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TV-Kritik: „hart aber fair“ : Mehr als nur nackte Zahlen

  • -Aktualisiert am

Moderator Frank Plasberg Bild: WDR

In der Debatte über die Rente diskutieren alle seit 25 Jahren mit den gleichen ökonomischen Argumenten. Interessanter sind die gesellschaftspolitischen Folgen des demografischen Wandels, zeigte „hart aber fair“.

          In der deutschen Volkswirtschaft muss irgendwo ein Schwarzes Loch sein. Dort verschwindet das Bruttoinlandsprodukt mit den Einkommen und Gewinnen. In jeder Prognose geht man nämlich bis zum Jahr 2030 von einer gestiegenen Wertschöpfung und einer höheren Produktivität aus. Letzteres bemisst die Leistungsfähigkeit, also Güter und Dienstleistungen in immer kürzerer Zeit herzustellen. Diese Volkswirtschaft wird somit immer reicher, aber die Einkommen werden gleichzeitig sinken, so die These. Frank Plasberg hat deshalb gestern Abend eine Mission unter dem Titel „Altenrepublik Deutschland - werden die Jungen ausgeplündert?“ gestartet, um nach diesem Schwarzen Loch zu suchen.

          Zwei seiner Gäste, Ulrike Mascher, Präsidentin des Sozialverbandes VdK Deutschland, sowie der Journalist Hajo Schumacher wurden dabei mit folgendem Dialog fündig. Letzterer bestritt den Anspruch des VDK für die Rente der jüngeren Generationen zu kämpfen. Angesichts der drohenden Altersarmut und des demografischen Wandels könne davon nicht die Rede sein. „Wenn Sie behaupten, es komme auf die bloßen Zahlen, dann irren Sie sich“, so Frau Mascher. „So ist es“, war die Antwort von Schumacher. Er meinte jene Zahlen, die das Verhältnis zwischen Beitragszahlern und Rentnern betrifft.

          Verteilungsfragen sind Machtfragen

          Auf diesem Niveau fanden in den vergangenen 25 Jahren alle Rentendebatten statt. Die Volkswirtschaft soll zwar immer reicher werden. Nur die Einkommen und Gewinne verschwinden, wenn ein relevanter Teil der Menschen („Rentner“ genannt) davon nicht mehr profitieren soll. Nun braucht man keine Raumsonde namens Rosetta, um dieses Geheimnis zu lüften. Die gekürzten Einkommen der Rentner werden nur in anderen Taschen landen.

          Wie in einer Volkswirtschaft Einkommen erwirtschaftet werden, ist eine andere Frage als die nach deren Verteilung. Verteilungsfragen sind immer politische Machtfragen. Und dann streiten alle Gruppen in dieser Gesellschaft verbissen um ihren Anteil am Kuchen. Deshalb haben Frau Mascher und Schumacher beide richtig gelegen. Wie jeder Rentner und Beitragszahler aus seinen Bescheiden entnehmen kann, sind die Rentner die großen Verlierer der vergangenen Jahrzehnte gewesen.

          „Konstruktionsfehler der Demokratie“

          Das trifft aber keineswegs für alle Senioren im Pensionsalter zu. Wer noch, wie der frühere WDR-Redakteur Sven Kuntze, eine üppige Zusatzversorgung seiner Sendeanstalt hat, muss wenig Grund zur Klage haben. Das gilt sicherlich auch für eine ehemalige SPD-Staatssekretärin im Bundesarbeitsministerium wie Frau Mascher. In jeder Generation gibt es soziale Unterschiede, die sich in der Altersversorgung auswirken. Ein sozialpolitisches Problem wird das erst, wenn diese Unterschiede zu gravierend werden. Also, wie in Zukunft absehbar, immer mehr Menschen auf Grundsicherung angewiesen sein werden.

          Es ist schon ernüchternd, wenn man wie gestern Abend, um diese Verteilungskämpfe immer noch einen großen Bogen macht. Altersarmut ist eben kein Naturgesetz, da hatte Frau Mascher recht, sondern die Folge politischer Entscheidungen. „Gegen die älteren Generationen kann man keine Politik machen“, so Schumacher. Das sei ein „Konstruktionsfehler der Demokratie“. Er nannte die höhere Wahlbeteiligung der älteren Jahrgänge. Tatsächlich haben die unzähligen Rentenreformen hohe Einkommensverluste zur Folge gehabt. Die früheren, heutigen und zukünftigen Rentner haben diese Kürzungen bisher klaglos akzeptiert. Daran ändert weder die Mütter-Rente, noch die Rente mit 63 etwas. Der Beitragssatz zur Rentenversicherung ist mit 18,9 % nicht ohne Grund auf einem historisch niedrigen Niveau.

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