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TV-Kritik: Hart aber fair : Terror im Namen Gottes

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Abdassamad El Yazidi vom Zentralrat der Muslime und Katrin Göring-Eckhardt (Bündnis 90/Die Grüne) Bild: © WDR/Oliver Ziebe

Niemand käme auf die Idee zu bestreiten, dass Amerika ein Gewaltproblem hat. Bei Frank Plasberg zeigt sich: In Sachen Islam ist die Scheu deutlich größer. Warum eigentlich?

          Wenn in Amerika wieder einmal ein Amoklauf stattgefunden hat, ist eines sicher: Niemand käme auf die Idee zu bestreiten, dass das Land ein Gewaltproblem haben könnte. In seinen traurigen Pressekonferenzen nach solchen Ereignissen ringt Barack Obama bisweilen mit der Fassung bei dem Versuch, eine Antwort darauf zu finden.

          Erklärungen gibt es viele. Die amerikanische Geschichte als Eroberung des Westens, die Brutalisierung der Gesellschaft nach dem Bürgerkrieg Mitte des 19. Jahrhunderts. Dazu kommen sozioökonomische Erklärungsversuche, die bis heute mit der Rassenfrage verknüpft sind. Obwohl Obama der erste schwarze Präsident ist, konnte er daran wenig ändern. Aber er veränderte zumindest das politische Klima, in der diese Debatte stattfindet. Das ist schon ein Fortschritt.

          An Amerika muss man erinnern, wenn man gestern Abend den Titel der Sendung „Hart aber fair“ las: „Terror im Namen Gottes – hat der Islam ein Gewaltproblem?“ Es ist absurd, diese Frage zu stellen. Der Islam hat wie Amerika ein Gewaltproblem. Das kann niemand bestreiten, der in den vergangenen Jahrzehnten die Entwicklung in der islamischen Welt verfolgt hat. Aber es fehlt bis heute die Selbstverständlichkeit, dieses Problem wie in Amerika überhaupt als solches anzuerkennen. So gilt es schon als Sensation, wenn ein ägyptischer Fernsehmoderator namens Amr Adeeb den Zusammenhang zwischen Gewalt und dem Islam nach den Brüsseler Terroranschlägen thematisierte. Frank Plasberg zeigte das in einem Einspieler. Nur ist das kein Beispiel für eine notwendige Debatte, sondern bringt eher ihr Fehlen zum Ausdruck.

          Man muss auch nur die bedenkenswerten Argumente von Katrin Göring-Eckardt auf Amerika übertragen, um zu wissen, was damit gemeint ist. So wies die Fraktionsvorsitzende der Grünen im Bundestag auf die überwältigende Mehrheit der friedlichen Muslime hin, die in unseren Gesellschaften leben. Allerdings ist die Mehrheit der Amerikaner ebenso friedlich, die wenigsten Waffennarren werden zu Amokläufern oder Mördern. Frau Göring-Eckhardt hätte im Falle Amerikas keine Schwierigkeiten gehabt, die kulturellen Voraussetzungen zu skizzieren, die das dortige Gewaltproblem ausmachen: ein Verständnis von Freiheit, das untrennbar mit dem Waffenbesitz verbunden ist, und die kulturelle Legitimation von Gewalt bis heute.

          Warum diese Scheu, das beim Islam in vergleichbarer Deutlichkeit auszusprechen? Es hat etwas mit der unseligen Vermischung von Theologie und Soziologie zu tun, die diese Diskussion prägt. Die Lektüre des Koran ist für die Erkenntnis, warum islamische Gesellschaften ein Gewaltproblem haben, genauso hilfreich wie die Exegese der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung für die Entschlüsselung des amerikanischen Gewaltproblems.

          Das wurde durch die Ausführungen von Abdassamad El Yazidi vom Zentralrat der Muslime in Deutschland deutlich. Er fand zwar soziologische Erklärungen für das Abdriften junger Leute in den Dschihadismus, aber definierte die Muslime ansonsten vor allem über ihre religiöse Identität. Aber das Problem islamischer Gesellschaften ist nicht die Auslegung irgendwelcher Koranverse, sondern dass sie bis heute die Theologie als die zentrale Grundlage ihrer gesellschaftspolitischen Vorstellungen betrachten.

          Schweigen moderne Muslime?

          Was das heißt, machte der N-TV-Moderator Constantin Schreiber an einem interessanten Beispiel sichtbar. Er berichtete von seinen Erfahrungen, die er auf einer Reise nach Kairo gemacht hatte. Einer seiner Reisebegleiter war als Muslim im Westen aufgewachsen und bestens integriert. Bei einer Diskussion in Kairo kamen dann die üblichen Vorwürfe an den Westen und seine Gesellschaftsordnung zur Sprache. Sein Reisebegleiter schwieg, obwohl dessen Lebenswirklichkeit nichts mit dem zu tun hatte, was dort zur Sprache kam. Dieses Schweigen moderner Muslime hielt Schreiber für das eigentliche Problem in dieser Debatte.

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