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TV-Kritik: „Literaturclub“ : Haare spalten, Zitate frisieren

Umstritten wegen Zitaterfindung: Elke Heidenreich Bild: dapd

Fest in deutscher Hand: der erste „Literaturclub“ des Schweizer Fernsehens nach der Affäre um Elke Heidenreichs Heidegger-Zitat und der Entlassung des Moderators.

          Zwischen der Aufzeichnung und der Ausstrahlung am Dienstag im Spätabendprogramm lag ein Tag. Auch das helvetische Boulevardblatt „Blick“ war beim „Literaturclub“ des Schweizer Fernsehens vor Ort dabei und berichtete vorab aus den Kulissen. Wie hoch am Tag nach der Aufnahme die Einschaltquoten waren, wird sich weisen – es ist Fußballweltmeisterschaft. Die Neugierde muss gewaltig gewesen sein.

          Jürg Altwegg

          Freier Autor im Feuilleton.

          Der „Literaturclub“ hat durch einen handfesten Skandal weit über die Schweiz hinaus für Aufsehen, Schlagzeilen und Kopfschütteln gesorgt. Elke Heidenreich hatte im April ein Heidegger-Zitat erfunden, das im Nachhinein nur eine Paraphrase aus zweiter Hand – oder so ähnlich, sie zitierte eine Zeitung – gewesen sein soll. Warum sie das nicht einräumte, bleibt schleierhaft – denn der Moderator wies sie dezent darauf hin, dass das Zitat von Heidegger, der die Ausrottung der Juden propagiert haben soll, im besprochenen Werk – den „Schwarzen Heften“ – nicht zu finden sei. Statt ihre Interpretation und Lesart zu erklären und ein eventuelles Missverständnis auszuräumen, schmiss sie zum Beweis der Authentizität ihres – falschen – Zitats das Buch auf den Tisch.

          Wie Hund und Katze

          Was zuvor und danach geschah, ist Gegenstand gegensätzlicher Darstellungen. Schon in früheren Sendungen standen sich Heidenreich und Zweifel wie Hund und Katze gegenüber, das war auch den Zuschauern ersichtlich.

          Tatsache ist: Stefan Zweifel wurde als Moderator entlassen. Dass er die überforderte Redaktion aufgefordert hatte, den Fall zu klären, ist auch nicht strittig. Das von allen anderen Medien ziemlich unisono kritisierte Schweizer Fernsehen gibt an, dass Zweifels brüske Entlassung weder mit dem Zitat noch mit seiner Forderung nach Aufklärung etwas zu tun habe. Sondern ausschließlich mit seinem Ungenügen als Moderator mit einer Doppelrolle, die auch jene des Kritikers umfasse. Eine Notwendigkeit, das Publikum über das falsche Zitat zu informieren, wollte es partout nicht erkennen.

          Haarige Berichterstattung

          Es waren nicht ihre literarische Interessen, welche die Zuschauer am Dienstagabend in den „Literaturclub“ trieben. Wie würde man mit dem Moderatorenwechsel umgehen und mit dem falschen Heidegger-Zitat? Dass Elke Heidenreich weiter dabei sein würde, wusste man bereits. In Interviews mit der Sonntagspresse hatte sie den Verlust von Stefan Zweifel als Kritiker in der Runde bedauert. Gleichwohl sei sie vor der Sendung sehr nervös gewesen, berichtete jedenfalls der „Blick“: „Sie ist nervös. Elke Heidenreich lässt sich vor der Aufzeichnung noch schnell die Haare richten, erklärt: ‘Sonst schreiben sie, die zitiert nicht nur falsch, die hat auch falsche Haare‘.“ Oder: Sie zieht Zitate an ihnen herbei. Und frisiert sie. Uns jedenfalls sind sie zu Berge gestanden. Auch Bilder sind Glückssache.

          Als einmaligen „Gastmoderator“ hatte das Schweizer Fernsehen Rainer Moritz aus Hamburg eingeflogen. Moritz gab seiner Freude über diese Rolle Ausdruck und machte deutlich, dass er die Diskussionen der letzten Woche nicht noch weiter „zu zerreden“ gedenke: „Die Literatur steht heute im Vordergrund.“ Das meinte er offensichtlich so ironisch wie sein Versprechen, dass alle Zitate dem Moderator vorgelegt und im voraus „zweifach geprüft“ worden seien. Da lachte das Publikum und ganz besonders vorlaut auch Elke Heidenreich. Aber es lachte schon nicht mehr, als Heidenreich aus „Im Westen nichts Neues“ zitierte, diesmal direkt aus dem Buch vorlas, Wort für Wort, und dieses dann auch sorgfältig  auf den Stapel zurücklegte: „Ende Zitat“.

          Dankbare Gäste in schwieriger Stunde

          Nach Erich Maria Remarque ging es dann noch um ein paar Neuerscheinungen. Die Sendung war fest in deutscher Hand und Rüdiger Safranski von Moritz schon in der Anmoderation als diesmal „gut gelaunt“ – oder gestimmt, oder so ähnlich – begrüßt worden.

          Sie alle – Heidenreich war von einer Schweizer Zeitung auch schon als „rhetorische Dampfwalze“ bezeichnet worden – erwiesen sich in einer der schwierigeren Stunden des Schweizer Fernsehens als dankbare Gäste und gaben sich alle Mühe, die ebenfalls anwesende helvetische Nachwuchshoffnung Hildegard E. Keller nicht ganz in Grund und Boden zu reden.

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