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TV-Kritik „Maischberger“ : Mit Fehl und Tadel

  • -Aktualisiert am

Künftig auch noch „altenlieb“?

Dass dieser als Bezieher eines passablen, aber nicht gerade besonders hohen Einkommens insgesamt etwa 40.000 Euro für die Heimpflege seiner Mutter aufbringen musste, mag man trotzdem mit guten Gründen falsch finden. Dann muss man sich aber gegen die unzureichende Absicherung des allgemeinen Risikos pflegebedürftig zu werden wenden, das bei höherem Pflegebedarf Menschen zwingt entweder keine oder nur unzureichende professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen oder zum Sozialhilfefall zu werden, mit allen Konsequenzen, die das für die eigenen Ersparnisse und die der Angehörigen hat. Dass diese Pflege, wie in der Sendung sowohl der in der ambulanten Pflege tätige Heiko Rutenkröger als auch die als Pflegeexpertin firmierende Journalistin Annette Dowideit darlegten, aufgrund von Personalengpässen qualitativ wenig überzeugend ist, ja in nicht so wenigen Fällen sogar gewalttätig verläuft, erhöht die Bereitschaft, dafür teuer zu bezahlen verständlicherweise nicht.

Die Empfehlungen für eine Verbesserung der pflegerischen Versorgung, die in der Sendung nur knapp angerissen wurden, waren allerdings auch nicht überzeugend. Vor allem die Einführung eines Wortes „altenlieb“ in die deutsche Sprache, wie von Frau Dowideit angeregt, dürfte wenig helfen. Dass Pflegekräfte im Allgemeinen besser bezahlt werden und gleichzeitig die Personalschlüssel angehoben werden müssten, ist natürlich nicht falsch. Bleibt aber an der Oberfläche. Die Arten des Pflegebedarfs und die Ansprüche der Menschen, die Pflege benötigen, haben sich in den letzten fünfzig Jahren grundlegend verändert. Darauf gibt es schon in der Pflegewissenschaft bislang nur unzureichend erforschte Antworten. Die Politik ist noch sehr viel weiter zurück. Das wurde am Auftritt des Pflegebeauftragten der Bundesregierung, des Gesundheitsstaatssekretär Karl-Josef Laumann (CDU) deutlich, der zwar einen Satz formulierte, mit dem er in den Agenturen vorab zitiert wurde, der aber nicht mal eine Anstrengung erkennen ließ, auf die großen Herausforderungen vor denen die Pflegepolitik steht zu reagieren.

Eines der großen Probleme hatte er dabei zu Beginn der Sendung selbst benannt: wollte man die derzeit etwa 2,5 Millionen pflegebedürftigen Menschen, von denen die allermeisten zu Hause leben, professionell versorgen, bräuchte man –unabhängig von den finanziellen Mitteln – deutlich mehr als eine Million Vollzeitstellen. Dafür fehlen aber die Ressourcen. Mit diesen Fakten und den daraus resultierenden Konsequenzen befassten sich dann aber weder die Moderatorin, noch ihre anderen Gäste oder gar Laumann selbst, der, auch kein Sprengstoffexperte, sich lieber auf überschaubare und längst anerkannte Nebensächlichkeiten konzentrierte: „der Pflege-TÜV sollte Transparenz für die Angehörigen bei der Wahl eines Heimes schaffen, aber das System ist gescheitert.“

Da mochte ihm auch der zugeschaltete Geschäftsführer der Caritas Altenhilfe Rainer Flinks nicht widersprechen, der sich dann mit dem auch nicht gerade ins Zentrum der Probleme führenden Problematik der angeblich ausufernden Dokumentationspflicht in der Pflege befasste und mit Pflegeexpertin Dowideit räsonierte, wie es um die Rendite im Pflegebereich steht und wieso die aktiennotierten Unternehmen, die Pflegeheime betreiben unerfreuliche Geschäftemacher sind, einen Diskussionsstrang in dem sich Laumann mit der zutreffenden Erkenntnis  profilieren konnte, dass auch in Heime, die von Trägern der Wohlfahrtspflege betrieben werden, nicht immer alles optimal läuft- was auf die Frage von Sandra Maischberger zurückführte, wie offen denn mit Fehlern umgegangen werde. Die Antwort hätte man sich denken können: Gute Einrichtungen reden vergleichsweise offen über Fehler, schlechte versuchen sie zu vertuschen.

Das führte allerdings in der Sendung auch nicht weiter. Wie steht es, könnte man sich fragen, eigentlich um die Fehlerkultur im öffentlich-rechtlichen Talkshow-Gewerbe, wo ja, wie hier eindrucksvoll vorgeführt wurde, auch nicht immer alles gut läuft? Vermutlich wird aber weder die wenig glückliche Auswahl der Gäste noch die offensichtliche Planlosigkeit der Moderatorin selbstkritisch erörtert werden. Und das ist auch gut so. Immerhin kann man hier ja, anders mit Blick auf die Probleme der Pflegepolitik und Pflegepraxis, einfach abschalten oder aber darauf hoffen, dass nächstes Mal alles besser gelingen wird.

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