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TV-Kritik: Maischberger : Helmut Schmidt und Deutschlands „beschissene Lage“

  • -Aktualisiert am

Der Lieblingsgast: Für den im November des vergangenen Jahres verstorbenen Altkanzler Helmut Schmidt hatte Sandra Maischberger stets ein offenes Ohr. Bild: dpa

Helmut Schmidt, Monument der Nachkriegsgeschichte, kann man vor allem zuhören. Aber man sollte der Neigung widerstehen, ihn zum Gegenstand der Denkmalpflege zu machen.

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          Bestimmt gibt es auf der ganzen Welt nur wenige Menschen, die im Alter von 96 Jahren immer noch Bücher schreiben, Interviews geben und regelmäßig Gast in politischen Talkshows sind. Helmut Schmidt hält sich dabei nicht lange mit den üblichen Konventionen auf. Er raucht Kette und formuliert schon einmal deftig: „Deutschland, in der Mitte dieses kleinen Kontinents, ist in einer beschissenen Lage“.

          Das stimmt zwar, und Schmidt hat den historischen und geopolitischen Hintergrund dieser Einschätzung erläutert, aber welchem aktiven Politiker ließe man solche, zweifellos kalkulierten Provokationen heute noch durchgehen? Nur ist Schmidt auch kein Politiker mehr, sondern ein Monument der deutschen Nachkriegsgeschichte, das bis in die Gegenwart ragt.

          „Mut zum Ideal“

          Das macht die Faszination aus, die Schmidt umgibt. Diese Verbindung aus volkstümlicher Wortwahl und intellektueller Raffinesse zeichnete allerdings auch andere Politiker seiner Generation aus. Franz-Josef Strauß oder Herbert Wehner konnten auf dieser Klaviatur der politischen Rhetorik in gleicher Weise spielen, wie es Schmidt gestern Abend bei Sandra Maischberger wieder einmal demonstrierte. Doch Strauß und Wehner sind längst vergessen, nur noch als Gegenstand der zeitgeschichtlichen Forschung von Interesse. Mit Schmidt kann man erleben, wie es früher in der deutschen Politik gewesen ist, ohne aber deshalb jenem romantischen Kalkül nachgeben zu müssen, es sei früher alles besser gewesen.

          In einem Einspieler wurde Schmidt im Jahr 1966 von Günter Gaus nach Vorbildern gefragt. Er nannte unter anderem John F. Kennedy, der den Menschen den „Mut zum Ideal“ wiedergegeben habe. Schmidt relativierte diese Aussage gegenüber Maischberger: Er habe damals noch nicht so viel über den 1963 ermordeten amerikanischen Präsidenten gewusst wie heute. Das ist nun wenig überraschend. Tatsächlich aber war Schmidts Hinweis auf Kennedy bei Gaus einer innenpolitischen Debatte geschuldet gewesen, die gerade der damaligen SPD diesen Verlust der Ideale vorgeworfen hatte. Mit dem Mythos Kennedy versuchte der damalige SPD-Rechtsaußen, dieser Kritik der allmählich rebellisch werdenden Jugend den Wind aus den Segeln zu nehmen. Den Hinweis auf das Vorbild Kennedy musste man also selbst 1966 nicht allzu ernst nehmen.

          Der aktive Politiker Schmidt funktionierte eben nicht anders als seine Berufskollegen von heute. Er machte Zugeständnisse - Ideale sind wichtig, die nichts kosten - und wollte kaum zehn Jahre später als Bundeskanzler alle Leute mit Visionen zum Arzt schicken. Ihm gingen bekanntlich linke Sozialdemokraten auf die Nerven. Gaus wollte 1966 in diesem Interview genau das deutlich werden lassen: Wie sich die SPD mit ihrer Politik der Anpassung an den CDU-Staat veränderte und einer ihrer damals führenden Protagonisten mit diesem Wandel umging. Wer allerdings, wie Frau Maischberger, ein Interview mit Schmidt als Denkmalpflege betrachtet, wird das nicht bemerken.

          „Geopolitische Kinderei“

          Politiker sagen halt „erst das eine und dann das andere“, so Schmidt gegenüber Maischberger. Das galt selbstredend für ihn in gleicher Weise, was aber für niemanden eine Überraschung sein sollte, der Schmidt nicht nur durch den Nebel seiner Menthol-Zigaretten betrachtet. Aber gerade deswegen sind seine Einsichten umso wichtiger, weil sie eine historische Erfahrung mitbringen, die ansonsten weitgehend verloren gegangen ist.

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