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TV-Kritik „Jauch“ : Sterben, wenn der Arzt hilft?

  • -Aktualisiert am

Gibt es ein Recht zu sterben? Bild: dpa

Günter Jauchs Talkrunde über das Recht auf selbstbestimmtes Sterben wurde nicht zur Show, sondern zeigte einen bemerkenswerten christlich-sozialdemokratischen Schulterschluss. Nur über den Zusammenhang von Sterben und Pflege wurde leider geschwiegen.

          Der Diskurs über die rechtlichen Bedingungen des Sterbens in dieser Gesellschaft wird schon seit langem weder offen geführt, noch beeindrucken hier Menschen, die von überraschenden Erfahrungen berichten können oder die aus anderen Gründen ihre Position grundlegend verändert haben. Dennoch nehmen sich die Talkredaktionen des Themas immer wieder gerne an – und die Gäste erfüllen in den meisten Fällen die in sie gesetzten Erwartungen, ereifern sich, wie bei anderen emotionalisierten Themen, fallen sich ins Wort, haben stets ein passendes schweres Schicksal zur Hand, das dieses oder jenes beweist, so dass am Ende nicht mal mehr ein Faktencheck Licht ins Dunkel der Rhetorik bringt.

          Das Quartett aus einem betroffenen Politiker, einem engagierten Journalisten, einem aktiven Sterbehelfer und einer Pfarrerin, das Günter Jauch in seine sonntäglich Sendung eingeladen hatte, versprach nichts anderes: viel Gesinnung mit wenig Überzeugungskraft.

          Dass es dann doch anders kam, ist nicht zuletzt den freundlich-insistierenden Fragen des Moderators zu verdanken mit denen er insbesondere den ehemaligen MDR-Intendanten Udo Reiter zwar nicht aus der Fassung, wohl aber in die Bredouille brachte. Reiter, der in einem Zeitungskommentar verlangt hatte, dass alle und jeder eine Möglichkeit haben müssen sich im Fall von Lebenssattheit statt sich vor den Zug zu werfen, mit ärztlicher Hilfe aus dem Leben scheiden zu können, wollte zwar jetzt im Fernsehen erläutern, was er eigentlich meinte. Auf Jauchs Frage, ob seine Forderung denn auch ein Recht auf Suizidbeihilfe für lebenssatte Jugendliche und für depressive Menschen umfasse, verwies er stattdessen aber nur auf ein zu regelndes, nicht näher bestimmtes Verfahren, das verhindern solle, dass Menschen sich „einfach so“ umbringen.

          „Der Tod ist ein Geschick“

          Die Mischung aus radikalem Konzept und äußerst vagen Vorstellungen, wie die Umsetzung erfolgen sollte, die Reiters Auftreten prägte, ist auch angesichts seiner eigenen Erfahrungen erstaunlich. Immerhin hatte der Journalist, der mit 23 Jahren verunglückte und sich dabei eine Querschnittlähmung zuzog selbst kurz darauf ernsthaft daran gedacht, sich zu töten. Von Jauch darauf angesprochen und gefragt, ob er sich nicht mit seinen Vorschlägen, wären sie damals schon umgesetzt gewesen, auch selbst entmutigt hätte, gab Reiter nur knapp zurück, er habe seinen Plan ja damals nicht umgesetzt und sich helfen lassen, ihm gehe es jetzt aber um die, die das nicht wollten.

          Klug und pointiert bezog die Theologin Petra Bahr gegen Reiter Position: während Reiter auf das Rechts des Einzelnen abstellte selbstbestimmt über seinen Tod zu entscheiden, hob sie hervor, dass jeder Mensch in einem sozialen Zusammenhang lebe und Selbstbestimmung daher bedeute, sein Leben zu gestalten, auch wenn man sich dafür in die Hände anderer begeben müsse. Der Idee, es könne ein Recht auf einen selbstbestimmten Tod geben, trat sie entschieden entgegen: für den Menschen sei sein Leben ein Geschenk und der Tod ein Geschick, das sich nicht kontrollieren lasse. Zwar hielten sowohl Reiter, als auch der Urologe Uwe Christian Arnold, der sich dazu bekannte als Arzt vielen Menschen zum Suizid verholfen zu haben, der Theologin Bahr entgegen, dass andere Christen, wie beispielsweise Hans Küng, das anders sähen.

          Das war aber kein Argument, denn Bahr hatte selbst schon klar gestellt, dass ihre Position sich zwar christlich begründen lasse, dass sie aber auch anders herzuleiten sei. Franz Müntefering, der in der Diskussion schon entschieden Position bezogen hatte, unterstrich das auf seine Weise, indem er sich auf den aus der Arbeiterbewegung gewonnenen Wert der Solidarität berief, der gerade die Menschen einbeziehen müsse, deren Lebenswert im Rahmen der aktuellen Diskussion um Sterbehilfe in Frage gestellt werde.

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