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TV-Kritik: Hart aber fair : Jung, vegan, tolerant

  • -Aktualisiert am

TV-Moderator Frank Plasberg diskutierte mit seinen Gästen über den Fleischkonsum. Bild: WDR/Klaus Görgen

Bei Frank Plasberg ging es um die Wurst. Doch die Debatte über Nutztierhaltung artete nicht in Streit aus. Stattdessen kam sogar der überzeugte Fleischesser auf dem Podium durch Schockbilder aus dem Stall ins Grübeln.

          Ihre Branche habe lange Zeit Fehler gemacht, müsse sich noch sehr verbessern und arbeite daran ständig. Man habe etwa dem Verbraucher nicht gezeigt, wie Tiere gehalten, wie Fleischwaren produziert werden, aber solche und andere Pflichten würden nun in Angriff genommen. So äußerte sich Fleischermeisterin Sarah Dhem, Vorstandsmitglied des Bundesverbandes der Deutschen Fleischwarenindustrie, am Montagabend über den Wirtschaftszweig, den sie auf dem Podium von "Hart aber fair" vertrat: die deutsche Fleischbranche.

          Die Branche, für die Dhem spricht, hat, so viel wurde am Montag klar, zumindest schon mal eine Sache um hundert Prozent besser geregelt als früher: Sie hat Sarah Dhem in Frank Plasbergs Talkshow geschickt. Die 36-Jährige hob sich wohltuend ab von den Funktionären und Lobbyisten, die in früheren Talkrunden und während großer Fleischskandale auf den Talkshowpodien für die Lebensmittelwirtschaft eingetreten sind: Ältere Herren, die starr am Althergebrachten festhielten und die gesellschaftlichen Veränderungen, die ihnen einen bislang nicht gekannten, ungemütlichen Gegenwind bescherten, einfach nicht verstehen konnten. Streit und Selbstgefälligkeit prägten die Fernsehpodien deshalb beispielsweise vor vier Jahren, als der Dioxin-Fleischskandal die Verbraucher verunsicherte.

          Am Pranger

          Das war anders bei "Hart aber fair", als es um das Thema "Fleischesser am Pranger - kommt jetzt das Ende der Wurst?" ging. Den fünf Gästen gelang es, sich in der Diskussion über notwendige Standards in der Nutztierhaltung auf eine gemeinsame Sicht zu einigen, sie konnten gemeinsam ein Konzept entwickeln, hinter das sich mit Sicherheit auch die Masse der Zuschauer stellen würde. Ob das reicht, ob das überhaupt das Ziel eines Streitgesprächs sein sollte, ist eine andere Frage und eine des Blickwinkels. Tierrechtsaktivisten würden sagen: Nein. Denn Fleischereimeisterin Sarah Dhem, Vegan-Köchin Nicole Just, Grünenpolitikerin Bärbel Höhn, Genussmensch Jürgen von der Lippe und Sternekoch Alexander Herrmann kamen überein, dass es den Tieren bessergehen müsse, dass Schweine beispielsweise mehr Platz im Stall bräuchten als bisher. Dann steht dem Fleischverzehr aus Sicht der Diskutanten allerdings nur noch wenig im Wege.

          Selbst die Veganerin und Kochbuchautorin Nicole Just betonte, es bringe nichts, dogmatisch zu argumentieren. "Ich glaube, da sind wir gar nicht so ganz weit auseinander", sagte, ganz am Ende, beglückt Sarah Dhem, als Bärbel Höhn sich noch mal zur alten „Veggie Day“-Idee der Grünen geäußert hatte: Zu viel Fleisch sei eben einfach nicht das Wahre. Als Plasberg fragte, wen man zum Wurstessen mit vor die Tür nehmen wolle, falls die Wurst eines Tages zur gesellschaftlich verpönten "neuen Zigarette" werden würde und draußen genossen werden müsse, konnte sich Dhem dann auch nicht entscheiden: Sie wollte alle einladen. "Und ich schmeiß dann eine Runde vegane Würstchen", ergänzte Nicole Just, die nach ihrem Germanistikabschluss mit einem Kochblog und veganen Kochbüchern zur Bestsellerautorin geworden ist.

