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TV-Kritik: Hart aber fair : Weltspartag, aber ohne Zinsen

  • -Aktualisiert am

Für Sahra Wagenknecht sind Banken noch immer rücksichtslose Hasardeure mit traumhaften Renditen. Bild: WDR/Dirk Borm

Die Deutschen leiden unter der Nullzinspolitik der Europäischen Zentralbank. Aber sind heute wirklich noch die Banken unser Problem, oder nicht vielmehr deren fehlendes Geschäftsmodell?

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          Frank Plasberg hat die guten alten Zeiten wieder aufleben lassen. Wenigstens für die zu den älteren Semestern gehörende Babyboomer-Generation: Er erinnerte uns an den Weltspartag, der jedes Jahr am letzten Werktag im Oktober ist. Damals brachten die Kinder ihre Ersparnisse zur Sparkasse, um sich anschließend „noch die Zinsen des vergangenen Jahres nachtragen zu lassen“, so Plasberg. Im Gegensatz zu heute, wo der Anleger von der Nullzinspolitik der Zentralbanken geplagt wird.

          So kann die Erinnerung täuschen. Nach modernen Kriterien war Mitte der 1970er Jahre das Sparbuch die dümmste Geldanlage der Nachkriegszeit. Die westlichen Industrieländer waren von einer hohen Inflation geplagt. Gleichzeitig gab es auf das Sparbuch nur mickrige Zinsen. Es war jenes Phänomen des „negativen Realzinses“ zu besichtigen, das gestern Michael Kemmer, Hauptgeschäftsführer des „Bundesverbandes deutscher Banken“, ansprach. Er meinte das als Trost für den frustrierten Anleger, der heute auf sein eingesetztes Kapital keine Rendite mehr erwarten kann.

          Moderne Finanzexperten

          Das Beispiel von Plasberg dokumentiert den Kulturwandel, den diese Gesellschaft und die Finanzmärkte in den vergangenen Jahrzehnten erlebt haben. Denn damals waren viele Finanzexperten schlicht verzweifelt am Starrsinn der Deutschen, ihr Geld ausgerechnet dem Sparbuch anzuvertrauen. Für diese Sichtweise stand der langjähriger Moderator des ZDF-Verbrauchermagazins WISO, Michael Opoczynski. Er betrachtete das Sparen unter den heutigen Bedingungen als eine sinnlose Angelegenheit, wenigstens wenn man es als Kapitalanlage mit entsprechender Renditeerwartungen definiert.

          Um auf die Erfahrungen des jungen Frank Plasberg zurückzukommen: Er wusste sicherlich nichts über den „negativen Realzins“. Das betraf wahrscheinlich sogar seine Eltern und Großeltern. Es hatte auch kaum jemand die Erwartung an Kapitalmärkte, damit seinen Lebensabend oder sogar seine Konsumausgaben zu finanzieren. Man war schon zufrieden, wenn Sparer in diesem Land nach zwei Konkursen bis 1945 nicht alles wieder verloren haben. Ansonsten vertraute man auf die gesetzliche Rentenversicherung und das Auskommen über einen gesicherten Arbeitsplatz.

          Trostlose Lage der Banken

          Opoczynskis Definition des Sparens wäre den meisten Deutschen fremd vorgekommen. Sie kamen nicht auf die Idee, mit Geld möglichst viel Geld zu verdienen, sondern betrachteten das Sparen klassisch als Rücklage für schlechtere Zeiten. Aber selbst Ralph Brinkhaus mochte sich als Finanzexperte der früher konservativ genannten CDU/CSU-Bundestagsfraktion nicht richtig zu diesem altväterlichen Grundsatz bekennen.

          Sparen als Rücklage für schlechtere Zeiten? Selbst Ralph Brinkhaus, Finanzexperte der früher konservativ genannten CDU/CSU-Bundestagsfraktion, mag sich nicht richtig zu diesem altväterlichen Grundsatz bekennen.
          Sparen als Rücklage für schlechtere Zeiten? Selbst Ralph Brinkhaus, Finanzexperte der früher konservativ genannten CDU/CSU-Bundestagsfraktion, mag sich nicht richtig zu diesem altväterlichen Grundsatz bekennen. : Bild: WDR/Dirk Borm

          Dafür gab es einen guten Grund. Schließlich hatten sich - mit Ausnahme der Linken - alle politischen Parteien für den gesellschaftlichen Wandel zu dem modernen Verständnis des Sparens von Opoczynski eingesetzt. Wer aber seit Jahrzehnten auf die Renditeerwartungen der Kapitalmärkte setzt, bekommt unter den derzeitigen Bedingungen zwangsläufig ein Legitimationsproblem. Denn ohne die versprochenen Renditen funktioniert die kapitalgestützte Altersvorsorge als Alternative zur gesetzlichen Rentenversicherung nicht mehr. Und diese hat heute nur noch eine Grundsicherungsfunktion. In vielen Fällen noch nicht einmal das.

          Betrachtet das Sparen unter den heutigen Bedingungen als sinnlose Angelegenheit: der langjähriger Moderator des ZDF-Verbrauchermagazins WISO, Michael Opoczynski.
          Betrachtet das Sparen unter den heutigen Bedingungen als sinnlose Angelegenheit: der langjähriger Moderator des ZDF-Verbrauchermagazins WISO, Michael Opoczynski. : Bild: WDR/Dirk Borm

          Auf diesen Aspekt machte Sahra Wagenknecht aufmerksam. Aber ihre Argumentation hatte ein Defizit. Auch sie konnte nicht der Neigung widerstehen, die Banken immer noch so zu beschreiben, wie wir es seit 2008 kennen. Als rücksichtslose Hasardeure mit traumhaften Renditen, die sie auf Kosten der Kunden machen. Zwar sind Banken überraschenderweise immer noch am Profit orientierte Unternehmen. In der Sendung wurde daher deutlich, warum Bankberater keine Berater sind, sondern Verkäufer von Finanzprodukten. Der so gerne propagierte mündige Konsument ist halt zumeist eine Illusion, die aber immerhin das Geschäftsmodell von Verbraucherschützern sichert.

          Bankberater sind keine Berater, sondern Verkäufer von Finanzprodukten: Klaus Nieding, Fachanwalt für Bank- und Kapitalmarktrecht, im Gespräch mit Frank Plasberg.
          Bankberater sind keine Berater, sondern Verkäufer von Finanzprodukten: Klaus Nieding, Fachanwalt für Bank- und Kapitalmarktrecht, im Gespräch mit Frank Plasberg. : Bild: WDR/Dirk Borm

          Klaus Nieding, Anlegerschützer der „Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz“, machte in einem Interview mit Plasberg deutlich, was darunter zu verstehen ist. Das alles kann die Marx-Kennerin Wagenknecht nur wirklich nicht erstaunen. Aber stimmt ihre Argumentation von den rücksichtslosen Hasardeuren bei den Banken überhaupt? Schließlich konnte man von Kemmer nicht erwarten, auf die trostlose Lage einiger seiner Mitglieder im „Bundesverband deutschen Banken“ hinzuweisen.

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