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TV-Kritik: Hart aber fair : Was die Fifa noch von der Mafia unterscheidet

  • -Aktualisiert am

Bei vielen Mitgliedsverbänden sehr beliebt: Sepp Blatter umringt von Delegierten auf dem Fifa-Kongress in Zürich Bild: AFP

Ähnelt der Weltfußball mit seinen Strukturen eher den UN oder der Mafia? Unser Autor hat eine Antwort gefunden, die er in Frank Plasbergs Gesprächsrunde vermisst hat.

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          Es geht um zwei Organisationen. Die erste wird von den Mitgliedern finanziert, bei denen der Vorsitzende wie ein Bittsteller auftreten muss. In der zweiten dagegen kann der Präsident sehr viel Geld an die Mitglieder verteilen, und sie sind entsprechend von ihm abhängig.  Nur ein Narr käme auf die Idee, den Präsidenten dieser zweiten Organisation als „ohnmächtig“ zu bezeichnen.

          Dieser Narr war gestern Abend Roger Köppel, Chefredakteur der Schweizer „Weltwoche“. Für ihn sind die Strukturen von Vereinten Nationen und Fifa identisch. Daher sei, so Köppel, Fifa-Präsident Joseph Blatter mit UN-Generalsekretär Ban Ki Moon vergleichbar - und beide für die Missstände bei ihren Mitgliedern nicht verantwortlich. Dummheit konnte man Köppel noch nie vorwerfen. Aber warum erzählte er dann bei Frank Plasberg solch hanebüchenen Unsinn, und das sogar gleich mehrfach, weil man es ja „ansonsten nicht versteht“, wie er anmerkte?

          „Strukturelle Korruption“

          Das Funktionsprinzip von Organisationen wie der Fifa ist tatsächlich nicht schwer zu verstehen. Macht hat, wer die Geldströme kontrolliert. Im Fußball geschieht das über die Fifa-Zentrale in Zürich. Fast alle Mitgliedsverbände leben von deren Subventionen, weil ihr heimischer Fußball kaum professionalisiert ist. Möglichkeiten, über Fernsehrechte oder Sponsoring Einnahmen zu generieren, sind kaum vorhanden. Im Gegensatz dazu schwimmt die Züricher Zentrale des Weltfußballs geradezu im Geld.

          Kleine Verbände haben kaum Sanktionsmöglichkeiten, dafür können sie bei Wohlverhalten mit sicheren Einnahmen aus Zürich rechnen. Dieses Wohlverhalten ist die Bestätigung der Machtverhältnisse durch die Wiederwahl des Präsidenten. In der sizilianischen Mafia war der Stimmenverkauf übrigens ein probates Mittel zur Kooperation mit Politikern. Die Wähler waren nichts anderes als die Handlanger der Paten und partizipierten dafür an deren Gewinnen.

          Es war schon immer ein Irrtum gewesen, die Mafia als reine Gewaltorganisation zu interpretieren. Sie setzt solche Mittel nur ein, wenn Loyalität und Gratifikationen nicht weiterhelfen. Hans Leyendecker, Journalist bei der „Süddeutschen Zeitung“, nannte diesen Mechanismus bei Plasberg „strukturelle Korruption“. Im Kern geht es immer um Geschäftsinteressen und die möglichst ungestörte Anhäufung von Profiten. Niemand weiß das besser als italienische oder amerikanische Staatsanwälte, die sich seit Jahrzehnten mit der „organisierten Kriminalität“ beschäftigen.

          Was unterscheidet die Fifa von der Mafia?

          Die Mafia lebt zudem davon, Gutes zu tun. Ihr geht es schließlich um Loyalität. Da würden sicherlich auch mehr als 700.000 € am Tag helfen. Diese Summe gibt nämlich die Fifa jeden Tag aus, um Entwicklungshilfe beim Fußball zu leisten. So argumentierte Alexander Koch, stellvertretender Leiter der Unternehmenskommunikation der Fifa. Er hielt den Vorwurf „mafiöser Strukturen“ für eine „Unverschämtheit“. Das ist er allerdings nur, wenn man keine Ahnung von der Mafia hat, sondern deren Funktionsmechanismen mit den Gewaltorgien in Hollywood-Filmen verwechselt. Allerdings kann man für Kochs Sichtweise durchaus Verständnis aufbringen. Wer will schon gern stellvertretender Leiter in einer „mafiösen Struktur“ sein?

          Die Fifa unterscheidet sich von der Mafia nur in einem Punkt, und das ist die Abwesenheit von Gewalt. Aber dafür hat die Fifa-Zentrale ein Disziplinierungsinstrument namens Korruptionsverdacht, um potentielle Gegner zur Räson zu bringen.

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          Leider war die Runde bei Plasberg nicht in der Lage, zu dem Thema etwas Sinnvolles beizutragen. Leyendecker versteht zwar etwas davon, musste sich aber von Köppel ins Bockshorn jagen lassen. Der verwendete, rhetorisch geschickt, die Klassiker „Christian Wulff“ und  „Unschuldsvermutung“, wogegen Leyendecker leider nichts mehr einwenden konnte, außer von Moral zu reden. So hatte er ja auch Silvio Berlusconi argumentiert, in Verteidigung eigener Aktivitäten.

          Der Kabarettist Frank Goosen wusste dafür Allgemein-Unverbindliches an den Zuschauer zu bringen. Auf die Frage, ob die Gründung eines neuen Fußball-Weltverbandes eine Lösung wäre, wusste er eine interessante Antwort. Dort werde es am Ende ähnlich wie bei der Fifa zugehen, weil das immer passierte, wenn sehr viel Geld im Spiel wäre. Goosen ist im Aufsichtsrat des VFL Bochum und interessiert sich vor allem für den Vereinsfußball. Sein Verein ist Mitglied in der Deutschen Fußball Liga (DFL), die den deutschen Profi-Fußball organisiert. Was wollte uns Goosen sagen, wenn man dieses Argument einmal auf die DFL anwendet? Oder geht es dort nicht „um sehr viel Geld“?

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