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TV-Kritik: Maischberger : Islamdebatte mit dem Volk

  • -Aktualisiert am

TV-Moderatorin Sandra Maischberger diskutiert mit dem Publikum über den Islam. Bild: WDR

Sandra Maischberger versucht aus dem starren Korsett der üblichen Talkshows auszubrechen. Sie gibt dem Publikum das Wort – und zeigt was passiert, wenn Islamkritiker, junge Musliminnen und ein syrischer Flüchtling aufeinandertreffen.

          Gelungene Diskussionen sind keine Wohlfühloasen, wo am Ende alle einer Meinung sind. Sie leben vom Austausch von Argumenten und erzeugen damit den Zwang, sich diese auch anzuhören. Selbst wenn sich alle Diskutanten auf eine gemeinsame Faktengrundlage verständigen sollten, erzeugt das keineswegs automatisch einen Konsens. Selbst unumstrittene Tatsachen können unterschiedlich gewichtet und bewertet werden. Daher dienen auch die beliebten Faktenchecks nicht der Konsensbildung, sondern vor allem der Delegitimierung einer Position. Der Redner soll als Lügner enttarnt werden. Nun machte ein langjähriger Beobachter des Fernsehformats Talkshow sicherlich nicht die Erfahrung, dort zumeist über gelungene Diskussionen berichten zu dürfen. Das liegt keineswegs an der Unfähigkeit der Moderatoren, sondern am strategischen Interesse der eingeladenen Diskussionsteilnehmer. Sie haben kein Interesse an der Herstellung eines Konsens, vielmehr an der Profilierung der eigenen Position. Das Ziel ist somit der Dissens als Abgrenzung vom politischen Gegner.

          Wohlmeinende Idealisten

          Das Publikum kritisiert dann häufig solche Sendungen mit dem Argument des wohlmeinenden Idealisten als ritualisierte Schaukämpfe. Tatsächlich ist damit allerdings zumeist auch nur das Fehlen der eigenen Position gemeint. Eher an akademische Diskurse erinnernde Formate, wie den Phoenix-Runden, fehlt es an der rhetorischen Zuspitzung. Sie funktionierten daher nicht in ARD oder ZDF, weil sie die wohlmeinenden Idealisten schlicht als zu langweilig empfinden. Den Zuschauern fehlt so das, was sie nach der Sendung in ihrer ritualisiert anmutender Kritik am meisten beklagen: Der Dissens. Gestern Abend versuchte es Sandra Maischberger einmal anders. Sie machte eine „Publikumssendung“ anstatt der sonst üblichen Runde aus Politikern, Interessenvertretern und Experten. Diese gab es zwar auch. So waren die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Aydan Özoguz (SPD) und der CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer eingeladen. Es ging um die „Angst vor dem Islam – Alles nur Populismus?“.

          Eine Publikumssendung hat zweifellos den Anspruch der vox populi Gehör zu verschaffen. Frau Maischberger reagiert damit auf die Kritik vor allem an den öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten. Diese, so der häufig gehörte Vorwurf, ließen etwa in ihren Talkshows Außenseiter nicht zu Wort kommen. An dieser Sichtweise ändern wohl selbst die Fakten nichts. So wurden Pegida-Vertreter eingeladen, genauso wie AfD-Politiker. Die Piraten durften sich in ihrer kurzen Blütezeit ebenfalls nicht über fehlende Resonanz beklagen. So nutzten manche Kritiker gerade diese Tatsache, um genau andersherum zu argumentieren. Wie kann man eigentlich solchen Außenseitern soviel Aufmerksamkeit verschaffen? Widerspruchsfreiheit in der eigenen Argumentation ist unter solchen Kritikern keineswegs mehr als Tugend zu werten.

          Das alles soll mit einer solchen Publikumssendung verhindert werden. Gestern Abend kam jeder zu Wort. Bürger, die den Islam kritisch sehen, genauso wie junge Musliminnen mit Kopftuch und ein syrischer Flüchtling aus Aleppo. Eine im Jahr 1966 eingewanderte Griechin war zu erleben, die es in diesem Land als Wohltat empfand, aus den Zwängen ihrer griechisch-orthodoxen Gemeinschaft ausgebrochen zu sein. Das sahen die Mitglieder der Erfurter Ahmadiyya-Gemeinde sicherlich anders. Ein Krankenpfleger aus Ludwigsburg berichtete von der Respektlosigkeit junger Muslime gegenüber Kolleginnen auf seiner Station. Die Zuschauer erfuhren etwas von den Schwierigkeiten einer jungen Betriebswirtin bei der Jobsuche, weil sie als Muslimin ein Kopftuch trägt. Ein junger Deutscher aus Berlin, ansonsten an Religion völlig desinteressiert ist, brachte seine Toleranz gegenüber den reaktionärsten Formen des Islam zum Ausdruck. Er vertrat damit das neoliberale Dogma des Laissez-faire. Ob es auch gelten würde, wenn in Berlin-Friedrichshain die reaktionärsten Elemente des Katholizismus das Straßenbild zu bestimmen versuchten? So diskutierte man über die Vollverschleierung und den Bau von Moscheen. Es wurde die Leitkultur diskutiert und welche Bedeutung der Schweinefleisch-Konsum in unserer Gesellschaft haben soll. Vielleicht hätte man über die Thüringer Bratwurst in Verbindung mit dem Moscheebau zu Erfurt diskutieren sollen.

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