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TV-Kritik: Keep Your Light Shining : Der Letzte singt das Licht aus

  • -Aktualisiert am

Willy Hubbard, ein 33-jähriger Musiker aus Kaiserslautern, räumt bei der ProSieben-Musikshow ab Bild: obs

Die neue ProSieben-Musikshow verzichtete auf die Übertreibungen des Casting-Irrsinns, aber leider auch auf große Emotionen, ein besonderes Musikerlebnis und eine Moderatorin, die moderieren kann.

          Mit etwas gutem Willen kann man in der Show „Keep Your Light Shining“ den Versuch einer Abrüstung im Musikshowgeschäft sehen. Die Kandidaten müssen sich nicht demütigen lassen, nicht wochenlang irgendwelche Herausforderungen bestehen, nicht in irgendwelche Lofts einziehen. Sie brauchen keine Schicksalsgeschichten mitzubringen oder irgendwelche Beziehungsdramen auf den Titelseiten der Boulevardpresse zu zelebrieren. Und es lockt auch kein Plattenvertrag, kein großer Titel, kein Versprechen, dass sich mit dem Sieg dieser Show das ganze Leben ändern werde.

          Neun relativ normale Menschen mit nicht so schlechten Stimmen singen einfach nur einen Abend um die Wette, das Publikum wählt über das Internet oder eine App den Sieger, und der bekommt 50.000 Euro.

          Nach drei Shows standen gestern Abend drei Gewinner fest, die dann schnell noch in einem „Super-Finale“ gegeneinander antraten. Der Super-Final-Gewinner erhielt dann nochmal 50.000 Euro. Das war Willy Hubbard, ein 33-jähriger Musiker aus Kaiserslautern, und das war schön für ihn und auch nicht unverdient, aber doch ziemlich egal.

          Kein Mitfiebern, keine Anteilnahme

          Denn so schön es ist, dass die ProSieben-Sendung sich der Eskalation verweigerte und eigentlich nicht einmal eine Casting-Show war, sondern nur eine Musik-Show, so sehr fehlten ihr die Emotionen, die Anteilnahme, das Mitfiebern mit Kandidaten und die berüchtigte „Heldenreise“, auf der das Publikum die Protagonisten nach aktueller Fernsehshow-Logik begleiten muss. Immerhin mussten die auch nur selten Sätze sagen wie die schwangere Kim, die mit ihrer Teilnahme eine „Message an junge Frauen“ auszusenden hoffte, „dass man trotz der Schwangerschaft noch so viel erreichen kann.“ (Sie wurde Vorletzte.)

          Das Spiel geht so: Die Kandidaten stehen in einem großen Kreis und singen nacheinander alle ein Stück aus demselben Lied. Das Publikum stimmt währenddessen für oder gegen den gerade aktiven Interpreten. Wer die wenigsten positiven Wertungen hat, fliegt raus, sein Licht geht aus (daher der Titel, der in der Sendung kaum mehr als ein Dutzend Mal wiederholt wird), und das Spiel beginnt mit entsprechend kleinerer Kandidatenzahl von vorne.

          Regelmäßig nicht schön anzuhören

          Das ist natürlich immer wieder ungerecht. Manche Songs liegen manchen Sängern überhaupt nicht. Jeder einzelne muss sich irgendwie auf die vorgegebene Tonhöhe einstellen. Und es gibt Stellen, die sich deutlich besser eignen, schnell Eindruck zu machen, als andere. Das ist, einerseits, nicht schlimm, es ist ja nur ein Spiel. Es ist, andererseits, aber auch regelmäßig nicht schön anzuhören. Die Pflicht, die Menschen zuhause in kürzester Zeit von den eigenen Gesangskünsten zu überzeugen, führt zu angestrengtem und anstrengendem Übereinsatz. Eine Runde wirkte, als ginge es bloß darum, wer Emeli Sandés „Read All About It“ am wenigsten gründlich zerstört.

          Anders als „The Voice of Germany“ funktionierte „Keep Your Light Shining“ weder als Show für Leute, die große Emotionen sehen wollten, noch als musikalisches Erlebnis. Es war ein kleines, spielerisches Wettsingen mit gelegentlichen schönen Momenten, in denen eine Stimme mal richtig passt und glänzt und beeindruckt. Vor allem funktionierte die Sendung aber als Show für Leute, die gerne große, tolle, technisch überzeugende Fernsehstudios sehen wollen. Die ungewöhnliche Anordnung der Kandidaten in einem großen Kreis, die ungewöhnlichen Kameraperspektiven, die Lichteffekte, all das war beeindruckend - machte die fehlende Wärme und Größe in diesem bombastischen Rahmen aber noch deutlicher.

          Endlos wurden die vielfältigen Licht-Effekte im Finale zu bombastischer Musik vorgeführt, während Publikum und Kandidaten darauf warteten, dass die abschließende Entscheidung bekannt gegeben wurde. Das war dem ausufernden Geplapper, das diese Zeitschinderei in Sendungen wie „Deutschland sucht den Superstar“ füllt, deutlich vorzuziehen. Aber wenn dann, durch entsprechendes Licht, angezeigt wurde, wer gewonnen hatte, schienen alle Beteiligten davon so überrumpelt, dass für irgendein Mitfiebern kaum Gelegenheit schien.

          Auf immer wieder neue Art nichts sagen

          Die angenehm reduzierte Fallhöhe hat „Keep Your Light Shining“ in größtmöglichem Rahmen zelebriert, und was an Inhalt fehlte, um daraus eine über zweieinhalbstündige Sendung zu machen, wurde durch heiße Luft ersetzt. Zuständig dafür waren nicht zuletzt jeweils zwei prominente Sänger, die als „Experten“ von der Mitte des Kandidatenkreises aus das Geschehen verfolgten und kommentierten. In der Praxis bedeutete das die durchaus anspruchsvolle Aufgabe, auf immer wieder neue Art nichts zu sagen. Einer der beiden „Experten“ stammte jeweils aus dem Ausland, so dass selbst gelegentlich gelungene Formulierungen von der Synchron-Übersetzung durch belangloses Nichts (oder das Gegenteil des Gesagten) ersetzt wurde.

          Der Rest an Leidenschaft und Spontaneität wurde dann zuverlässig von der Moderatorin zerstört. Wenn von „Keep Your Light Shining“ irgendetwas in Erinnerung bleiben wird, dann die grandios abwegige Idee, die Show von Annica Hansen präsentieren zu lassen. Aus Gründen, die nicht unmittelbar einleuchten und sich jedenfalls nicht durch ein Talent erklären lassen, taucht das Model seit Jahren immer wieder mit wechselnden Frisuren in moderationsähnlichen Situationen im Fernsehen auf.

          Bei „Keep Your Light Shining“ bildete sie einen interessanten Kontrast zu den vergleichsweise professionell agierenden Amateur-Sängerinnen und Sängern. Sicherheitshalber beschränkte sie die Zahl spontan benutzter Adjektive auf ungefähr eins (“großartig“). Nach einer katastrophalen ersten Show, in der sie zum Gespött von halb Twitter wurde, besserte sie sich allerdings und schaffte es gelegentlich, halbwegs natürlich gleichzeitig Moderationskarten und ein Mikrofon zu halten und sich beim Reden zu bewegen oder beim Bewegen zu reden.

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