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TV-Kritik: Maischberger : Das traurige Leben von Gregor Gysi

  • -Aktualisiert am

TV-Moderatorin Sandra Maischberger Bild: dpa

Der ehemalige Fraktionsvorsitzende der Linken nimmt bei Sandra Maischberger Abschied von der Spitzenpolitik. Gysis Bilanz: gescheiterte Ehen, zu wenig Zeit für die Kinder – aber auch ein Treffen mit Nelson Mandela.

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          Politiker werden an ihren Erfolgen gemessen. In parlamentarischen Demokratien ist das mit Wahlsiegen und der Regierungsübernahme verbunden. Man erinnert sich an den Bundeskanzler Helmut Kohl, aber nicht an dessen Vorgänger im Amt des CDU-Parteivorsitzenden, Rainer Barzel. Dieser blieb bis zum Ende seiner politischen Karriere untrennbar mit dem verlorenen Misstrauensvotum und der darauf folgenden Wahlniederlage gegen Willy Brandt im Jahr 1972 verbunden. Selbst die Sichtweise auf Franz-Josef Strauß prägte sein Scheitern als Kanzlerkandidat, trotz seiner unbestrittenen Bedeutung für die CSU und den Freistaat Bayern. Bei Gregor Gysi ist das anders. Er hat im Bund nie regiert und in Berlin war er lediglich für sechs Monate (und eine Woche, so Gysi) Senator gewesen. Wie wird man unter diesen Voraussetzungen zum Thema einer Talkshow?

          Verletzungen eines Spitzenpolitikers

          Seit gestern ist Gysi nicht mehr der Fraktionsvorsitzende seiner Partei im Bundestag. Mit der Aufgabe dieser Position verliert die Linke ihren Einmann-Vermittlungsausschuss. Niemand anders konnte die Widersprüche und Konflikte einer Partei so erfolgreich moderieren wie er. Sandra Maischberger versuchte diesem Phänomen auf die Spur zu kommen. Den Politiker und die Person Gysi sichtbar werden zu lassen, der dieses Land auf seine Weise in den vergangenen 25 Jahren mit geprägt hat. Leider vertraute sie dabei nicht auf ihre eigentliche Stärke. In den 75 Minuten eine Gesprächssituation zu schaffen, wo in einzelnen Momenten hinter dem Politiker die Person Gysi erkennbar wird. Gysi sprach von der „Erleichterung“ über den Abschied von der großen Bühne, davon wie die Last der Verantwortung weggefallen sei. Damit zugleich die Zwänge, die herausgehobene parteipolitische Funktionen mit sich bringen. Die Funktion dominiert immer über die Persönlichkeit. Das wird auch bei seinen beiden Nachfolgern im Amt der Fall sein. Dietmar Bartsch und Sahra Wagenknecht werden das erleben, wenn sie nicht frühzeitig scheitern wollen.

          Frau Maischberger hätte es mit einem Einzelinterview versuchen sollen, ohne weitere Studiogäste. Es gab genügend Anknüpfungspunkte, die sich gelohnt hätten. Etwa noch einmal an den Beginn dieser erstaunlichen Karriere zu erinnern. Es wäre, so Gysi, nach 1989 darum gegangen, die alten Eliten und mittleren Funktionärskader der DDR in den neuen Staat zu integrieren. Niemand habe das damals ernsthaft gewollt, so seine Argumentation. Aber brauchte man dafür wirklich die Weiterexistenz der alten SED? Diese vor dem Untergang bewahrt zu haben, ist bis heute seine eigentliche politische Leistung gewesen. Damit bestand aber die alte Konfliktlage der deutschen Teilung auch im geeinten Deutschland weiter. Die damit verbundenen Verletzungen waren gestern Abend zu spüren gewesen. So schilderte Gysi die Atmosphäre in der DDR des Jahres 1990, wo er zuerst bespuckt worden war, ihm aber am Ende einer dreistündigen Diskussion die gleichen Leute applaudiert hätten. Solche Diskussionen kosteten Kraft, so Gysi, und „sechs Monate eines Lebens“. Vergleichbare Situationen hatten aber auch die politischen Gegner der SED erlebt, die das Beharren auf die Weiterexistenz selbst einer reformierten SED als Provokation begreifen mussten. Deren Verletzungen beruhten allerdings auf dem Machtmissbrauch der früheren Staatspartei der DDR.

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