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TV-Kritik: Maischberger : Helmut Schmidt und Deutschlands „beschissene Lage“

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Etwa wenn er die Ukraine-Politik der EU als „geopolitische Kinderei“ bezeichnet, die schlicht vergessen hat, wie ein Staat wie Russland funktioniert. Oder dass jede Großmacht einen „Gegenpol“ braucht, um „die Vernunft zu behalten“. Das gilt für Russland wie die Vereinigten Staaten, übrigens auch für Deutschland in seiner „beschissenen Lage“ im Zentrum Europas. Deshalb müssen wir unterschiedliche Interessen und Sichtweisen berücksichtigen, die sich bisweilen fundamental widersprechen. In Osteuropa hat man etwa einen anderen Blick auf Russland als im Süden der EU. Die auch gestern bei Schmidt spürbare Skepsis gegenüber einer deutschen Führungsrolle ist das Ergebnis der historischen Erfahrung seiner Generation. Deutschland war daran im 20. Jahrhundert zweimal gescheitert. Wie groß kann das Vertrauen in die deutsche Führungskunst sein? Vor allem, wenn man, wie Schmidt, Europa als einen Kontinent mit abnehmender weltpolitischer Bedeutung ansieht.

Deutungshoheit über die eigene Biographie

Vor diesem Hintergrund muss man sich nicht wundern, wenn sich Schmidt mit 96 Jahren kaum noch für die Tagespolitik interessiert - etwa, ob die FDP im Bundestag sitzt oder wer der nächste Kanzlerkandidat der SPD sein könnte. Wesentlich wichtiger ist es für ihn, die Deutungshoheit über seine Biographie zu behalten. Das war auch der Grund, warum er in seinem neuen Buch eine frühere Geliebte offenbarte. Die Interpretationshoheit will er dann doch lieber nicht einem früheren Brandt-Vertrauten wie Klaus Harpprecht überlassen, der das Geheimnis in seinen Memoiren ausplauderte. Es war aber schon amüsant zu sehen, wie er jede weitere Auskunft zu dem Thema verweigerte, trotz mehrmaliger Nachfrage von Frau Maischberger.

Hamburg : Loki Schmidt ist tot

Im Grunde geht das niemanden etwas an, so seine Überzeugung, aber Schmidt ist bekanntlich nicht naiv genug, um diesen Anspruch bei einer Person der Zeitgeschichte für durchsetzbar zu halten. Das gilt auch für seine Rolle als Wehrmachtsoffizier im Zweiten Weltkrieg. Er betonte sein Pflichtgefühl als Offizier, trotz seiner jüdischen Abstammung und seiner frühen Überzeugung von der absehbaren Niederlage. Diese fehlende Eindeutigkeit ist das, was viele Nachgeborene nicht nachvollziehen können. Schmidt machte dabei einen interessanten Hinweis. Er sei zu Beginn der Nazi-Zeit noch ein Kind gewesen, war somit der damaligen Aufbruchstimmung ausgesetzt gewesen, die nur in der Rückschau nicht nachvollziehbar ist. Das betraf zwar nicht alle in dieser Generation, man denke nur an Willy Brandt, aber letztlich die Mehrheit ihrer Altersgenossen. Wahrscheinlich ist es Schmidts eigentlicher Verdienst, diese Uneindeutigkeit zuzulassen. Wie will man sonst verstehen, wie es zu dieser deutschen Katastrophe gekommen ist?

„Besorgnisse“

Es gibt niemanden mehr in Deutschland, der wie Schmidt über das 20. Jahrhundert aus eigener Erfahrung berichten kann, um das gleichzeitig mit den „Besorgnissen“ zu verbinden, die das 21. Jahrhundert bietet. So nannte er die großen Themen der Gegenwart, etwa die älter werdende Gesellschaft in Europa oder das globale Bevölkerungswachstum. Schmidt ist nicht deshalb einzigartig, weil er als Politiker gewissermaßen Max Webers Idealtypus verkörpert. Ganz im Gegenteil. Gerade weil er das nicht ist, hat er uns etwas zu sagen. Daran können auch publizistische Denkmalpfleger wie Sandra Maischberger nichts ändern.

Am Ende probierte Schmidt noch eine elektronische Zigarette, sogar mit Mentholgeschmack. Der 2004 verstorbene Günter Gaus hätte auf solche Kindereien sicherlich verzichtet. Aber das ist wirklich nur noch von historischem Interesse. Wir leben schließlich im 21. Jahrhundert. Immerhin aber noch mit einem Helmut Schmidt, der auch im Alter von 96 Jahren für solche Kindereien noch Verständnis aufbringt.

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