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TV-Kritik: „Ich stelle mich“ : Wir sind jetzt mal unberechenbar

  • -Aktualisiert am

Will Überraschendes in übersichtlichen Mustern präsentieren: Sandra Maischberger Bild: picture alliance / dpa

Experimentieren in Zeiten des Sommerlochs: Sandra Maischberger will ein altes Fernsehformat neu aufleben lassen. „Ich stelle mich“ heißt die Show, die den jeweiligen Gast einem Persönlichkeitstest unterzieht.

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          Wie man einer Persönlichkeit nahekommt, zeigte Sandra Maischberger kürzlich in dem Porträt, mit dem die ARD Alfred Biolek zum achtzigsten Geburtstag gratulierte. Der Film nahm sich Zeit. Er trieb Archivmaterial und Gefährten auf, begleitete Biolek auf Reisen, beobachtete seine Blicke und lauschte den Sätzen, die von seiner Erinnerung an die Eltern, den amerikanischen Partner und Orte seines Lebens geleitet wurden. Die Vertreibung, die Flucht aus der Kleinstadt, das Schwulsein: Der Zuschauer durfte anderthalb Stunden in den Menschen hineinschauen, und ein Film über das Altern war es nebenher auch.

          In einer Talkshow, einem vergleichsweise preiswerten Format, wäre das nicht einmal mit einer erfahrenen, allseits respektierten Interviewerin wie Sandra Maischberger möglich gewesen. Die Promis, die sich heute noch auf eine Talkshow einlassen, haben Berater, die am liebsten alles skripten, planen und kontrollieren würden. Die wirklich interessanten Gäste vertrauen sich, in heikler Lage, im Zweifel lieber einem Print- oder Online-Journalisten an.

          Der Gast soll überrascht werden

          Was geht noch in einem Fernsehen, dem das Unerwartete so abhandenkam, dass WDR-Fernsehdirektor Jörg Schönenborn „mehr Überraschungen im Programm“ und Dinge auszuprobieren fordert, „von denen wir am Anfang noch nicht so genau wissen, wie sie am Ende aussehen“?

          Der WDR experimentiert im Sommerloch jedenfalls mit Sendungen wie der schrägen Comedy-Show „Die unwahrscheinlichen Ereignisse im Leben von ...“, die am 20. Juli Premiere hatte. Und auch Sandra Maischberger, deren Karriere einst mit „Live aus dem Schlachthof“ im Bayrischen Rundfunk, „Talk im Turm“ bei Sat.1 und „0137“ auf Premiere begann, wollte „noch einmal nachschauen, ob es nicht was Neues gibt, von dem wir etwas lernen können“.

          Nur greift ihr Versuchsaufbau auf Altbewährtes zurück: Die vier Talk-Runden, die sie im Juli aufzeichnete, orientieren sich an der von Claus Hinrich Casdorff zwischen 1980 und 1993 moderierten Sendung „Ich stelle mich“ - einer populären, von der ARD vor acht Jahren noch einmal für vier Folgen als „Zuschauertalk“ mit Schönenborn aufgewärmten Sendung. Casdorff, hieß es in dieser Zeitung seinerzeit, rede mit seinen Gästen über alles, vom Vorleben bis zum Küchentisch, lasse „niemand ungestraft“ ausweichen und komme daher wie die Inquisition. Hier ist es auch der Gast, der überrascht werden soll.

          Wechselnde Tonlagen, klare Strukturen

          „Casdorff haben viele als sehr kritischen, investigativen Journalisten in Erinnerung“, sagt Sandra Maischberger bei den Aufnahmen in Köln, „aber bei ,Ich stelle mich‘ war zugleich eben auch viel Unterhaltsames und Unvorhersehbares drin.“ Diese Mischung findet sie interessant.

          Ein reiner „Hard Talk“ wäre auf dem späten, von „sehr bunter, lauter und unterhaltsamer Konkurrenz“ eingerahmten Programmplatz nicht durchzusetzen. „Wenn ich Programmmacher wäre, würde ich da eine andere Schiene für freiklopfen.“ Wo es persönliche Formate gibt, fehlt ihnen schnell die Ernsthaftigkeit oder die Zeit. Und das eine, das Thema, ist vom dem anderen kaum zu trennen, dem Leben desjenigen, der es prägt.

          In den vier „Ich stelle mich“-Folgen werden das Politische und Persönliche unter diesen Vorzeichen in einer klar strukturierten, wechselhafte Tonlagen gestattenden Sendung zusammengebracht. Der CDU-Politiker Wolfgang Bosbach beispielsweise wird, nachdem ihn Maischberger im Eins-zu-eins-Interview mit vorwurfsvollen Zuschreibungen wie „rechter Populist“ konfrontierte, auf seine offenherzige Mutter und den besten Freund treffen.

          „Rückkehr zu Lebendigkeit und Freiheit“

          Er wird am Stehpult von Volker Beck zu einem unangekündigten, unmoderierten Streitgespräch zum Thema Integration herausgefordert. Die Kamera wird alte Wahlkampf- und Kinderbilder zeigen. Und „De Höhner“ halten ihm beim Stichwort Karneval als fröhliches Überrumpelungskommando das Gesangsmikrofon vor den Mund.

          In der Verkürzung klingt das altbacken. Und etwas viel Bosbach gibt es auch. Hier und da aber rutscht die Maske tatsächlich. Dann sitzt Bosbach da als braver Sohn konservativer Eltern. Als Supermarkt-Leiter ohne Liechtenstein-Coolness. Und als Politiker, bei dem man nicht weiß, wo der echte Rheinländer aufhört und der inszenierte beginnt.

          „Es geht nicht darum, jemanden auf offener Bühne zu überführen“, sagt Sandra Maischberger, „sondern um eine Stunde, die ganz von der Persönlichkeit des Gastes gefärbt werden kann. Und um die Rückkehr zu etwas Lebendigkeit und Freiheit.“ Ungewohnt ist das nicht bloß für die Gäste, sondern auch für die Produktion. Die Kontrollfreaks sitzen ja nicht nur vor, sondern vor allem hinter der Kamera.

          Ob aus den sommerlichen Test-Sendungen, bei denen Maischberger außer auf Bosbach auf die trockene Sarah Wagenknecht, den durchtrainierten Heiner Lauterbach und den steinformenverliebten Günther Wallraff trifft, eine ausgewachsene Sendereihe wird, weiß sie nicht. Darüber habe man angeblich weder nachgedacht noch gesprochen. Sie verrät auch nicht, ob einzelne Elemente bald in „Menschen bei Maischberger“ auftauchen werden, als Bereicherung einer Sendung, die vom WDR eine Zeitlang „quotenabhängig“ honoriert wurde und durchaus Wandel erlebte; der aktuelle Vertrag läuft Ende 2015 aus. Ein kleines Ausprobieren, nichts weiter? Als Live-Sendung wäre das interessant.

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