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TV-Kritik: „Hart aber Fair" : Hauptsache Krawall

Jeder unterbricht jeden, und das auf Kommando: „Hart aber fair“ mit Frank Plasberg ist die lauteste der politischen Talksendungen Bild: dapd

Bei „Hart aber Fair“ sollte es um die Wahlergebnisse, Europas Wutbürger und den Erfolg der „Alternative für Deutschland“ gehen. Dann ging es aber wieder nur um den Moderator.

          Es mag ungefähr in der Mitte der „Hart aber fair“-Sendung gewesen sein, die, einen Tag nach der Europawahl, den Titel „Europas Wutbürger – Abschottung statt Toleranz?“ hatte, als Bernd Lucke von der „Alternative für Deutschland“ die Lust verlor, sich gewählt auszudrücken. „Ich wehre mich gegen die Simplizität der politischen Analyse, die ich hier höre“, hatte er gerade noch gespreizt formuliert. „Halten Sie doch einfach mal die Klappe und lassen mich zu Ende reden!“, rief er jetzt und meinte damit den Journalisten Michel Friedman, der ihm ins Wort gefallen war. Der Moderator Frank Plasberg sagte daraufhin „Oh, oh, oh!“. Er ging auf Lucke zu, legte seine Hände schlichtend auf den Tisch vor ihm und sprach von „Kultur“, womit er offenbar an die Gesprächskultur der Sendung erinnern wollte, dabei allerdings so ironisch lächelte, dass man nicht sicher sein konnte, ob ihn diese überhaupt interessierte.

          Julia Encke

          Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Plasberg hatte neben Lucke und Friedman für diesen Abend Wilfried Scharnagl eingeladen, der als „CSU-Vordenker“ (vielleicht auch Ironie?) vorgestellt wurde und dem angesichts des CSU-Ergebnisses einfiel, dass man „die Kirche im Dorf lassen“ müsse. Ex-„Bild“-Mann Nikolaus Blome vom „Spiegel“-Hauptstadtbüro war auch da und erzählte noch mal, was er am Morgen unter dem die „Bild“-Zeitungs-Schlagzeile „Wir sind Papst“ zitierenden Titel „Wir sind Wahlsieger“ schon bei „Spiegel Online“ geschrieben hatte: „Diese Wahl war historisch. Denn sie hat in zentralen Fragen die Macht in Europa verschoben - in Richtung der Wähler.“ Wieso genau erfuhr man in der Sendung dann aber nicht. Man sah nur, dass Claudia Roth von den Grünen, die neben Blome saß, diesem wiederholt die Hand auf den Arm legte, woraufhin Blome immer verkrampfter da saß. Uwe-Karsten Heye, früher Regierungssprecher von Gerhard Schröder, versuchte, ganz am Rand sitzend, immer wieder die Komplexität der Situation zu erklären. Er kam aber kaum zu Wort.

          „Bitte keine Referate!“

          Denn Komplexität interessiert Frank Plasberg nicht. Plasberg interessiert sich für Tempo und Krawall. Wo sich beides nicht von selbst ergibt, also eigentlich immer, hilft er persönlich nach, indem er ganz einfach die Rede seiner Gäste unterbricht. Er stellt eine Frage, und schon nach wenigen Sätzen der Antwort geht er dazwischen: „Bitte keine Referate!“, „Bitte antworten Sie auf meine Frage!“, was aber meistens nur als Vorwand dient, um ordentlich Stimmung in der Bude zu erzeugen. Und das funktionierte auch diesmal wieder: Friedman schrie seine Wortbeiträge irgendwann ins Mikro, alle unterbrachen Lucke, Lucke unterbrach alle anderen, ständig redeten mehrere Gäste simultan und dabei so schnell wie möglich. Unmöglich, da noch irgendwas zu verstehen.

          „Jetzt halten Sie doch mal die Klappe“: AfD-Vorsitzender Bernd Lucke

          Was dreimal gesagt wurde, blieb notgedrungen hängen: Die AfD sei nicht „konservativ“, wiederholte Lucke, schließlich hätten auch ehemalige Sozialdemokraten und Linke und sogar Grüne die AfD gewählt. Augenrollen bei Claudia Roth. Die AfD sei angeblich auch nicht gegen Einwanderung, klar sei Deutschland ein Einwanderungsland. Nicht einmal mit den Wahlplakaten seiner Partei wollte Lucke jetzt noch was zu tun haben. Das seien „alte“ Plakate gewesen, die man mit neuen Aufklebern versehen und nur hingehängt hätte, weil so viele AfD-Plakate auf den Straßen zerstört worden seien. „Wir sind nicht das Weltsozialamt“ hatte auf diesen „alten“ Plakaten gestanden. Bei der NPD und „Die Rechte“ stand: „Wir sind nicht das Sozialamt der Welt.“ Seehofer sagte in einem Werbespot: „Wir dürfen nicht zum Sozialamt für die ganze Welt werden.“ Bundeskanzlerin Angela Merkel sagte kurz vor der Wahl: „Die EU ist keine Sozialunion.“

          „Sie haben keine Ahnung!“

          In welcher Weise sich an der Variation dieses einen Satzes zeigen ließe, wie die AfD und die Rechtsextremen die großen Parteien unter Druck setzten, das hätte tatsächlich eine interessante Diskussion werden können. Aber da rief Lucke schon wieder: „Sie haben keine Ahnung!“, Friedman wollte sich das Wort nicht nehmen lassen, Claudia Roth auch nicht und schon gar nicht Frank Plasberg, der in dem wohl schönsten Satz der Sendung von Roth gefragt wurde: „Sind Sie jetzt am Ende Ihrer Redezeit angekommen?“

          Wenn sich mit jeder Unterbrechung und scheinbaren Pointe alle Aufmerksamkeit auf den Moderator richtet, scheint Frank Plasberg am Ziel zu sein. Im Grunde ist es ganz egal, wer bei ihm die Gäste sind. Hauptgast ist der Moderator selbst, die Sendung eine sensationelle Egoshow. Als ein Einspieler den Siegeszug der Rechtspopulisten in Frankreich und England, in Griechenland, den Niederlanden, Dänemark und Finnland zusammenfasste, saßen alle betroffen da und beklagten einmütig die Kluft zwischen der Politik und den Bürgern, die niedrige Wahlbeteiligung, die Politikverdrossenheit. Sie beklagten es in einer Sendung, die im selben Moment die Entpolitisierung temperamentvoll vorantrieb, indem sie ihre Inhalte für Effekte opferte. „Hart aber fair“ ist sicher die lauteste der politischen Talkshows in Deutschland. Aber auch die unpolitischste. Nur ein Zyniker kann sich darauf was einbilden.

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