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TV-Kritik: Menschen bei Maischberger : Test-Sendung fällt im Test durch

Kommt auch nicht oft vor: Sandra Maischberger hat in ihrer Sendung Schokolade verkosten lassen Bild: dpa

Nach den Querelen um Ritter Sport steht die Stiftung Warentest unter Rechtfertigungsdruck. Das war bei Maischberger nicht anders. Gelegentlich bot die Sendung gute Unterhaltung. Trotzdem gibt es nur die Note mangelhaft – ein Kriterium führt zur Abwertung.

          Immerhin 82 Prozent der Deutschen vertrauen der Stiftung Warentest. Die Organisation, die in diesem Jahr ihren 50. Geburtstag feiert und bislang rund 100.000 Produkte in mehr als 5000 Tests geprüft hat, ist noch immer beliebt, wenn es um die Bewertung der schönen bunten Warenwelt geht. Oder muss man sagen: War? Die juristischen Querelen um die Negativ-Bewertung der Ritter-Sport-Sorte Voll-Nuss haben das Image der Berliner angekratzt.

          Thiemo Heeg

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Eine Steilvorlage für eine Talksendung wie „Menschen bei Maischberger“. Ob sie die sehr gut, gut, befriedigend, ausreichend oder mangelhaft umgesetzt hat, klärt dieser Test mit Hilfe von vier Kriterien.

          1. Gästeliste

          Von den sechs Gästen hätte sich die Redaktion 50 Prozent sparen können. Stiftungsvorstand Hubertus Primus war nachvollziehbarerweise unersetzbar und sein Geld wert, er bestritt gefühlt 80 Prozent der 75 Minuten Sendezeit mit Selbstverteidigung. Koch und Fernsehmoderator Christian Rach sorgte für die Unterhaltung. Uschi Glas (gerade 70 geworden, sieht aus wie 53) spielte im schwarzen Outfit die Chefanklägerin: Sie sei ein „Opfer“ der Stiftung, sagte Sandra Maischberger, ohne dass jemand widersprach. Glas' Creme „Uschi Glas Hautnah“ war vor zehn Jahren mit „mangelhaft“ bewertet worden. Der Fall landete vor Gericht, wo die Schauspielerin – und so geht es den meisten, die gegen die Stiftung klagen – krachend scheiterte. Wozu jedoch die WDR-Verbraucherschützerin Yvonne Willicks, der ARD-Internetexperte Jörg Schieb und der Hauptgeschäftsführer des Handelsverbandes Deutschland, Stefan Genth, auf dem Podium saßen, blieb unklar.

          Note für die Gästeauswahl: gerade noch befriedigend.

          2. Große Worte, kleine Gesten

          Wenigstens machte Genth die Zuschauer um die Erkenntnis klüger, dass sich schon mit "befriedigend" bewertete Produkte kaum noch verkaufen lassen. Und zog daraus den Schluss, dass die Verantwortung der Stiftung sehr groß sei. Er war nicht der Einzige, der in diese ökonomische Moralkerbe schlug. Christian Rach fand es total schlimm, „so 'ne alte Traditionsfirma über die Klinge springen zu lassen“. Damit meinte er den Schokoladenhersteller Ritter, der jedoch laut Test-Chef Primus gar keinen Rückgang bei seiner Nuss-Schokolade verbuchten musste. Und schon gar nicht bei der Sorte Joghurt, „die ess' ich selber gerne“. Schade nur, dass Maischberger ihm zuvor ein anderes unmoralisches Angebot unterbreitet hatte:  „Würden Sie ein Stückchen Ritter Sport Haselnuss jetzt essen, Herr Primus?“ „Natürlich esse ich das“, sagte Primus, griff aber nicht zur hingehaltenen offenen Tafel. Zumindest nicht im Beisein der Kamera. Wer weiß, vielleicht hätte das den laufenden Prozess um das „Mangelhaft“-Urteil der Stiftung beeinflusst.

          Note für Worte und Gesten: ausreichend.

          3. Unterhaltungsprogramm

          Halbwegs lustig wurde es nur dann, wenn das Thema weg von der Stiftung hin zum dankbaren Thema Geschmack ging. Koch Rach und Tester Primus mussten jeweils zwei Produkte testen. Stimmt das Testergebnis mit dem subjektiven Empfinden überein? Das war letztlich zweitrangig, dafür entspann sich am Schinken in etwa folgender Trialog:

          Rach (zu Maischberger): Riechen Sie mal dran.
          Maischberger: Das riecht so, dass man denkt...
          Rach: ...verdorben. Das stinkt.
          Maischberger: Ich hätte gesagt, es riecht so, dass der letzte Depp kapiert, dass es Schinken ist. Das ist so zugesetzt.
          Primus (riecht): Wir wissen ja nicht, wie lang das schon im Studio steht.
          Maischberger (beinahe empört): Eine halbe Stunde.
          Rach: Es ist beides deutscher Schinken (…) Das wird heute alles gespritzt, mit Pökellauge, und mit 1000 Nadeln vollgepumpt, und dann werden sie kurz in den Rauch gehängt.
          Maischberger: Wenn man ihnen zuhört, möchte man keinen Schinken mehr essen. 






          Die Unterhaltungsnote: gut.

          4. Erkenntnisgewinn

          Die Rolle der Stiftung Warentest gestern im Wirtschaftswunder und heute im digitalen Zeitalter, wo hunderttausende subjektive Bewertungen in Onlineportalen Käufer beeinflussen: allenfalls gestreift. Die millionenschwere Finanzierung, zum Teil aus öffentlichen Mitteln: kein Thema. Und was sollen Blindtests von Multivitaminsäften in der Fußgängerzone beweisen angesichts des Ergebnisses, dass die Leute zu 70 Prozent den Testsieger bevorzugen?

          Immerhin wissen wir jetzt nach der Sendung viererlei: Test-Chef Primus und Uschi Glas werden in diesem Leben keine Freunde mehr. Primus ist auch nur ein „ganz normaler Verbraucher“. Der Streit um natürlich und künstlich bei Aromastoffen – siehe Ritter-Sport – ist noch längst nicht ausgestanden. Und die Stiftung vergibt nicht einfach „selbstherrlich“ ein mangelhaft.

          Wir auch nicht – das mangelhaft für den Erkenntnisgewinn basiert auf strengen Maßstäben.

          Das Testfazit

          Die Einzelnoten (3+4+2+5) ergeben im Schnitt eine 3,5. Das wäre, je nach subjektiver Tendenz, befriedigend oder ausreichend. Wendet man aber die strengen Kriterien der Stiftung Warentest an, führt das vierte Kriterium zur Abwertung. In Expertenkreisen spricht man vom Durchschlagseffekt. Die Gesamtnote also leider: mangelhaft.

          Der Rechtsweg ist übrigens ausgeschlossen.

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