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TV-Kritik: „Hart aber fair“ : Zerrüttetes Europa

  • -Aktualisiert am

Moderator Frank Plasberg Bild: dapd

Politiker kennen sich mit einem Thema gut aus: Den Gefahren für ihr Image. Das zeigte die gestrige Sendung von Frank Plasberg. Es stellt sich nur die Frage, was passiert, wenn diese Kernkompetenz nicht mehr ausreichen sollte.

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          Vielleicht sollte Yanis Varoufakis, der nach nur sieben Wochen Amtszeit bekannteste Finanzminister Europas, Julian Reichelt als Pressesprecher engagieren. Dieser versteht sich auf Formulierungen, die auch ohne den berühmten Mittelfinger auskommen. Er kennt sich nämlich aus mit der „Zuspitzung“, allerdings mit den „Methoden des Boulevards“, um zu erstaunlichen Erkenntnissen zu kommen. Wenn Reichelts bisheriger Arbeitgeber namens Bild von „Pleite-Griechen“ oder „Griechen-Raffkes“ spricht, meinen sie gar nicht die Griechen. Vielmehr die deutsche Politik und den Bundestag, wo mit großer Mehrheit die bisherige Euro-Politik beschlossen worden ist. Auf diese Idee muss man erst einmal kommen: Von Griechen zu reden und die deutsche Politik zu meinen.

          Allerhand Imageprobleme

          Dieses Spannungsverhältnis zwischen Sagen und Meinen ist mittlerweile das eigentliche Thema der europäischen Politik. Spötter könnten das für die lange vermisste europäische Öffentlichkeit halten. Wahrscheinlich war das der Grund, warum Frank Plasberg sein Thema „Pleite und beleidigt - müssen wir diese Griechen retten?“ am Sonntag Nachmittag in „Pleite, beleidigt und dreist - hat Griechenland dieses Image verdient?“ modifizierte. Aus einer politischen Frage wurde jetzt eine über die Rolle der Medien. Denn über Images wird dort entschieden und nicht im Bundestag. Damit hat jeder Gast seine Erfahrungen gemacht. So wird Thomas Oppermann, SPD-Fraktionsvorsitzender im Bundestag, dabei weniger an Varoufakis als an den früheren Fraktionskollegen Sebastian Edathy gedacht haben. Von dem Imageschaden dieser Affäre hat er sich bis heute noch nicht erholt.

          Jorgo Chatzimarkakis, im Mai ausscheidender Sonderbotschafter Griechenlands für eine europäische Wirtschaftsstrategie, hat das Problem unter dem Oberbegriff Plagiatsaffäre kennengelernt. Selbst der Ökonom Hans-Werner Sinn musste vor Jahren mit den Imageverlusten leben, den seine Bemerkung auslöste, Manager würden wie Juden verfolgt. Michael Spreng, Journalist und Politikberater, kümmerte sich dagegen im Bundestagswahlkampf 2002 um das Image Edmund Stoibers. Wahrscheinlich war das die schlimmste Zumutung von allen. Nur Katja Kipping, Vorsitzende der Linken, hat ein anderes Problem: Sie muss sich die Frage stellen, welches Image sie eigentlich hat. Über das der Bild-Reporter muss man nicht reden.

          „Psychologie und Taktik“

          So saßen lauter ausgewiesene Image-Experten an Plasbergs Tisch. Das führte zu interessanten Konstellationen. Reichelt vermisste bei Varoufakis die Inhalte, die die Bild schon seit fünf Jahren laufend wiederholt. Oppermann hatte gegen die Inhalte bei Varoufakis etwas einzuwenden, die Reichelt vermisste. Spreng kritisierte dagegen den griechischen Finanzminister, weil er nur Interviews gibt, sich um „Psychologie und Taktik“ kümmere anstatt die Haushaltszahlen mitzuteilen. Nun sitzt allerdings auch nicht der deutsche Amtskollege Wolfgang Schäuble den ganzen Tag in Berlin, um Zahlungseingänge zu kontrollieren. Er kümmert sich um „Psychologie und Taktik“, gibt Interviews und hält Reden, will die deutsche Finanzpolitik vor der Öffentlichkeit begründen. Das gehört zur Aufgabenbeschreibung jeden Politikers. Es ist schon erstaunlich, was ein Politikberater wie Spreng so formuliert.

          Das kann man Hans-Werner Sinn allerdings nicht vorwerfen. Im Gegensatz zu den anderen Gästen ging er davon aus, dass die Regierung in Athen genau weiß, was sie tut. Nämlich mit einer unhaltbaren Situation umzugehen. Er teilt zwar nicht die Schlussfolgerungen, aber durchaus weite Teile der Analyse mit der Regierung in Athen. Das hat aber Konsequenzen. Sinn geht es nicht um die politischen Störgeräusche, die jeden Tag neu diskutiert werden, sondern um die objektiven Bedingungen, mit denen die Regierung in Athen zu kämpfen hat. Diese werden sich im Euro nicht verbessern lassen, so seine These, weil die griechische Gesellschaft die dafür nötigen Anpassungsprozesse unmöglich erbringen kann. Das ansonsten zu hörende Gerede von der fehlenden Reformbereitschaft oder den nicht gemachten Hausaufgaben ist somit gegenstandslos, weil dafür nicht die Voraussetzungen existieren. Griechenland, so Sinn, kann somit nur unter einer Bedingung im Euro bleiben. Wenn die Bereitschaft der anderen Europäer existiert, diese Volkswirtschaft dauerhaft zu subventionieren. Ohne diese Ausgleichsmechanismen kann eine  Währungsunion nicht funktionieren.

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