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TV-Kritik „Männertreu“ : Wenn die Kanzlerin ruft, hat man keine Wahl

Präsidentenpaar in spe: Der Zeitungs-Herausgeber Georg Sahl (Matthias Brandt) und seine Frau Franziska (Suzanne von Borsody) in der Premiere von „Figaros Hochzeit“ Bild: HR / Bettina Müller

Der Herausgeber einer Frankfurter Zeitung soll Bundespräsident werden. Ob das eine gute Idee ist? Matthias Brandt und Suzanne von Borsody jedenfalls haben Gelegenheit zu brillieren. Und trotz mancher Schwäche ist der Film sehenswert.

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          Die Personen und die Handlung dieses Films sind frei erfunden - fast. Etwaige Ähnlichkeiten mit tatsächlichen Begebenheiten, mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig - beinahe.

          Jochen Hieber
          Freier Autor im Feuilleton.

          „Männertreu“, eine Produktion des Hessischen Rundfunks, ist das Drama, genauer: das Melodram einer Kandidatur für das höchste Amt in diesem Land, jenes des Bundespräsidenten. „Männertreu“ (Drehbuch: Thea Dorn, Regie: Hermine Huntgeburth) versucht sich zudem an einer mal elegischen und mal satirischen Parabel über die Macht der Medien, dargestellt an einer einflussreichen privaten Qualitätszeitung, am System des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, im Speziellen der Talkshows im Fernsehen, und an der Journalisten- wie Fotografenmeute, die sich bei spektakulären Pressekonferenzen oder vergleichbar skandalträchtigen Szenarien zuverlässig einstellt.

          „Männertreu“ spielt in Frankfurt am Main, Hamburg und Berlin. In Frankfurt sind die wichtigsten Handlungsorte der Kaisersaal im Römer, das Büro der Oberbürgermeisterin, die Redaktion der „Frankfurter Nachrichten“, einer Tageszeitung mit Frakturschrift im Titel, ein Nobelrestaurant, das Apartment einer Volontärin und die weitläufige Villa im Retrostil der frühen siebziger Jahre, die dem Herausgeber der Zeitung und seiner Frau, einer bekannten Scheidungsanwältin, gehört. Im Hamburg spitzt sich das Geschehen in einem Luxushotel und diversen Fernsehstudios zu. Innenräume gibt es in Berlin nicht, dafür eine Fahrt im Dienstwagen entlang der Hauptstadt-Insignien demokratischer Herrschaft - Schloss Bellevue, Reichstag, Kanzleramt.

          Das Telefonat ist so eminent wie kurz

          Der Kanzlerin übrigens verdankt der Film die mit Abstand beste Szene - gerade weil sie unsichtbar bleibt und auch nicht zu hören ist. Desto unausweichlicher ist ihre Präsenz. Sie spiegelt sich wider in Mimik und Gestik des Herausgebers Georg Sahl, der zu später Stunde ihren Anruf erhält. Gerade will er vom Beckenrand aus seiner Frau Franziska, die im hauseigenen Hallenbad ihre Bahnen zieht, die jüngste seiner vielen Affären beschwichtigend erklären und drückt deshalb das erste Klingeln des Handys noch unwirsch weg.

          Die neueste Affäre: Sahl (Matthias Brandt) und seine Volontärin Nina Ehrens (Peri Baumeister)
          Die neueste Affäre: Sahl (Matthias Brandt) und seine Volontärin Nina Ehrens (Peri Baumeister) : Bild: HR / Bettina Müller

          Dann nimmt er das Gespräch doch entgegen und strebt, der hohen Anruferin zugewandt und bisweilen ein paar Worte replizierend, ins Wohnzimmer - Franziska, den Bademantel überwerfend, folgt auf dem Fuß. Das Telefonat ist so eminent wie kurz. „Ja, ich danke Ihnen. Auf Wiedersehen, Frau Bundeskanzlerin, ja, bis morgen“, sagt Georg Sahl zum Schluss. Morgen also Berlin.

          Die Szene ist absolut brillant gespielt. Matthias Brandt, dem die Maskenbildnerin das Haar ein wenig ins Graue meliert und überdies eine Brille mit Goldrand verpasst hat, wirkt bei aller vordergründigen Souveränität wie ein schüchterner Musterschüler mit Prüfungsangst, wenn er der Kanzlerin lauscht. Suzanne von Borsody verwandelt sich binnen Sekunden von der mal wieder vergrätzten Gattin in die strahlend lächelnde Gefährtin, wortlos bereit, ihrem Mann wenn nötig nicht nur nach Berlin, sondern bis ans Ende der Welt zu folgen.

          „Ich liebe dich“, sagt Sahl zu Franziska. Es ist vollkommen wahr

          „Wir schaffen das. Zusammen, immer zusammen“, sagt Sahl. Dem Auftritt der unsichtbaren, unhörbaren Machthaberin folgt die Apotheose eines Paars, das sich auf der Siegerstraße wähnt. „Ich liebe dich“, sagt Sahl zu Franziska. Es ist vollkommen wahr. Er meint, er spürt, er empfindet in diesem triumphalen Moment genau dies: Liebe - und er hat Grund dazu. Was soll ihn jetzt noch daran hindern, der nächste Bundespräsident zu werden?

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