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TV-Kritik: Maischberger : Die Vision der Sexunternehmerin mit Steuernummer

Sandra Maischberger Bild: dpa

Zwangsverhältnis oder Sexarbeit? Nicht jede Form von Prostitution lässt sich unter Alice Schwarzers pauschale Opferthese ordnen. In einer heftigen Debatte deutet „Maischberger“ aber auch an, welche Realität in dieser These steckt.

          Als die rot-grüne Regierung vor gut zehn Jahren das Prostitutionsgesetz verabschiedete und käuflichen Sex zum sozialversicherungspflichtigen Gewerbe erklärte, war die Absicht, die Arbeit von Prostituierten unter geregelte Bedingungen zu stellen. Es war nicht daran gedacht, Deutschland zum Magneten von Sextouristen zu machen, die sich in Flatrate-Bordellen und All-you-can-Fuck-Etablissements ausleben, und zum Dorado von Menschenhändlern, die fehlende  Kontrollmöglichkeiten zu schätzen wissen. Genau das, meinen viele, trifft aber zu.

          Thomas Thiel

          Redakteur im Feuilleton.

          Hinter der Reform stand die Vision der selbstbestimmten Sexunternehmerin mit Steuernummer, die sich für ihren Beruf nicht schämen muss. Es gibt sie sporadisch. Doch die Zahlen sind nüchtern: Nur 44 von geschätzten 200.000 Prostituierten sind sozialversichert. Die Regeln des Gewerbes sind hart wie eh und je. Es überwiegt die Ansicht, das Gesetz habe mehr für die Freiheit der Zuhälter und Bordellbetreiber als die der Prostituierten getan. Von dem Versuch, aus der Prostitution einen gewöhnlichen Beruf zu machen, ist das abgeklärte Wort Sexarbeit geblieben.

          Alice Schwarzer hat deshalb vor wenigen Wochen ein Buch herausgegeben, in dem sie fordert, die Prostitution zu verbieten und die Freier zu bestrafen. Die Politik ist nachgezogen und bemüht sich in den Koalitionsverhandlungen um eine Verschärfung des verunglückten Gesetzes. Weniger gut kamen Schwarzers Thesen bei vielen Prostituierten an, die sich bevormundet fühlten, und Schwarzer recht deutlich zu erklären wussten, dass sie sich nicht als Opfer verstehen und selbst über ihren Körper verfügen wollen.

          Schattierungen eines umstrittenen Gewerbes

          Wie stark die Affekte in diesem Konflikt sind, war in Sandra Maischbergers Talkshow zu erleben, die am Dienstagabend über die Möglichkeit eines Prostitutionsverbots debattierte. Schwarzer saß hier der praktizierenden Domina und Bordellbetreiberin Amber Laine gegenüber. Laines Dominastudio  steht gewiss nicht repräsentativ für die Arbeitsbedingungen der vielen tausend osteuropäischen Prostituierten, die seit den Grenzöffnungen nach Deutschland gekommen sind, um oft unter demütigenden Verhältnisses zu arbeiten; genauso wenig wie die Bizarrerotik die Grenzüberschreibungen konventionellerer Formen des käuflichen Sex beinhaltet. Lane wählte ihren Beruf nach eigenen Worten aus Abenteuerlust und Freude am bizarren Outfit. Aber sie markierte doch das Extrem eines Berufsstandes, das in Schwarzers pauschaler These ausgespart bleibt. Diese sieht Prostituierte nur als Gewaltopfer vor.

          Lane, die einen dezidiert geschäftsmäßigen Ton anschlug und lieber von erotischer Raumvermietung als von Bordell sprach, wehrte sich gegen diese Subsumierung. Auch sie hatte es aber schwer, über die Spuren hinwegzusehen, die Armutsmigration und Menschenhandel im Rotlichtmilieu hinterlassen haben.  Der bayerische Kriminalkommissar Helmut Sporer berichtete von dramatischen Veränderungen, seit im Osten die Grenzen gefallen seien. Mit dem gestiegenen Konkurrenzdruck würden die Praktiken  immer ausgefallener und riskanter, während die Preise in den Keller sänken. Zwanzig bis dreißig Freier am Tag sind für manche Prostituierte offenbar keine Seltenheit. Das sei, so Lane, aber nicht mit Prostitutionsgesetzen, sondern mit anderen juristischen Mitteln zu bekämpfen.

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