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TV-Kritik „Maischberger“ : Sexuelle Gewalt – Grundrisiko einer Kindheit in Deutschland?

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Gehetztes Kind: Mathilde Bundschuh in einer Szene der BR-Produktion „Operation Zucker – Jagdgesellschaft“, die vor der Diskussion bei Miaschberger gezeigt worden war Bild: Wiedemann & Berg Television GmbH

Bei „Maischberger“ ging es im Anschluss an den Spielfilm „Operation Zucker“ um den Realitätsgehalt dieser Fernsehproduktion zum Thema organisierter Kinderhandel. Das gemeinsame Ansinnen, aufzuklären und handlungsfähig zu machen, ergab ein wirkliches Gespräch.

          Der Fernsehfilm „Operation Zucker“ stellte vor drei Jahren das Thema Kinderhandel und –missbrauch im Fernsehen so drastisch dar, dass aus Jugendschutzgründen, wie es hieß, nur ein abgemildertes alternatives Ende zur Primetime zu sehen war. Auch der Nachfolgefilm „Operation Zucker. Jagdgesellschaft“ zeigt sexualisierte Gewalt an Kindern in einer Weise, die nur schwer auszuhalten ist. Doch nicht nur die Gewalt-, Erniedrigungs- und Folterdarstellungen erschüttern hier – in vielen TV-Krimis gibt es davon mehr zu sehen – sondern die Behauptung ihrer Realitätsnähe. Ist diese Realitätsnähe eine tatsächliche oder doch nur eine vermeintliche? Wodurch lässt sie sich belegen? Und was können Behörden und Institutionen, was können Politik und Gesetzgebung, was kann jeder Einzelne tun?

          „Maischberger“, am Mittwochabend direkt im Anschluss an den Fernsehfilm gesendet, dient dieses Mal auch der emotionalen und psychologisch offenbar notwendigen Einbettung des Spielfilms beim Zuschauer. Die Runde, so scheint es, solidarisiert sich gewissermaßen von Anfang an im Bemühen um Vermittlung. Die Unterschiede der Rollen sind zwar klar, die Meinungen und Schwerpunktsetzungen aber weichen nur marginal voneinander ab.

          Zu ernst nimmt man das Thema offensichtlich, zu wenig treibt die Mitglieder der Runde der Drang nach Selbstdarstellung um. Das Thema, das mit „Kindermissbrauch“ auch nur ganz unzulänglich benannt ist, eignet sich auch einfach nicht dafür. Stimmen aus dem zur Ausstrahlung von „Operation Zucker. Jagdgesellschaft“ parallel gelaufenen Chat setzen den ersten Ton. „Dieser Film wühlt auf“, „sitze hier und heule“. „Verstörende Bilder“, aber „passiert das wirklich so in unserer Nachbarschaft?“ Wenn ja, „was können wir tun?“

          Die erste Frage und Antwort gehören Andreas Huckele, der vom damaligen Schulleiter der Odenwaldschule, dem angesehenen Reformpädagogen Gerold Becker, über Jahre hinweg missbraucht wurde. Den Ton setzt der Betroffene. „Ganz großes Mitgefühl für die Kinder. Ganz große Wut auf die Täter“ treibe ihn um. Ringen um Sprache, sagt er später, sei für die sexueller Gewalt Ausgesetzten ein großes Problem. Mit Huckele sitzen in der Runde Experten, die der Sprachnot Beschreibungen, Erfahrungen und Benennung der Schwierigkeiten in der Verfolgung der Taten entgegensetzen und sie so zu überwinden suchen. Das gemeinsame Ziel: Aufklärung und Appell. Da kann man sich schlecht darüber streiten. Warum auch. Jeder fügt dem Puzzle des organisierten Kinderhandels und der netzwerkartig organisierten Schändung ein paar Teile hinzu. Das Bild ist ein gemeinsames.

          Das ist ein Gespräch, harmonisch geht es nicht zu

          Man hat tatsächlich den Eindruck, einem Gespräch zu folgen. Die „Spiegel“-Gerichtsreporterin Gisela Friedrichsen fragt Huckele, wer ihm geholfen habe. Nur ihm selbst vertraue er, sagt Huckele. Daran anschließend beschwört Julia von Weiler, Psychologin und Vorstand des Vereins „Innocence in danger“ geradezu die Kraft der Betroffenen. Aus dem Chat wird berichtet, dass sich Opfer zu Wort melden, aber auch Täter. „Sadistische Arschlöcher“, sagt Huckele. Allgemeine Zustimmung.

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