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TV-Kritik: Maischberger : Entmythologisierung des Islam

  • -Aktualisiert am

Sandra Maischberger Bild: dpa

Worum geht es in der Islamdebatte? Um gut und böse? Die Schauspielerin Idil Baydar stellte in der Sendung von Sandra Maischberger die richtigen Fragen, die ansonsten unter den Tisch fallen.

          4 Min.

          Gestern Abend erlebten wir die Geburtsstunde einer neuen Religion. Sie stiftete der Schweizer Kabarettist Andreas Thiel, der aussah wie ein Irokese, und sie kommt „vom Herzen“, wie er sagt. Deren Inhalt übernimmt Elemente des Buddhismus, des Christentums und sogar der Parsen. Letztere berufen sich auf Zarathustra, der bekanntlich auch im Werk eines wenig religiösen deutschen Philosophen eine Rolle spielte. Fachleuten fiele jetzt sicher der Begriff des Synkretismus ein. Etwas unorthodox formuliert: Wir basteln uns die passende Religion selbst. Die Philosophie und Geistesgeschichte bietet dafür auch reichlich Material.

          Nun war Thiel aber nicht von Frau Maischberger eingeladen worden, um dort eine Religion zu stiften, sondern die eines seiner Vorgänger namens Mohammed zu besprechen. Es ging um den „bösen Islam“ und die „guten Muslime“. Thiel hatte nämlich den Koran dreimal gelesen und dabei festgestellt, der Islam sei eine „gewalttätige Religion“. Das brachte ihm, zusammen mit der obligatorischen Beschimpfung des unter Gläubigen Propheten genannten Religionsstifters, Drohungen durch Islamisten ein. Die Folge ist Polizeischutz bei seinen Auftritten.

          Religion als Bastelarbeit

          Nun ist Thiel nicht nur ein Komiker, sondern sogar ein Witz, wenn man ihm bei seinen religiösen Bastelarbeiten zusah. So hatte er die originelle Idee, den Koran einfach umzuschreiben. Man könne ja die Verse mit Gewaltaufrufen streichen, um den Islam friedfertig umzudichten. Ender Cetin, Vorstand einer Moschee-Gemeinde in Berlin, nannte ihn daraufhin einen „Hassprediger“. Radikale Salafisten sehen das tatsächlich ähnlich wie Thiel. Cetin betonte demgegenüber den Islam als Friedensreligion und die freie Wahl der Weltanschauung. Zwangsbekehrungen seien mit seinem Islamverständnis nicht vereinbar. So bastelt sich jeder seine Religion, nicht nur Thiel.

          Andreas Thiel: Schweizer Komiker und nebenbei Religionserfinder
          Andreas Thiel: Schweizer Komiker und nebenbei Religionserfinder : Bild: dpa

          Allerdings dokumentierte er zugleich das eigentliche Thema der Sendung. Welche Rolle spielt Religion in modernen Gesellschaften? Da waren sich alle Teilnehmer sehr schnell einig. Keinem hat sich Gott leibhaftig offenbart. Er hatte wohl auch sonst nicht mit ihnen Kontakt aufgenommen. So betrachteten sie die heiligen Schriften in der Tradition des protestantischen Theologen Rudolf Bultmann, selbst wenn sie noch nie von ihm gehört haben sollten. Dieser hatte die Bibel radikal entmythologisiert und damit zu Lebzeiten nicht nur in seiner Kirche entschiedenen Widerstand gefunden.

          Die beiden Politiker Jens Spahn (CDU) und Renate Künast (Grüne) vertraten eine moderne Sichtweise auf Religion, die jeden Gedanken an Spiritualität erst gar nicht aufkommen lässt. Der Koran oder die Bibel sind dann bloße Bücher, die man zeitgemäß interpretieren muss, aber Gott ist darin nicht zu finden. Die Politiker interessieren sich also für das Thema Religion (und darum handelt es sich ja beim Islam) aus allen möglichen Perspektiven, nur nicht für die Theologie. Die Schauspielerin Idil Baydar argumentierte aus der gleichen säkularen Perspektive. Nur wird das überhaupt noch wahrgenommen? Die Integrationsdebatte hat sich mittlerweile so mit dem Thema Islam vermischt, dass man tatsächlich meint, beides gehörte unauflöslich zusammen. Nur warum muss Frau Baydar etwas mit Cetin zu tun haben? Was verbindet beide außer ihrer Herkunft?

          Politisches Geschick, nicht nur bei Diplomaten des Vatikan

          Cetins Gemeinde gehört zu DITIB, der „Türkisch-Islamischen Union der Anstalt für Religion e. V.“. Der Verband ist ein Ableger des Religionsministeriums in Ankara. Entsprechend argumentierte Cetin, wenn auch die Annahme, dort ginge es zuerst um Theologie, mutig zu nennen wäre. Für die Türkei ist DITIB ein Instrument der Außenpolitik. Was das alles mit Religion zu tun hat? Nichts. Cetin argumentierte zwar theologisch so sanftmütig wie ein Schaf, erwies sich aber ansonsten als ein geschmeidiger Politiker, etwa wenn es um die Rolle der von Ankara besoldeten Imame in deutschen Gemeinden geht. Diese hätten einen mäßigenden Einfluss auf junge Heißsporne und verhinderten so deren Radikalisierung. Zudem bemühe man sich vor allem um die Jungen und die Frauen. Selbst heikle Themen wie Homosexualität spreche man an, was aber am Konservativismus der Türken in Deutschland seine Grenzen finde.

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