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TV-Kritik: „Hart aber fair“ : Träume als Fluchtursache

  • -Aktualisiert am

Norbert Röttgen (CDU) hatte weniger zu sagen als einige andere Gäste bei Frank Plasberg. Bild: WDR/Dirk Borm

Die nächste Flüchtlingswelle kommt aus Afrika. Europa weiß das, redet vom Kampf gegen Ursachen, und treibt doch Menschen erst in die Not. Ob immer höhere Zäune helfen, auch darum ging es bei Frank Plasberg.

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          65 Millionen Menschen sind weltweit auf der Flucht, 19 Millionen allein in Afrika. Das Wohlstandsgefälle erzeugt einen Sog. Tausende Flüchtlinge riskieren auf der Suche nach einem besseren Leben den Tod. Diejenigen, die durchkommen, finanzieren durch Überweisungen in ihre Heimatländern mehr als die gesamte Entwicklungshilfe des Westens zusammen. Gegen die Flucht helfen nur gesicherte Außengrenzen, meint dagegen der ungarische Botschafter Peter Györkös. Shafagh Laghai, ARD-Korrespondentin aus Nairobi, hält dagegen: Auch höhere Zäune werden Flüchtlinge nicht aufhalten.

          In Libyen warten über 200.000 Flüchtlinge auf eine Schiffspassage nach Italien. Den ungarischen Botschafter bringt das nicht ab von seinem Gospel: Schengen-Europa müsse seine Außengrenzen schützen und etwas gegen die Fluchtursachen tun. Elias Bierdel, Journalist und Menschenrechtsaktivist, ist in dieser Diskussion der Mahner. Unser Lebenswandel müsse sich ändern. Was würde ein afrikanischer Flüchtling dazu sagen, der sich nach diesem Lebenswandel sehnt? Bierdel wirft der EU vor, dass immer mehr Menschen an europäischen Grenzen sterben, weil die EU keine legalen Zugänge öffnet.

          Norbert Röttgen, im Bundestag Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses, redet an diesem Abend sehr vage von strukturellen Ursachen wie Armut, Umweltschutzproblemen, Bürgerkriegen und Korruption, und natürlich vom Bevölkerungswachstum. Schon heute liege das Durchschnittsalter in vielen afrikanischen Ländern unter 20 Jahren.

          Hohe Zäune erhöhen die Schleusereinnahmen

          Ein Einspieler erinnert an eine Einsicht der Bundeskanzlerin, die zerknirscht einräumte, sich zu lange auf das Dublin-Verfahren verlassen zu haben. Leider lasse sich die Zeit nicht zurückdrehen, um besser vorbereitet zu handeln. Der Schutz der Außengrenzen ist Teil einer Symbolpolitik, nicht Teil einer Lösung. Die hohen Zäune erhöhen nur die Einkommen der Schleuser, die andere Wege gangbar machen.

          Laghai schildert anschaulich, welche Folgen eine gelungene Flucht nach Europa hat. Sie setzt einen Zahlungsstrom in Gang. Seine Ergebnisse sind sichtbar und sprechen sich herum. Auch tödliche Risiken der Flucht werden dafür in Kauf genommen.

          BVB-Fußballer Neven Subotic fördert den Bau von Brunnen in Ostafrika. Er schafft das ohne Bestechungsgelder. Von den Brunnen profitieren besonders Frauen und Kinder. Statt mehrere Stunden täglich unsauberes Wasser zu beschaffen, können sie in die Schule gehen oder eine Arbeit aufnehmen.

          Pauschale Klagen

          Der ungarische Botschafter nutzt das gute Beispiel Subotics, für Gesamtkonzepte zu werben, was immer das heißen mag, und Norbert Röttgen nimmt diesen leichten Ball gerne auf, um an strukturelle Ursachen der Flucht zu erinnern. Röttgen macht sich einen schlanken Fuß, beklagt pauschal Korruption, Bürgerkriege und Fehler der europäischen Politik.

          Elias Bierdel bringt Bewegung in die Diskussion, erinnert an die Ungarn, die 1910 aus dem damals westungarischen Burgenland auswanderten. Aus Chicago schickten sie Geld in die Heimat, die von dieser Tradition heute nichts mehr wissen will. Und: Der libysche Despot Ghaddafi war Europa viele Jahre behilflich, indem er afrikanische Flüchtlinge in seinem Land aufhielt. Abkommen darüber kamen 2004 unter der rotgrünen Bundesregierung durch den Bundesinnenminister Otto Schily zustande.

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