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TV-Kritik: „heute show“ : Was fällt denn dem Welke ein?

Kann beruhigt Mittag machen: Oliver Welke von der „heute show“. Bild: ZDF und Willi Weber

Das Erdogan-Gedicht und dessen Folgen beschäftigen selbstverständlich auch die Satiriker der „heute show“. Sie werfen im Glashaus ZDF fleißig mit Steinen. Und ihnen ist dabei ganz wohl.

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          Das Gute an der Causa Böhmermann ist, dass jetzt offenbar noch der letzte in diesem Land verstanden hat, was mit dem türkischen Präsidenten los ist. Das Erstaunliche und weniger Erfreuliche ist, wie vielen zuvor offenbar nicht klar war, wie weit es Erdogan auf dem Weg zum Despoten inzwischen gebracht hat. Krieg gegen die Kurden, Haft für kritische Journalisten, mehr als 1800 Prozesse wegen Beleidigung, dichtgemachte Verlage? Einmischung in die inneren Angelegenheiten anderer Länder; der Versuch, den Völkermord an den Armeniern aus deutschen Schulbüchern zu tilgen, Einflussnahme auf islamische Bildung? Noch nie von gehört? Muss wirklich erst Jan Böhmermann kommen und einen unsäglichen Text vortragen, bis die hiesige Öffentlichkeit aufwacht?

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Schon singen alle im Chor „Je suis Böhmi“ und meinen, die Bundeskanzlerin mache jetzt einen Kotau vor Erdogan, weil sie ein Verfahren nach dem seltsamen Paragraphen 103 Strafgesetzbuch gegen Böhmermann zulässt. Dabei ist Angela Merkel vor dem türkischen Präsidenten gerade diesmal nicht eingeknickt. Sie setzt schlicht auf Gewaltenteilung.

          Wer kann so doof sein?

          Dass Oliver Welke und die „heute show“ im ZDF das kapierten, stand nicht zu erwarten. Heute, sagte Welke, der im Programm des Zweiten Deutschen Fernsehens mal als Komödiant, mal als Fußballmoderator auftritt, sei aus der Sache „eine Affäre Merkel geworden“. Bis gestern habe er gedacht, „so doof kann unsere Regierung gar nicht sein“, doch sie sei es. Die Auslieferung von Böhmermann an die Türkei sei übrigens für diesen Samstag, morgens um sechs Uhr geplant, Angela Merkel fahre ihn persönlich.

          Wie schön sei dieses Deutschland doch gewesen, „als wir noch Satirefreiheit hatten“. Die Bundesregierung übe sich in Duckmäusertum, Merkel habe Böhmermann vorverurteilt und nun – so der Tenor der „heute show“ - haben wir eine „Staatskrise“.

          An dieser Stelle, an der Oliver Welke so richtig in rasender Fahrt war, eigentlich noch mehr als der auf Ausbrüche abonnierte Gernot Hassknecht, würden wir gerne einmal einhaken: Wir haben also eine Staatskrise? Wegen eines Textes, den das ZDF aus seiner Mediathek entfernt hat, weil er den Qualitätsansprüchen und Standards des Senders nicht genügt? Wir müssen erst „Ziegenficken“ und „Präsidentenpimmel“ (Zitat Welke) sagen, bevor klar ist, was Presse-, Kunst- und Satirefreiheit bedeutet? Die angeblich keine Grenzen hat?

          Mit Kretschmann-Helmfrisur

          Die „heute show“ hat offenbar noch nie Post von einem Juristen wie dem bekannten Anwalt bekommen, den sich Jan Böhmermann nun genommen hat, um sich gegen Erdogan zu verteidigen. Der ist nämlich als Rechtsbeistand durchaus nicht unhäufig auf Seiten derjenigen zu finden, die der Presse ihre Grenzen aufzeigen wollen. Was vollkommen legitim ist, weil es den Meinungsstreit in eine juristische Auseinandersetzung überführt, wie sie einen Rechtsstaat auszeichnet. Aber so etwas lässt sich wohl schwerlich in eine Pointe in einer Satiresendung des Senders verwandeln, der, wie schon erwähnt, so seine Probleme mit dem Text hat, mit dem alles anfing.

          Aber in der „heute show“ ist das wenigstens noch halbwegs witzig und die Sendung teilt schön nach allen Seiten aus (die Kretschmann-Helmfrisur steht Welke übrigens gut, sollte er häufiger aufsetzen, hat was von Mainzer Fastnacht). Viel witziger und geistreicher jedenfalls als in dem nachfolgenden Kulturmagazin „aspekte“, in dem der Medienwissenschaftler (Kenner werden bei der Berufsbezeichnung gleich skeptisch) Norbert Bolz ganz ohne Witz und allen Ernstes und natürlich mit der richtigen „Haltung“, für die ihn der Moderator ausdrücklich lobte, behauptete, die Entscheidung der Bundesregierung in Sachen Böhmermann sei „absurd und durch nichts zu rechtfertigen“, die Presse- und Meinungsfreiheit sei bedroht und Böhmermann genial, weil er den Potentaten Erdogan endlich entlarvt habe und eine Diskussion über die Meinungsfreiheit ermögliche, für die es „leider Gottes“ ja offenbar doch Grenzen gebe.

          Was erlauben Bolz? Wie wäre es, wenigstens mal für zehn Minuten in einer Vorlesung eines Kollegen der juristischen Fakultät zum Thema Pressefreiheit und Persönlichkeitsrecht aufzutauchen, bevor man den Untergang des Abendlandes beschwört? Und wenn das schon fürs Armageddon taugt, was sollen dann die Journalisten und Bürger in der Türkei sagen, die von Erdogan verfolgt werden und nicht darauf vertrauen dürfen, dass es eine staatliche Institution gibt, die sie vorurteilsfrei anhört? „Meine Probleme möchte ich haben“, sagte Kurt Tucholsky. Wir haben unsere Probleme, reichlich.

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