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TV-Kritik: „Hart aber fair“ : Was sind wir doch alle gierig!

Ging den Dingen mal nicht auf den Grund: Frank Plasberg Bild: WDR/Klaus Görgen

Mit der Lust der Menschen an der schnellen Rendite wollte sich Frank Plasberg in seiner Sendung befassen. Stattdessen tat er etwas anderes: Er ließ seine Gäste ungestört fabulieren.

          Es ging schon hanebüchen los. „Die Gier-Falle“ wollte Frank Plasberg erkunden und eine Antwort auf die Frage finden: „Wer schützt unser Geld vor Betrügern?“ Doch das, soviel sei bereits an dieser Stelle verraten, ist dem Moderator von „Hart aber fair“ bei der gestrigen Ausgabe seiner Talkshow ziemlich misslungen. Dazu trug schon der Auftakt zu seiner Sendung bei: Da befragte Plasberg nämlich eine jener Anlegerinnen, deren Schicksal in diesen Tagen Aufsehen erregt. Sie hatte 15.000 Euro in Genussrechte des Windkraftfinanzierers Prokon investiert – und muss jetzt anstelle der versprochenen Rendite von acht Prozent dabei zusehen, wie sich ihr Geld in Luft auflöst. In der vergangenen Woche nämlich hatte die Windkraftfirma Insolvenz angemeldet.

          Dennis Kremer

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Plasberg, das sei zu seiner Verteidigung gesagt, stellte die Sparerin nicht bloß, das nicht. Aber nachdem ziemlich bald klar war, dass ihr die Tücken des Investments erst im Nachhinein so richtig bewusst geworden waren, holte Plasberg  einen Fachanwalt für Anlegerschutz zum Gespräch hinzu – und ließ dann diese Frage vom Köcher: „Ist es klug, nach der Pleite nun Geld für Anwälte auszugeben?“ Dass der Anwalt die Frage dankend bejahte, versteht sich von selbst.

          Handzahmer Moderator

          In diesem Stil ging es weiter. Plasberg, sonst eigentlich für harte Nachfragen bekannt, zeigte sich an diesem Abend so handzahm wie selten. Er ließ allen seinen Gästen  immer wieder Plattitüden durchgehen und verhinderte auch nicht, dass die Diskussionsteilnehmer zur Eigenwerbung ansetzten. Die Beantwortung der großen und angesichts des aktuellen Prokon-Skandals ja ungemein spannenden Frage, wie stark Gier die Anleger treibt, blieb so leider aus. Stattdessen dürfte jeder Gast auf dem Podium fröhlich seine Sicht der Dinge kundtun: Oskar Lafontaine, immer noch der heimliche Vorsitzende der Linken, konnte so lange und breit von einem Finanz-TÜV fabulieren, dem jedes Anlageprodukt unterzogen werden müsse. Wie ein solcher TÜV denn bitteschön in der Praxis funktionieren solle, brauchte er nicht zu erklären  - diese Peinlichkeit, so schien es, wollte ihm der Moderator ersparen. Plasberg ließ sich mit Lafontaines Hinweis abspeisen, eine Art Stiftung Warentest für Geldanlagen solle diese Arbeit übernehmen. Details unwichtig.

          Unermüdlich Werbung für die eigenen Produkte machen dürfte dann Fondsmanager Christoph Bruns: Der Anlagespezialist, zu Zeiten des Neuen Marktes ein gefeierter Manager, hielt sich nicht allzu lange mit den Sorgen der Prokon-Anleger auf, sondern  trommelte stattdessen ständig für die Vorteile der Aktie – wofür es gute Gründe gibt. Dass er dies aber vor allem nutzte, um die Stärken der eigenen Fondsgesellschaft herauszustellen („Kaufen Sie Fondsanteile bereits ab 50 Euro!“), war dann doch mehr als befremdlich. Überzeugender war die Vorstellung von CDU-Politiker Steffen Kampeter, Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesfinanzministerium: Er zeigte in der Diskussion wenig Lust, die Vorgaben der Bundesregierung („Kein Finanzprodukt darf ohne Regulierung bleiben!“) tatsächlich in die Tat umzusetzen, sondern sprach sich stattdessen dafür aus, die Anleger bei ihren Entscheidungen nicht zu bevormunden. Aber auch ihm ließ Moderator Plasberg die Binsenweisheit durchgehen, man solle nur in das investieren, was man wirklich verstehe. Ein Satz, dem sich selbstredend auch Edda Castello von der Verbraucherzentrale Hamburg sogleich anschloss.  

          Was heißt eigentlich DAX?

          Eine Diskussion, die den Namen verdient gehabt hätte, ergab sich so nur ganz selten. Kam sie doch einmal in Gang, wurde sie von Moderator Plasberg zuverlässig durch seine berühmten Einspielfilme unterbrochen. Nur leider war deren Erkenntniswert dieses Mal außerordentlich gering: Dass in einem Bergisch Gladbacher Einkaufszentrum nur die wenigsten Kunden das Buchstabenkürzel DAX mit „Deutscher Aktienindex“ übersetzen konnten, war der „Hart aber fair“-Redaktion knapp zwei Minuten Sendezeit wert. Genauso wie ein Einspielfilm, der zeigte, was Menschen alles so tun, um sich Rabatte zu sichern – sich beim Einlass in ein Kaufhaus um die besten Plätze prügeln beispielsweise.

          Gänzlich unterirdisch geriet sodann ein Interview, das Plasberg mit dem früheren Anlagebetrüger Josef Müller führte, der als vermeintlicher „Honorarkonsul von Panama“ einst die Münchener Schickeria um Millionen gebracht hat. Mit süffisantem Lächeln forderte ihn der Moderator auf: „Erzählen Sie uns doch mal, wie Sie es haben krachen lassen.“ Die Antwort des einstigen „Konsuls“ war ein ellenlanger, selbstgerechter Monolog, der mit der  Bemerkung schloss: „Sich selbst zu verzeihen, ist das schwierigste.“

          Mehr offene Fragen als Antworten

          Wer sich von dieser Sendung Antworten auf die wirklich interessanten Fragen versprochen hatte, wurde so enttäuscht: Unter welchen Bedingungen lassen sich Menschen zu höheren Risiken hinreißen? Ist es allein eine fast schon steinzeitliche Gier, die uns antreibt? Oder sind die Zusammenhänge nicht doch etwas komplexer?

          Am Ende jedoch hatten Moderator und Gäste bei ihrem Parforceritt durch die unterschiedlichsten Themenfelder noch nicht einmal die Gründe für die Prokon-Pleite einleuchtend erklärt. Statt sich 75 Minuten lang Plasbergs Sendung anzuschauen, hätten die ARD-Zuschauer ihre Zeit besser anders nutzen sollen – zum Beispiel, um endlich einmal wieder einen gründlichen Blick in das eigene Anlagedepot zu werfen.

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