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TV-Kritik „Maischberger“ : Mit Fehl und Tadel

  • -Aktualisiert am

Bild: dpa

Sandra Maischberger diskutierte in ihrer Sendung das explosive Thema Familienpflege. Für seine Brisanz gab es viele Beispiele. Doch es explodierte nichts.

          5 Min.

          Von einer Talkshow könnte man erwarten, dass die Gäste miteinander reden. In einer Sendung, die nach „Sprengstoff für die Familie?“ fragt, sollte deutlich werden, was dort zerstört wird – und vielleicht, wer den Zünder betätigt. Wenn es um „Pflege“ geht, könnte man sich vorstellen, dass das Teilkasko-System der Pflegeversicherung hinterfragt wird oder auch der fürsorgliche Ansatz traditioneller Pflege, die in Gefahr läuft, den Menschen mit Unterstützungsbedarf zum Objekt zu machen, statt ihm so viel Selbstbestimmung zu ermöglichen wir irgend möglich.

          In Sandra Maischbergers gestern am späten Abend ausgestrahlter Folge von „Menschen bei Maischberger“ ging es, angesichts des Themas überraschend, gepflegt langweilig zu. Die Moderatorin fragte und ihre Gäste, die überwiegend privates zu erzählen hatten, antworteten. Der Schauspieler Siegfried Rauch beispielsweise, der vor zwanzig Jahren seine Mutter ein Jahr bei sich zu Hause gepflegt hat, gab sich als moralische und ein wenig sozialromantische Instanz: Pflegeheime erschienen ihm als „kalt, anonym, vorgefertigt für einen gewissen Zweck“ – also übernahm er selbst (mit seiner Frau) die Pflege, „das macht man halt“, denn „zu Hause ist es am besten.“ Für seine Familie, die gut situiert und mit den Möglichkeiten weitgehend freier Zeiteinteilung in ausreichend großem Wohnraum lebte, war die Pflege, die sich auch nicht über zehn Jahre erstreckte, sondern nur über ein Jahr, nichts Explosives, sondern etwas sehr befriedigendes.

          Pflege bis ans Ende der Kräfte

          Da hatte es Marlene Keilhack schon schlechter, die nach fünf Jahren pflegerischer Versorgung ihres dementen Mannes am Ende ihrer Kräfte war und ihn ins Pflegeheim gab, das sich allerdings als Katastrophe für ihn erwies, weil es ihm kein Heim wurde, sondern ihn zum Objekt machte und mit Medikamenten ruhig stellte. Auch ein zweites Heim machte es nicht besser, so dass Marlene Keilhack ihren Mann dort rausholte und mit anderen Angehörigen eine Demenz-WG gegründete, über die wir allerdings weniger erfuhren, als über ihr juristisches Vorgehen gegen das erste Pflegeheim, das mit einem Vergleich endete. Dabei wäre gerade das interessant gewesen: wie der Versuch, alleine zu pflegen an Erschöpfung und Überlastung scheiterte, die Pflege im WG-Verbund dann aber offensichtlich leichter zu tragen war und bessere Ergebnisse brachte. Hier wäre vielleicht auch der Ansatz gewesen, über neue Formen von Pflege zu sprechen, über die Möglichkeiten der ambulanten Unterstützung und deren Grenzen, vielleicht auch über den aus Kostengründen sprunghaft wachsenden Markt an osteuropäischen Haushaltshelferinnen, die zunehmend, obwohl sie dafür nicht ausgebildet sind, auch die pflegerische Versorgung dementer und körperpflegebedürftiger Menschen übernehmen um so das überforderte Familiensystem zu entlasten.

          Aber der Anlass für Maischbergers Sendung waren nicht die Spannungen und Überforderungen, die die Versorgung von Menschen durch ihre Angehörigen oder Freunde zur Folge haben. Sie hatte die vor wenigen Tagen veröffentlichte Entscheidung des Bundesgerichtshofes zur Unterhaltspflicht von Kindern für ihre Eltern als Ausgangspunkt der Sendung gewählt, die ihre Redaktion recht tendenziös zusammenfasste: „Kinder müssen die Pflege ihrer Rabeneltern bezahlen.“ Die Geschichte von Volker Paul, den der Bundesgerichtshof 2010 zu Zahlungen für die Pflege seiner im Heim lebenden Mutter, verurteilte gab dafür allerdings wenig her, auch wenn der Studiogast selbst das anders sah. Seine Mutter war nämlich, wie er selber berichtete, psychisch krank. Sie litt an einer schizophrenen Psychose. Dass sie es mit den Kindern und die mit ihr nicht leicht hatten, ist nachzuvollziehen. Der Mutter kann ihre Behinderung aber nicht zur Last gelegt werden. Ihre Bezeichnung als „Rabenmutter“ auf der Homepage von „Maischberger“ ist angesichts dessen diskriminierend und schlimmer Fauxpas der zuständigen Redaktion. Den Umgang mit den Kindern hat nach der Trennung der Eltern im Übrigen auch nicht die Mutter abgebrochen, sondern der zu diesem Zeitpunkt etwa 16jährige Sohn.

