TV-Kritik: Hart aber fair : Das nihilistische Töten
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Trauernde zünden in Brüssel Kerzen für die Opfer der Anschläge vom Dienstag an. Bild: dpa
Der Terror von Brüssel soll ganz Europa treffen. Die Dschihadisten wollen, dass ihre Botschaft, jederzeit töten zu können, allen in die Glieder fährt. In den Talkrunden zeigt sich, wie schwer es ist, dem zu widerstehen.
In der ersten Meldung ist von einer Detonation die Rede und von Verletzten. Da weiß man schon: Dabei wird es nicht bleiben. Es wird von weiteren Bomben die Rede sein, von Toten und Verletzten, die Zahlen werden steigen. Das war in Paris so, das ist in Brüssel so. In kurzer Zeit summieren sich die Angaben im Live-Ticker zu dem befürchteten Befund eines verheerenden Terroranschlags. Er kostet mehr als 30 Menschen das Leben, mehr als 230 werden verletzt, und eine ganze Stadt wird lahmlegt.
Der Anschlag, sagt Bundesinnenminister Thomas de Maizière, habe nicht nur den Menschen in Brüssel gegolten. Er gelte uns allen, er gelte der freien Welt, sagt auch der französische Staatspräsident François Hollande. Inmitten dieser demonstrieren die Attentäter die Allgegenwart ihres Terrors. Er kann Jeden treffen, er dringt in das Leben jedes Einzelnen ein und will uns die Freiheit nehmen. Denn die Front, die die Mörder bilden, beginnt an der nächsten U-Bahn-Station, am Bahnhof, am Flughafen, im Stadion, auf dem Marktplatz. Die Menschen sollten bleiben, wo sie sind, das sei am sichersten, empfehlen die belgischen Behörden.
Korrespondenten bleiben im Studio
Die Korrespondenten, die wir im Fernsehen hören, haben die undankbare Aufgabe, Hintergründe zu dem Geschehen zu liefern, dessen aktuelles Ausmaß sie gar nicht kennen können. Von dem wissen näherungsweise die Kollegen in der Nachrichtenredaktion, die Agenturmeldungen und das Internet im Blick haben. Twitter-Botschaften werden verlesen.
Vom französischen Fernsehen kommt die Einspielung des Interviews mit einer jungen Frau, die am ganzen Körper zittert. Sie war direkt an einem der Anschlagsorte und steht offensichtlich unter Schock. Reporter drängen an sie heran, jemand hält ihr sein Handy vor das Gesicht, bis endlich jemand erkennt, dass sie dringend ärztliche Hilfe benötigt. Im Fernsehen beginnt da schon die Stunde der Experten, die darauf geeicht sind, zu mutmaßen – etwa dass die Anschläge mit der Verhaftung des Paris-Attentäters Salah Abdeslam zusammenhängen könnten. Im Internet brüstet sich schon die Terrorgruppe „Islamischer Staat“ mit dem Massenmord. Der belgische Außenminister warnt, in Brüssel könnten noch weitere Attentäter unterwegs sein. Es ist noch nicht vorbei. Nicht nur an diesem Tag, nicht nur in Brüssel.
„Die eigenen Ängste verstehen“
Am Ende des Tages will Frank Plasberg im Ersten den Versuch unternehmen, „die eigenen Ängste“ zu verstehen. Doch nicht nur um die muss es gehen, sondern darum, zu verstehen, was der Terror bedeutet. Wo er herkommt und wie man ihn am besten bekämpft. Schalten wir nur ein Jahr zurück, wird die Allgegenwart des islamistischen Massenmordes deutlich, angefangen bei dem Attentat auf „Charlie Hebdo“ über die Anschläge in der Türkei und in Paris bis nach Brüssel.
„Wir dürfen uns das normale Leben nicht wegbomben lassen.“ Das ist ein Satz, den wir an diesem Tag nicht zum ersten Mal hören, bei Plasberg spricht ihn der SPD-Politiker Rudolf Dreßler aus, der fünf Jahre lang Botschafter in Israel war, als dort die zweite Intifada tobte. Den Satz wollen alle unterschreiben, doch sind nicht alle so klar wie der ARD-Korrespondent in Brüssel, Rolf-Dieter Krause. Er lenkt den Blick darauf, dass es nicht reicht, die Tugenden der freien, offenen Gesellschaft zu beschwören, sondern dass man etwas dafür tun müsse. Er meint damit die muslimische Gemeinde im Brüsseler Stadtteil Molenbeek, die dafür Sorge tragen müsse, dass die Mörder in ihrem Bezirk keinen Schutz- und Rückzugsraum finden. Das sei die Pflicht von Mitbürgern, die sich als Bürger der freien Gesellschaft verstünden.