch beispiellosen Gegenwind einzukalkulieren, argumentiert unterkomplex.

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          Die Personalentscheidungen der SPD versprechen erstmals seit vielen Jahren einen Wahlkampf, der einen Themenwechsel durchsetzen und damit eine Trendwende ermöglichen könnte. Welche Folgen haben amerikanische Strafzölle und dadurch ausgelöste internationale Handelskriege für das deutsche Wirtschaftsmodell? Das alte Scheinargument, dass deutsche Verbraucher keine Maschinenanlagen kaufen, würde hinfällig. Quasi über Nacht könnte es nötig werden, den deutschen Tanker auf eine deutlich stärkere Binnennachfrage umzusteuern. Das europäische Hosianna ließe nicht auf sich warten.

          Allerdings erforderte eine solche Lage mehr als irgendwelche Abwrackprämien. Von ferne grüßt Karl Schillers „konzertierte Aktion“, deren Ergebnisse dem damaligen sozialdemokratischen Juniorpartner in einer Großen Koalition schließlich zur Mehrheit verhalfen. In das Bild dieser Erinnerung passt nur eine Personalie überhaupt nicht: die Degradierung des Bundeswirtschaftsministeriums in ein Austragsstüberl für Brigitte Zypries. Als hätte es im gleichen Haus nicht überzeugendere Alternativen gegeben. Glaubt Sigmar Gabriel ernsthaft, als außenpolitischer Novize den taktischen Libero an der Seite des Spitzenkandidaten zu geben, wenn es zuvor nicht mal mehr zur Rolle des Trainers reichte?

          Lauen Aufwind messen

          Statt mit ihren Gästen über diese Herausforderungen zu reden, zieht es Sandra Maischberger vor, den lauen Aufwind zu messen. In der SPD herrsche Euphorie, erzählt Malu Dreyer, SPD-Ministerpräsidentin aus Mainz. Gewerkschafterin Susanne Neumann gibt sich mit dem Personalwechsel nicht zufrieden und fordert programmatische Kurskorrekturen. Linke-Fraktionschefin Sahra Wagenknecht weint Gabriels Abgang als SPD-Vorsitzendem keine Träne nach. Krokodilstränen gibt es dafür vom CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer, der Chaos und Panik in der SPD beklagt. Hans-Ulrich Jörges („Stern“) und Dirk Schümer („Welt“) dagegen hoffen (endlich!) auf einen spannenden Wahlkampf.

          Jörges hat einen Verkaufsauftrag. Der Coup des „Stern“ muss, neben dem der „Zeit“, unter die Leute gebracht werden. Scheuer fragt maliziös, ob die weltpolitische Lage einen Teilzeitaußenminister verträgt. Eine ganz andere Frage ist es, warum die SPD es sich so schwer macht mit ihren Personalentscheidungen. Ohne Sturzgeburt scheint es nicht zu gehen. Werden die guten Umfrageergebnisse von Schulz ein Aufholen der SPD ermöglichen? Daran gibt es Zweifel. Wagenknecht fände eine deutliche sozialpolitische Kurskorrektur erforderlich. Neumann zweifelt am Sinn von Koalitionen „mit den Schwatten“. Nur welche Alternativen bieten Aussicht auf einen Regierungswechsel? Die Personalie Schulz allein kann das nicht stemmen. Sahra Wagenknecht reibt ihm seine Heimat im rechten Flügel der SPD unter die Nase.

          CSU-Schreckgespenst Rot-Rot-Grün

          Den Kampfauftrag des Abends erfüllt Andreas Scheuer. Die CSU hat verstanden, dass der historische Gegenwind durch Trump ihre bayerische Herrgottswinkelpolitik plötzlich obsolet machen könnte. Also poltert er auftragsgemäß von einer rot-rot-grünen Koalition als Schreckgespenst und preist die sozialpolitischen Reformen der Großen Koalition. Die regierende Oppositionspartei scheint beizudrehen.

          Schümer erinnert an den Niedergang der europäischen Sozialdemokratie. Ihr Desaster ist flächendeckend. Sie haben in der Finanzkrise versäumt, sozialen Ausgleich für die Bankenrettung durchzusetzen. Wagenknechts Partei, der Linken, haben solche Versäumnisse der SPD nicht zu Höhenflügen verholfen.

          Innenpolitische Unterbelichtung

          Völlig unterbelichtet wirken bisher die innenpolitischen Perspektiven des Kandidaten Schulz. In der deutschen Öffentlichkeit repräsentiert er ein Bild der EU, das nicht unbedingt realitätsgerecht ist, aber er wird in Mithaftung genommen. Deswegen freut sich der rechte Rand besonders über seine Kandidatur. Das wirkt etwas voreilig.

          Scheuer nutzt die Runde als Fokusgruppe für die Wahlkampfparolen der CSU. Schulz stehe für die Schulden-Union. Seit Strauß selig ist die weltökonomische Kompetenz der CSU fadenscheinig geworden. Sie hat bis heute die Guthaben-Krise nicht verstanden. Schümer konzediert Martin Schulz eine unglaubliche Leistung im letzten Europa-Wahlkampf. Trotzdem hat er nicht gewonnen.

          Aussichten bietet die Agenda des amerikanischen Präsidenten Trump. Wenn die Folgen seiner Politik in Europa sichtbar werden, sei es aus mit den Höhenflügen der Rechtspopulisten. Jörges hofft darauf, dass die Wähler bei diesem Irrsinn nicht mehr mitziehen.

          Schreckgespenster können den Schrecken verlieren

          Dass Schulz über ein politisch gutes Standing gegenüber Leuten wie Erdogan und Orbán verfügt, könnte ihm zugute kommen. Aber wer glaubt im Ernst, dass Schulz Merkel überholen wird? Und wenn alle die außenpolitische Kompetenz des Kandidaten loben, warum wurde dann nicht er neuer Außenminister? Wird ihm der Vorteil, als Wahlkämpfer außerhalb der Koalition freier agieren zu können, als fehlender Einfluss angekreidet? Strebt Gabriel als Außenminister ein Comeback an, das den Kandidaten auf der Strecke zum 24. September schwach aussehen ließe?

          Jörges übertreibt mal wieder und lobt Schulz als Lichtgestalt, die Veränderung in die erstarrten Parteisysteme bringe. Aber er ist doch Fleisch vom SPD-Fleische! Andreas Scheuer sollte seine Warnung, wer AfD wähle, bekomme eine rot-rot-grüne Bundesregierung, noch einmal durchdenken. Sie ließe sich auch als Wahlempfehlung für das Schreckensbild verstehen. Es verliert vielleicht schneller an Schrecken, als der CSU lieb sein darf.

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