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TV-Kritik: „Hart aber Fair“ : Die unerträgliche Leichtigkeit des Schweins

  • -Aktualisiert am

„Hart aber fair“-Moderator Frank Plasberg Bild: WDR/Klaus Görgen

Es ist immer sehr ernst, wenn im Fernsehen über das billige Fleisch gestritten wird. Bei Plasberg sah man am Montagabend, dass langsam ausgestritten ist. Dann wird es sogar manchmal lustig.

          Wenn Tim Mälzer eine Kuh wäre, würde er „derzeit“ nur Gras fressen. Das sagte der berühmte Fernsehkoch am Montag in der Fernsehsendung „Hart aber Fair“. Denn in diesen Zeiten gebe „es kaum eine andere Alternative für uns außer zum Vegetarier zu mutieren“, sagte er auf die einleitende Frage des Moderators, was er „derzeit“ täte, wenn er ein Bulle wäre. Mälzer rühmte noch kurz seinen Intellekt, und kam im Rest der Sendung kaum zu Wort. Am Ende aßen alle Schweineschwarte und Entenzungen und Mälzer sagte, er finde das ,,einfach nur lecker".

          Den Tieren in den Tierställen geht es nicht so gut, wie man es wohl gern hätte. Es ist zwar nicht mehr das allergrößte Problem im bundespolitischen Maßstab bemessen, aber immer noch eines, sogar ein großes, offenbarte die Sendung. Aber es ist nicht so groß, dass es nicht auch komische Seiten hätte. Die Verbraucher vor der Supermarkttür, die eingangs befragt wurden, ob etwas nicht stimme in der Tierhaltung, dies bejahten, aber die Tüten voller Billigfleisch hatten, mussten selbst ein wenig über sich lachen.

          Eine schöne Fleischerin

          Ernst, aber aus der Ferne des Wohnzimmers betrachtet nicht weniger komisch, sprach die Metzgermeisterin Sarah Dehm. Sie ist das neue gutaussehende Gesicht der deutschen Fleischwarenindustrie, die lange nach einem solchen Gesicht gesucht hatte. Sie sagte eingangs: „Weniger ist grundsätzlich immer mehr, aber auch dieses Weniger muss bezahlt werden, und dann hört es grundsätzlich mal auf.“

          Was sie meinte, ist klar, und sie sagte es später noch mal: Massenware billigen Fleischs sei leider leichter zu verkaufen in Deutschland. Ja, man erinnere sich an die Damen vor der Supermarkttür. Wer denn Schuld sei an den „Exzessen“, fragte der auf seine älteren Tage angenehm beruhigende, gänzlich unzynische Plasberg. Niemand, beziehungsweise „alle“, sagte Dehm. „Wir alle“ seien Teil einer Entwicklung gewesen, und nun sei es so wie es sei mit der Tierhaltung, und das werde sich wieder ändern, wenn der Verbraucher wolle, doch der habe lange, lange eben auch kein schlechtes Wort darüber gesagt. Sie wurde im Lauf der Sendung immer eloquenter und sagte, konventionelle Tierhaltung sei in Ordnung, und sie werde immer besser, aber wir „müssen da hin kommen, dass die Bauern wieder Geld verdienen“.

          Niemand war böse

          Das will auch die Buchautorin Tanja Busse. Mit charakteristisch weit aufgeknöpften Kragen und Lederbändchen sah man sie in der Runde rechts, sie schaute streng, aber konnte nicht ganz so bissig sein wie sonst. Auch wenn sie manchmal zur Attacke ansetzte, denn es gab keinen in der Runde, der die Rolle des Bösen spielen mochte, des Advokaten des status quo. Irgendwie war allen klar, dass alles anders werden müsse.

          Nur einer bürstete steif gegen den Strich. Jedenfalls sachte. Das war der Vertreter des Handels, mithin der Billigketten wie Lidl, Aldi, Norma, und auch von Rewe und Edeka, Stefan Genth. Der meinte, Berlin mit seinen drei Millionen Einwohnern könne man wohl kaum mit den romantisierenden Vorstellungen Busses ernähren. Die konterte: Ob er nicht gemerkt habe, dass die „Landlust“ mittlerweile das erfolgreichste Magazin Deutschlands sei. Auch Busse wurde ein Mal komisch. Sie sprach sich gegen den großmengigen Fleischexport aus Deutschland aus: „Das richtige Weg ist, gutes Fleisch hier, und das sag ich als Vegetarierin.“

          Schmidt erkennt den Trend

          Der Bundesagrarminister war auch da. Ihm lag das Formal der kurzen Sätze überaus (als Redner ist er wegen ausschweifender Detailgetreue gefürchtet). Christian Schmidt (CSU) machte eine gute Figur und versprach sogar, strengere Verordnungen bezüglich Tötungen trächtiger Kühe zu erlassen: „Ohne einen vernünftigen Punkt darf ich Tiere nicht töten. Punkt.“ Es gelang ihm, auf radikalere Vorschläge nicht einzugehen, ohne blöd da zu stehen. Etwa auf die Frage hin, ob nicht Fleisch gesetzlich verpflichtend – so also, wie längst die Eier – gekennzeichnet werden sollte: Nach Freiland-, Bio- oder Stallhaltung. Schmidt schien das nicht zu wollen, jedenfalls nicht heute.

          Und als Tanja Busse vom Minister forderte, analog zum Mindestlohn staatlich festgesetzte Mindestpreise für Fleisch und tierische Produkte, da bescheinigte ihr Schmidt ihr einfach: „Sie sind im Trend.“ Schmidt hatte Busse ansonsten gut im Griff, etwa indem er sie mit leicht ermüdenden Ausführungen über Details seiner Gesetzgebungsbemühungsabstimmungen zwischen Brüssel und Berlin versorgte.

          Wo sind die Veganer?

          Radikal-vegane Stimmen kamen nur über die Zuschauer in die Runde. Fleischverzehr werde schon bald ein Bestimmungsmerkmal der „Unterschicht“ sein, meinte einer. Agrarminister Schmidt fand das seltsam. Er wolle, dass es Bauern in Deutschland gebe, auch Fleischbauern, und die sollten wieder „in der Mitte der Gesellschaft“ rücken, wofür er ordentlich beklatscht wurde.

          Schließlich wurde diskutiert, ob auf Billigfleisch Aufkleber drauf sollen mit dem Satz: Billigfleisch fördere Massentierhaltung. Ähnlich den Warnhinweisen auf Zigarettenpackungen. „Weltfremd“ fand das der Handelslobbyist. Die Fleischfachfrau Sarah Dehm war dagegen, sie fühle sich als mündige Bürgerin (Applaus). Minister Schmidt sagte, er wolle die Massentierhaltung nicht pauschal verdammen, denn es seien sehr viele Menschen zu ernähren – bald 9 Millarden auf der Welt, 80 Millionen in Deutschland, mithin „auch sehr viele“.

          Tanja Busse reagierte leicht gereizt. Plasberg fragte: „Frau Busse, was halten Sie von dem Vorschlag?“ Busse antwortete: „Der kommt aus meinem Buch. Find ich gut.“ Und schließlich hatte sie ein lobendes Wort für die deutsche Fleischwarenindustrie. Sie fände es gut, dass diese aus Zungen wieder eine Delikatesse gemacht habe, sagte sie. Ja, warum sollte man denn auch jeden Abend streiten?

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