          Künftig auch noch „altenlieb“?

          Dass dieser als Bezieher eines passablen, aber nicht gerade besonders hohen Einkommens insgesamt etwa 40.000 Euro für die Heimpflege seiner Mutter aufbringen musste, mag man trotzdem mit guten Gründen falsch finden. Dann muss man sich aber gegen die unzureichende Absicherung des allgemeinen Risikos pflegebedürftig zu werden wenden, das bei höherem Pflegebedarf Menschen zwingt entweder keine oder nur unzureichende professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen oder zum Sozialhilfefall zu werden, mit allen Konsequenzen, die das für die eigenen Ersparnisse und die der Angehörigen hat. Dass diese Pflege, wie in der Sendung sowohl der in der ambulanten Pflege tätige Heiko Rutenkröger als auch die als Pflegeexpertin firmierende Journalistin Annette Dowideit darlegten, aufgrund von Personalengpässen qualitativ wenig überzeugend ist, ja in nicht so wenigen Fällen sogar gewalttätig verläuft, erhöht die Bereitschaft, dafür teuer zu bezahlen verständlicherweise nicht.

          Die Empfehlungen für eine Verbesserung der pflegerischen Versorgung, die in der Sendung nur knapp angerissen wurden, waren allerdings auch nicht überzeugend. Vor allem die Einführung eines Wortes „altenlieb“ in die deutsche Sprache, wie von Frau Dowideit angeregt, dürfte wenig helfen. Dass Pflegekräfte im Allgemeinen besser bezahlt werden und gleichzeitig die Personalschlüssel angehoben werden müssten, ist natürlich nicht falsch. Bleibt aber an der Oberfläche. Die Arten des Pflegebedarfs und die Ansprüche der Menschen, die Pflege benötigen, haben sich in den letzten fünfzig Jahren grundlegend verändert. Darauf gibt es schon in der Pflegewissenschaft bislang nur unzureichend erforschte Antworten. Die Politik ist noch sehr viel weiter zurück. Das wurde am Auftritt des Pflegebeauftragten der Bundesregierung, des Gesundheitsstaatssekretär Karl-Josef Laumann (CDU) deutlich, der zwar einen Satz formulierte, mit dem er in den Agenturen vorab zitiert wurde, der aber nicht mal eine Anstrengung erkennen ließ, auf die großen Herausforderungen vor denen die Pflegepolitik steht zu reagieren.

          Eines der großen Probleme hatte er dabei zu Beginn der Sendung selbst benannt: wollte man die derzeit etwa 2,5 Millionen pflegebedürftigen Menschen, von denen die allermeisten zu Hause leben, professionell versorgen, bräuchte man –unabhängig von den finanziellen Mitteln – deutlich mehr als eine Million Vollzeitstellen. Dafür fehlen aber die Ressourcen. Mit diesen Fakten und den daraus resultierenden Konsequenzen befassten sich dann aber weder die Moderatorin, noch ihre anderen Gäste oder gar Laumann selbst, der, auch kein Sprengstoffexperte, sich lieber auf überschaubare und längst anerkannte Nebensächlichkeiten konzentrierte: „der Pflege-TÜV sollte Transparenz für die Angehörigen bei der Wahl eines Heimes schaffen, aber das System ist gescheitert.“

          Da mochte ihm auch der zugeschaltete Geschäftsführer der Caritas Altenhilfe Rainer Flinks nicht widersprechen, der sich dann mit dem auch nicht gerade ins Zentrum der Probleme führenden Problematik der angeblich ausufernden Dokumentationspflicht in der Pflege befasste und mit Pflegeexpertin Dowideit räsonierte, wie es um die Rendite im Pflegebereich steht und wieso die aktiennotierten Unternehmen, die Pflegeheime betreiben unerfreuliche Geschäftemacher sind, einen Diskussionsstrang in dem sich Laumann mit der zutreffenden Erkenntnis  profilieren konnte, dass auch in Heime, die von Trägern der Wohlfahrtspflege betrieben werden, nicht immer alles optimal läuft- was auf die Frage von Sandra Maischberger zurückführte, wie offen denn mit Fehlern umgegangen werde. Die Antwort hätte man sich denken können: Gute Einrichtungen reden vergleichsweise offen über Fehler, schlechte versuchen sie zu vertuschen.

          Das führte allerdings in der Sendung auch nicht weiter. Wie steht es, könnte man sich fragen, eigentlich um die Fehlerkultur im öffentlich-rechtlichen Talkshow-Gewerbe, wo ja, wie hier eindrucksvoll vorgeführt wurde, auch nicht immer alles gut läuft? Vermutlich wird aber weder die wenig glückliche Auswahl der Gäste noch die offensichtliche Planlosigkeit der Moderatorin selbstkritisch erörtert werden. Und das ist auch gut so. Immerhin kann man hier ja, anders mit Blick auf die Probleme der Pflegepolitik und Pflegepraxis, einfach abschalten oder aber darauf hoffen, dass nächstes Mal alles besser gelingen wird.

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