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TV-Kritik: Hart aber fair : Lokführer, Erpresser, Geiselgangster

Sehen so „Erpresser“ aus? GDL-Chef Claus Weselsky mit streikenden Lokführer-Kollegen Bild: dpa

Die Streiks von kleinen Gewerkschaften wie GDL und Cockpit betreffen Millionen Menschen in Deutschland. Da geht manchen Kritikern allzu leicht der rhetorische Gaul durch.

          Eine so banale Angelegenheit wie ein Streik außerhalb von Betriebsmauern bringt die Deutschen in heftigste Wallungen. Wenn Piloten oder Lokführer den Dienst am mobilen Kunden verweigern, werden auch Intellektuelle zu Furien. „Nun stehen wir also wieder an den Bahnsteigen und frieren“, polterte jüngst Roland Tichy, Vorsitzender der altehrwürdigen Ludwig-Erhard-Stiftung. „Vielen Dank, Gewerkschaft Deutscher Lokführer, dass ihr Deutschlands Menschen und Wirtschaft in Geiselhaft nehmt.“ Tichy ist zwar noch nie durch besondere Zurückhaltung aufgefallen, doch jetzt legte er zwei Krawallschippen drauf: Die Leser seines Blogs „Einblick“ wurden anlässlich des Ausstandes in der vergangenen Woche aufgefordert, „jeden Lokführer zur Rede zu stellen, ob er bei der Lokführerbande dabei ist“.

          Thiemo Heeg

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Tichy wäre also die Idealbesetzung gewesen für Frank Plasbergs Talkrunde „Hart aber fair“, die am Montagabend seine Formulierung in Frageform kleidete: Sind wir Geiseln der Mini-Gewerkschaften? Wäre man bei RTL und in einer Scripted-Reality-Soap, wäre Tichys Part klar gewesen: Auf sein Gegenüber Claus Weselsky zustürmen, ihn zur Rede stellen, ob er bei der Lokführerbande dabei ist. Ja, hätte dann der Vorsitzende der Gewerkschaft GDL kleinlaut zugeben müssen: Ich bin sogar der Bandenchef. Vielleicht fühlte sich Tichy dann dem im Osten sozialisierten gelernten Schienenfahrzeugschlosser zwar rhetorisch, aber nicht physisch gewachsen. Oder er widmete sich längst wieder einem anderen Aufregerthema, wir wissen es nicht. Seinen Part mussten jedenfalls andere besetzen, und sie taten es mit derselben unbarmherzigen Hingabe.

          Lokführer und ihr "Heiliger Krieg"

          Ein echter Chefredakteur, Ulrich Reitz vom „Focus“, hatte in der aktuellen Ausgabe seines Magazins Weselsky vorsorglich schon einmal die Kopfnote 6 verpassen und ihm „Machthunger“ vorwerfen lassen.  Mit seinem „Egotrip“ und einem „Erpressungspotential“, das „schamlos ausgenutzt“ werde, habe sich der GDL-Chef das "Ungenügend" redlich verdient. Besonders gut gefiel Reitz ein Satz von Weselskys Vorgänger Manfred Schell: „Der stellt sich hin, als würde er zum Heiligen Krieg aufrufen.“ Der „Focus“-Mann mit genüsslicher Kennermiene: „Das ist ein Wort, das man zur Zeit nur aus anderen Zusammenhängen kennt.“

          Noch mehr Gegenwind, ja schon ein regelrechter Orkan, blies Weselsky von der SPD-Generalsekretärin Yasmin Fahimi entgegen. SPD? Ist das nicht die Partei, die den Gewerkschaften nahestehen soll? Ja, gerade deswegen. Auf ihrer Homepage bekundet die 46-Jährige: „Gewerkschaftsarbeit und SPD gehören in meinem Politikverständnis zusammen.“ Rund eineinhalb Jahrzehnte war Fahimi für die Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie tätig. Ihr Lebensgefährte ist der IG-BCE-Vorsitzende Michael Vassiliadis. Den GDL-Vorsitzenden Claus Weselsky dagegen scheint sie allenfalls als rotes Tuch wahrzunehmen. Fahimis kurzgefasste Meinung geht so: Der Streik der Lokführer ist unsolidarisch. Wenn jeder nur für sich streikt, untergräbt und schwächt das die Gemeinschaftsidee von starken Gewerkschaften.