          Fünf Kommunikationsexperten

          Ist das ein bisschen viel Harmonie auf einer Talkshowbühne - vor allem, wo doch die Talkshow "Hart aber fair" heißt? Hart war das so gar nicht, was sich die fünf Teilnehmer lieferten. Dafür war es von einer seltenen Konstruktivität, was mit der herausragenden Auswahl der Gäste zusammenhing. Die Redaktion hatte fünf Experten eingeladen, von denen jeder auf seine Art von einem zurückhaltenden Perfektionismus und einem besonderen Kommunikationstalent war. Die Expertise und die Insiderkenntnisse, die die drei Frauen und zwei Männer jeweils für sich beanspruchen konnten, vermochten sie besonders gut untereinander und an ihr Publikum zu kommunizieren. So ergab sich ein echtes Gespräch.

          "Für uns Verbraucher wird `s immer schön aufgeschnitten und hindrapiert", sagte etwa Nicole Just. "Man kommt nicht in Tierfabriken und Schlachtereien rein. Das soll der Verbraucher auch nicht sehen." Ja, das stimme, gab Fleisch-Lobbyisten Dhem daraufhin unumwunden zu. Selbst die Einspieler ergänzten den Fluss des Gesprächs aufs Beste. Man sah Jürgen von der Lippe schlucken, als Bilder von Sauen gezeigt wurden, die vier Wochen am Stück unter Eisenbügeln fixiert werden, während sie ihre Ferkel säugen - damit sie die Jungtiere nicht versehentlich erdrücken. "Normalerweise müssten die Tierschutzgesetze doch greifen", sagte von der Lippe fassungslos. Und forderte dann "Begehungen": "Der Bundestag soll sich Stallungen angucken."

          Wer sich mit dem Thema Nutztierhaltung länger beschäftigt hat, für den sind das keine Neuigkeiten. Und auch sonst kamen ziemlich viele "alte Hüte" in der Sendung vor: Bärbel Höhn erinnerte etwa daran, dass erst die gesetzlich vorgeschriebene Eier-Kennzeichnung einen Tierschutzerfolg für Legehennen erbringen konnte: Eier, auf denen "Käfig" steht, kauft heute niemand mehr. So solle man auch mit Fleischprodukten verfahren. Und die Redaktion von "Hart aber fair" führte einmal mehr die geschönten Etiketten auf Wurstverpackungen vor, die idyllische Weiden und Bauernhöfe zeigen - obwohl das Fleisch doch aus Fabriken stammt.

          Auf dem Schulhof beschimpft

          Alles lange bekannt und oft durchgekaut? Sicher. Vielleicht aber nicht für den Durchschnittszuschauer, der am liebsten ausblendet, woher die gekaufte Wurst stammt und ob an ihre Erzeugung ethische Maßstäbe angelegt worden sind, mit denen man sich identifizieren könnte. Der weder im Wendland noch in Prenzlauer Berg wohnt und für den Veganismus deshalb vielleicht eine wirklich fremde Welt ist. Für diesen Verbraucher bot die Sendung einen leichten Zugang, sich mit einer Thematik auseinanderzusetzen, die nicht nur dann brisant ist, wenn gerade irgendwo ein Dioxin-, ein Ehec- oder ein Pferdefleischskandal für Schlagzeilen sorgt.

          Verschwiegen werden sollte bei allem Lob allerdings nicht, dass "Hart aber fair", indem man auf Ausgewogenheit setzte, auch darauf verzichtete, die Geschichte zu Ende zu erzählen. Den Ernährungstrends der Gegenwart war man nicht gerade dicht auf der Spur. Deutlich wurde das, als Redakteurin Brigitte Büscher die Zuschauerzuschriften verlas und erzählte, es habe sich auch eine Mutter telefonisch gemeldet. Die Frau habe gesagt, dass heute Kinder mit Wurstsemmeln in der Schule von den Gleichaltrigen als "Mörder" beschimpft würden. Man hätte gern mehr darüber erfahren. Mehr auch über die Erfahrungen von Tierrechtsaktivisten, die Nutztiere aus Stallungen befreien. Mehr aus der Parallelwelt der überzeugten veganen Szene: Inzwischen gibt es eine erste rein vegane Grundschule in der Nähe von Lüneburg; in Großstädten entstehen Initiativen von Eltern, die ihre Kinder nicht mehr der milch-, fleisch- und eihaltigen Schulkantinenkost aussetzen möchten. Woher stammen diese Bewegungen, was hat der neue Protest für Konsequenzen? Am Ende hätten diese Details natürlich die grundlegend anders angelegte Sendung gesprengt. Zu den Debatten am Montagabend passte dann besser das, was der Marketingleiter des Wurstherstellers "Rügenwalder Mühle" abschließend in einem eingespielten Film nüchtern feststellen durfte: "Wurst und Fleisch haben ein Imageproblem".

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