https://www.faz.net/-gsb-8iufn

TV-Kritik „Maischberger“ : Europa ist, wenn Juncker lacht

„Rote Karte für Brüssel?“ - Bei Sandra Maischberger deutet schon der Titel ins Leere. Europa ist mehr als Brüssel. Bild: WDR/Max Kohr

Wo herrscht das „Chaos“ nach dem Brexit – in Großbritannien oder in Brüssel? In der Talkshow im Ersten fallen die Einschätzungen vielfältig aus. Was „Europa“ ist und was von der EU bleibt, weiß aber wohl niemand so richtig.

          4 Min.

           

          Michael Hanfeld
          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Der Haken steckt schon in der Eingangsfrage. „Rote Karte für Brüssel: Besiegen Populisten Europa?“ lautet das Motto der Gesprächsrunde von Sandra Maischberger. Und an dem hält sich der FPÖ-Politiker Heinz-Christian Strache umgehend fest. Brüssel, die EU, ist nicht Europa, sagt er: „Europa ist mehr als die Europäische Union.“ Da kann ihm niemand widersprechen, es sei denn, man wollte Großbritannien, das die EU verlässt, nicht mehr zu Europa zählen.

          Schwieriger ist schon die Frage, was Europa denn ist. Darauf hat in der Runde niemand eine Antwort, Sandra Maischberger erkundigt sich auch nicht danach. So fehlt der Debatte von Beginn an die Grundlage. Doch das gilt nicht nur für diese Talkshow, sondern zeichnet die politische Lage im Ganzen aus.

          Es reden zwar alle von Europa, aber was sie meinen, ist jeweils etwas ganz anderes. Heinz-Christian Strache spricht von der wuchernden Bürokratie in Brüssel, von technokratischem Zentralismus und von einem Bundesstaat, dem die demokratische Grundlage fehlt und den die Bürger nicht wollen. Viviane Reding, die ehemalige EU-Kommissarin, ergeht sich über das „Chaos“, in dem Großbritannien versinke und den „Riesenfehler“, über die Mitgliedschaft des Landes in der EU das Volk abstimmen zu lassen.

          Cameron soll sich bei Merkel bedanken

          Der Grüne Jürgen Trittin beschwört, Europa sei „der bessere Weg, um den globalen Herausforderungen“ zu begegnen. Der Politikwissenschaftler Albrecht von Lucke, meint, Großbritannien befinde sich in einem Schockzustand und der „Spieler“ Boris Johnson habe einen Sieg errungen, den er gar nicht gewollt habe. Dirk Schümer, Europa-Korrespondent der „Welt“, der in Italien lebt, fällt derweil auf, dass die Deutschen von den europäischen Nachbarn als hegemoniale Macht wahrgenommen werden. Die Politik von Angela Merkel sorge dafür, etwa ihre einsame Entscheidung, die Grenzen zu öffnen und einen unkontrollierten Zuzug von Flüchtlingen zuzulassen. Das bleibe nicht ohne Folgen: „David Cameron kann sich bei Angela Merkel bedanken.“

          Das sind in groben Zügen die Einlassungen der erste Viertelstunde und danach hätte man abschalten können, denn es ist klar: Nun kommt nicht mehr viel. Beziehungsweise wird eines doch offenbar. Ein jeder erkennt die Widersprüche in der Haltung der anderen, aber die eigenen selbstverständlich nicht. Aber das gilt ja nicht nur für die Debatte über Europa, die EU und den Brexit.

          Der Populist soll sich festlegen, doch EU-Kommissarin Reding kommt mit Kalendersprüchen durch.
          Der Populist soll sich festlegen, doch EU-Kommissarin Reding kommt mit Kalendersprüchen durch. : Bild: WDR/Max Kohr

          Woran krankt die Europäische Union? An den Folgen der Finanzkrise und an der Austeritätspolitik, sagt Jürgen Trittin. Sie krankt daran, dass die Verträge nicht eingehalten werden, sie ihre Grenzen nicht schützen kann und zu einer Schuldenunion geworden ist, entgegnet Heinz-Christian Strache. Viviane Reding wiederum kann Fehler nur bei den nationalen Regierungen und den nationalen Parlamenten erkennen. Diese blockierten alles und jedes. Das hätten die Briten schon immer getan: „Die Briten sind nie Teil der europäischen Familie gewesen, sie haben eine kohärente Politik ausgebremst.“

          Was ist Vielfalt in Einigkeit?

          Dass es eine solche mit oder ohne die Briten nur geben kann, wenn man sich über politische Ziele und die Maßnahmen, um sie zu erreichen, einig ist, sagt Viviane Reding nicht. Sie bleibt im Ungefähren und wird dabei von Sandra Maischberger nur anfangs ein wenig gestört mit der Frage, ob die EU nicht angesichts des Brexit auch bei sich selbst nach Fehlern suchen müsse. (Das muss sie nach Ansicht Redings selbstverständlich nicht.)

          Von Heinz-Christian Strache hätte Sandra Maischberger hingegen auf jede Frage gerne ein „Ja“ oder „Nein“: Soll Österreich auch aus der EU austreten, oder zumindest den Euro abgeben? Soll es in Österreich auch ein Referendum geben? Was die Moderatorin mit ihrem „Jetzt aber Butter bei die Fische“ bezweckt, ist klar: Der Populist soll Farbe bekennen, nicht bloß über die vermeintliche „Elite“ in Brüssel herziehen und konkret werden. Nur warum kommt dann Viviane Reding auf der anderen Seite mit Kalendersprüchen wie jenen davon, sie wünsche sich selbstverständlich eine „Migration in geordneter Art“ und ein Europa der „Vielfalt in Einigkeit“. Geht das ein wenig konkreter? Ja, ja oder nein, nein? Oder sollen wir nur noch „Amen“ (im Sinne von „Wir schaffen das“) sagen?

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Hummels Grätsche : Retter der letzten Hoffnung

          Mats Hummels verursacht mit einem Eigentor das 0:1 gegen Frankreich. Doch seine spektakuläre Grätsche gegen Mbappé hält das Selbstbildnis der Nationalelf noch am Leben.
          Nordkoreas Machthaber Kim Jong-un auf einer Sitzung des Zentralkomitees der Arbeiterpartei in Pjöngjang am Dienstag

          Hunger in Nordkorea : Die Lebensmittel werden knapp

          Kim Jong-un spricht von einer angespannten Versorgungslage. Hilfe aus dem Westen lehnt der Machthaber trotzdem ab. China hat zuletzt Mais nach Pjöngjang geschickt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.