          Wenn Politiker zu Unternehmenssprechern werden

          Dieser Ansicht kann man anhängen, insbesondere wenn man als große Koalition gerade ein Gesetz zur Tarifeinheit beschließen will, das große Gewerkschaften in Tarifverhandlungen bevorzugt. Doch Fahimi schoss verbal mehrfach über das Ziel hinaus. So sprach sie dem GDL-Chef die Ehrenhaftigkeit ab. Und als sie von einer Erpressung der Deutschen Bahn sprach, wunderte sich Gastgeber Plasberg: Die Sprecherin des Unternehmens könne das wohl nicht besser formulieren.

          Als dritter Weselsky-Basher war Thomas Selter zu Gast. Er ist für Talkshow-Redakteure ein äußerst beliebter Ansprechpartner, wenn sie eine Stimme aus der Wirtschaft suchen. Schließlich gelingt es ihm schon deshalb hervorragend, einen Unternehmer zu mimen, weil er selber einer ist. Selter führt als Geschäftsführer den Stricknadelhersteller Gustav Selter GmbH, mutmaßlich das letzte Unternehmen seiner Art in Deutschland. Wer die Gustav Selter GmbH für eine Kuriosität hält, sollte einen Blick auf Selters'  TV-Präsenz werfen. Die Liste ist beachtlich: Bei Anne Will sprach er über Altersarmut, bei Günther Jauch zum Thema „Drücken sich die Reichen?“, bei Maybrit Illner beschäftigte ihn die Frage „Fallen mit den Grenzen auch die Löhne?“

          Furcht vor der Öffentlichkeit als Geisel

          Und jetzt die Eisenbahnerstreiks. Selter hat wie meist eine klare Meinung. Er sei ja jetzt schon ein paar Jahre dabei, und er wisse, wie früher die Streiks gewesen seien. Heute sei das doch Chaos, und die Öffentlichkeit werde als Geisel genommen. Damit hatte Selter seinen Part erfüllt, das besagte Wörtchen aus der Leitfrage war gefallen, aber Selter hatte längst nicht alle Stricknadeln verschossen. Manche sprächen schon von einer bevorstehenden Rezession, „wir laufen in eine wesentlich schwierigere Zeit“, und dann könnten manche „mit relativ geringem Aufwand verheerende Schäden machen“.

          Wenn die GDL etwa eine Woche streike, könne das – so habe er gelesen, wisse aber natürlich nicht, ob das stimme – 100 Millionen Euro am Tag kosten. Selters´ empörtes Fazit: „Wenn irgendein Erpresser die Bahn um 'ne Million erpresst, wird er durch die ganze Republik gejagt. Und wenn 100 Millionen am Tag in den Sand gesetzt werden, finden das alle völlig normal. Das kann doch nicht richtig sein.“

          Weselsky lächelte verschmitzt und verlegen zugleich. Und wusste in diesem Moment kurz vor Schluss der Sendung, dass er zumindest diesen Talk eigentlich verloren hatte. Der frühere Bundesinnenminister Gerhart Baum, der als Rechtsanwalt die Pilotengewerkschaft Vereinigung Cockpit vertritt, war keine große Hilfe gewesen. Aber auf Argumente kommt es ja jetzt nicht mehr an. In dieser Woche müssen die Deutschen voraussichtlich wieder mit umfangreichen Streikaktionen auf der Schiene rechnen. Und irgendwer spricht dann gewiss auch wieder im Brustton der Überzeugung von Erpressung und Geiselnahme.

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