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TV-Kritik: „Hart aber fair“ : Hysterisches Gejaule?

Frank Plasberg Bild: WDR/Klaus Görgen

In der Sendung von Frank Plasberg ging es um Generationengerechtigkeit und die Mütterrente. Die Betroffenen waren Staffage, die Diskutanten meilenweit von der Rente entfernt.

          Es klafft eine Gerechtigkeitslücke in unserer Gesellschaft. Das hat schon Altbundespräsident Roman Herzog kommen sehen, als er vor sechs Jahren das Gespenst einer „Rentnerdemokratie“ an die Wand malte. Jetzt scheint das Gespenst leibhaftig vor der Tür zu stehen – das am Freitag im Bundestag zu verabschiedende Gesetz über die Rente mit 63 spaltet die Gemüter.

          Hannes Hintermeier

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Neue Sachbücher“.

          Diese Spaltung war auch bei Frank Plasbergs „Hart aber fair“ die Ausgangslage. Der ARD-Frage- und Einspielungsfeuerwerker stellte seine gestrige Sendung unter das schöne Thema „Alte jubeln, Junge ächzen – ist das die neue Rentenformel?“.

          Die Jungen sind gar nicht wirklich dafür

          Befund: 32 Milliarden Euro verteilt die Große Koalition per Gießkanne an die Alten, nur 9 Milliarden an die junge Generation, und das in einer Situation, in der 53 Prozent der Wahlberechtigten bereits älter als fünfzig Jahre sind. Hatte den Wink mit der Wähler-Zaunlatte jeder begriffen? Ja, kann man so sagen.

          Also weiter:  Aufgeboten war eine relativ homogene Altersgruppe an Diskutanten, die jüngste war Lencke Wischhusen vom Bundesverband „Die jungen Unternehmer“ (BJU) im zarten Alter von 28 Jahren. Christian Lindner, FDP-Bundesvorsitzender, ist Jahrgang 1979, der CDU-Generalsekretär Peter Tauber ist Jahrgang 1974, die SPD-Generalsekretärin Yasmin Fahimi und der stellvertretende Chefredakteur der „Welt“-Gruppe, Ulf Poschardt, wurden 1967 geboren.

          Lencke Wischhusen vom Bundesverband „Die jungen Unternehmer“ (BJU)

          Alle also weit von der Rente entfernt. Diese Rolle wurde von Studiogästen erledigt: Eine 68-jährige Frau aus Bremen, fünffache, streckenweise alleinerziehende Mutter, sowie ein Hammerschmied, der nach 50 Berufsjahren im Stahlwerk mit 63 in Rente gehen möchte. Das waren die tadellosen Vorzeige-Alten, denen jeder, aber auch jeder, einen gesicherten Lebensabend vergönnen würde.

          Im Zweifelsfall reden die Generalsekretäre

          So recht in Gang mochte die Diskussion deswegen nicht kommen, was dazu führte, dass sich vornehmlich die Generalsekretäre der beiden Volksparteien beharkten, ohne allzu großen Willen zum Zubeißen. Man rudert ja als Koalitionär in einem Boot.

          Fahimi, optisch ein Echo auf die schon historische Andrea Ypsilanti, verteidigte den Gesetzentwurf und versuchte gleichzeitig, sich vom CDU-Generalsekretär Tauber abzusetzen, der wie ein sprechender Krawattenknoten die Lufthoheit zu gewinnen suchte.

          CDU-Generalsekretär Peter Tauber

          Lencke Wischhusen zeigte gelegentlich ihr makelloses Gebiss und schaute sonst meist in eine Richtung, nämlich nach rechts, zu Peter Tauber. Wenn sie so weiterblickt – in einer Mischung aus keck, streng und vorgebend, als hätte sie tatsächlich etwas zu sagen –, dann wird sie eine große Talkshow-Zukunft haben.

          Tauber wiederum, der diese ihm zuteil werdende Aufmerksamkeit gar nicht zu bemerken schien, gab überwiegend schwammige Argumente von sich. Gegen die kam Christian Lindner nicht so recht an, obwohl er sich Mühe gab. Aber was will man gegen Sätze wie „Das muss man sich in den Zahlen nochmal genau ansehen“ auch ausrichten?

          Kann es die Familie allein richten?

          Am deutlichsten zeigte Tauber, aus welcher rhetorischen Retortenfabrik er kommt, als er den eingrätschenden Moderator verbellte mit der Bemerkung, Plasberg müsse schon „damit leben, dass ich weiter rede, denn dafür werde ich auch bezahlt“. Auch so kann man also Rentenansprüche erwerben.

          Ulf Poschardt nahm die Fechtereien distanziert schmunzelnd zu Kenntnis und immigrierte geistig früh. Als er gegen Ende der Sendung wieder erwachte, lancierte er immerhin noch den Appell, man solle nicht alles dem Staat überlasen, die Solidargemeinschaft Familie könne auch für sich allein sorgen. Das wiederum gefiel der SPD-Frau gar nicht. Wie überhaupt die SPD nicht gut weg kam. Als Buhfrau musste Arbeitsministerin Andrea Nahles herhalten, deren Spruch vom „hysterischen Gejaule“ als Reaktion auf das geplante Gesetz zu Tode geritten wurde. Einmal muss reichen, das kann Oliver Welke aber viel besser.

          Das kann die „Heute Show“ besser

          Der Faktencheck war diesmal ein „Zuschauermeinungspaket“, und statt der Schluss-Statements der Politiker ließ man lieber Großeltern zu Wort kommen, die als Enkelbeaufsichtiger phantastische volkswirtschaftliche Dienste leisten. Das war versöhnlich und insofern korrekt, als mit der Aufhetzerei der Generationen niemandem gedient ist.

          Die SPD-Generalsekretärin Yasmin Fahimi

          Dumm nur, dass am Ende selbst die Generalsekretärin der SPD zu verstehen gab, das Thema sei als Gesetzesvorhaben eigentlich noch nicht ausgereift. Ein Thema, das zu komplex ist, um als Gesetz festgeschrieben zu werden – passt das nicht hervorragend zum Zustand unserer Gesellschaft?

          P.S: Unter uns Talkshow-Brüdern ein Hinweis, auch auf die Gefahr hin, mich an dieser Stelle zu wiederholen: Werter Herr Plasberg, auch für Sie gilt – über Anwesende nie in der dritten Person sprechen. Das ist gar nicht hart, aber dafür total höflich.

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