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TV-Kritik: Hart aber fair : Was Trump und Merkel gemeinsam haben

  • -Aktualisiert am

Frank Plasberg (rechts) diskutiert mit seinen Gästen über Erfolge von Populisten. Bild: WDR

Frank Plasbergs Debatte über Donald Trumps populistische Methoden liefert auch Erkenntnisse über den Zustand der deutschen Politik. Dabei geht es nicht nur um die AfD, sondern auch um die Haltung der Kanzlerin.

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          Eine der interessantesten Aussagen gestern Abend kam von einem Zuschauer. Er wählte seit Jahrzehnten die SPD, so seine Auskunft, aber er habe in seinem Leben noch nicht einmal das Wahlprogramm seiner eigenen Partei gelesen. Dieser Zuschauer wurde damit zum Gegenentwurf des CDU-Außenpolitikers Norbert Röttgen. Dieser verkörpert jenes zeitgenössische Politikverständnis, wo viel von Pragmatismus und von Lösungen die Rede ist. Politik erscheint streng sachorientiert, fast so wie Max Weber die Logik moderner Bürokratien beschrieben hat. Röttgen sprach von differenzierten Antworten auf komplexe Probleme, um sich von den Populisten abzugrenzen. Emotionen spielten in seiner Argumentation keine Rolle.

          Eindruck der Maßlosigkeit

          Natürlich liest kaum ein Wähler ein Wahlprogramm, egal von welcher Partei. Diese dienen vor allem der innerparteilichen Willensbildung. Die Vorstellung, ein Wähler könnte in diesen Programmen nach „differenzierten Antworten für komplexe Probleme“ suchen, um daraufhin seine Wahlentscheidung zu treffen, ist grotesk. Gerade die jüngsten Landtagswahlergebnisse haben gezeigt, was Wähler mobilisiert. Nämlich eine polarisierte Debatte um ein zentrales Thema wie die Flüchtlingspolitik. Wenn die etablierten Parteien die Konfliktlinien in der Gesellschaft nicht mehr abbilden, suchen sich die Wähler eine Alternative. So hat es die Bundesregierung sogar geschafft, die AfD politisch wiederzubeleben, die im Sommer vergangenen Jahres wegen ihrer innerparteilichen Konflikte schon als politischer Leichnam galt. So ist das in einer funktionierenden Demokratie.

          Da stellt sich natürlich die Frage, ob die Vereinigten Staaten ebenfalls noch eine funktionierende Demokratie sind. Das Erstaunen über den Erfolg des Donald Trump ist überall zu spüren. Im Titel der Sendung kam die gängige Interpretation zum Ausdruck: „Die Methode Trump – erobern Krawallmacher und Populisten die Macht?“ So bemühte man sich gestern Abend seinen Erfolg zu erklären. Etwa mit dem Überdruss vieler Amerikaner mit ihrem politischen Establishment. Seine brachiale Rhetorik scheint ihm dabei nicht zu schaden. Trump erzeugt den Eindruck der Maßlosigkeit, weshalb sogar ein Außenpolitiker wie Röttgen seine Angst zum Ausdruck brachte, wenn es Trump tatsächlich in das Weiße Haus schaffen sollte. Im Jahr 2008 galt bei uns der damalige Präsidentschaftskandidat Barack Obama als eine Art Heilsbringer für ein besseres Amerika. Der spätere Präsident wäre aber nicht der gewesen, so der Kabarettist Serdar Somuncu, für den wir ihn am Anfang gehalten hätten. Dafür ist allerdings nicht Obama verantwortlich zu machen. Trump gilt dagegen als Sinnbild des glatten Gegenteils.   

          Ist Trump verrückt?

          Es wird allerdings nichts so heiß gegessen, wie es gekocht wird, so formulierte es der Europa-Korrespondent der „Welt“, Dirk Schümer. Das galt sogar für Obama, wie er in den vergangenen acht Jahren erleben musste. Er konnte noch nicht einmal Guantanamo schließen. In gleicher Weise müsste Trump als Präsident mit jenem Washingtoner System Kompromisse schließen, gegen das er bisher so erfolgreich agitierte. Der Washington-Korrespondent der ARD, Ingo Zamperoni, wies darauf hin. Es gehörte schon immer zur Rhetorik jedes erfolgreichen Präsidentschaftskandidaten, in seinem Wahlkampf gegen die Washingtoner Machtspiele zu polemisieren. Somuncu fand zudem ein interessantes außenpolitisches Argument zugunsten Trumps. Obama habe zumeist zu zaghaft agiert, so seine Kritik. Ein Präsident, der eindeutiger handelte, wäre daher für die internationale Politik von Vorteil. Jenseits dessen, ob diese Kritik überhaupt berechtigt ist. Woher weiß Somuncu eigentlich, ob ein Präsident Trump „eindeutiger handelt“? In den Vereinigten Staaten gibt es eine weit verbreitete Stimmung, die bisherige Rolle als globale Ordnungsmacht aufzugeben. An dessen Stelle tritt das Selbstverständnis einer Großmacht, die erst handelt, wenn ihre existentiellen Interessen bedroht sind. Das bestimmte schon Obamas Außenpolitik. Ein Präsident Trump wird dieser neoisolationistischen Stimmung folgen, trotz seiner rhetorischen Kraftmeierei.

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