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TV-Kritik: Hart aber fair : Euer oder unser Problem?

Zwei verschleierte Frauen in Frankfurt am Main: Ausdruck von Bedrohung oder Toleranz? Bild: Picture-Alliance

In der Sendung „Hart aber Fair“ wird mal wieder alles in einen Topf geworfen: Muslime, Christen und eine Atheistin diskutieren, ob die Islamverbände sich vom IS-Terror distanzieren müssen - und warum die Deutschen so viel Angst vor dem Islam haben.

          3 Min.

          Aiman Mazyek ist Sohn eines Syrers und einer Deutschen. Er ist in Aachen aufgewachsen und hat den Habitus eines gemütlichen Rheinländers. Mit der Türkei hat er nichts zu tun. Trotzdem wird der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime in Deutschland am Montagabend bei Plasberg gefragt, was er denn von der Aussage des türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan halte, die Gleichstellung von Mann und Frau sei „gegen die Natur“. Seine Antwort: „Meine Bundeskanzlerin ist Angela Merkel.“ Was also geht ihn Erdogan an?

          Friederike Böge

          Politische Korrespondentin für Ostasien.

          Mazyek ist an diesem Abend ziemlich genervt, und ein bisschen kann man das verstehen. Wenn immer alles in einen Topf geworfen wird, und er immer wieder - wie auch in dieser Hart-aber-fair-Sendung - nach dem in Deutschland kaum anzutreffenden Ganzkörperschleier, nach Frauenfahrverbot in Saudi-Arabien und Genitalverstümmelung in Afrika gefragt wird, dann kann das ganz schön nervig sein. Erst recht, wenn alle erwarten, dass Mazyek sich davon distanziert, als habe er etwas damit zu tun. Genauso nervig - in diesem Fall für den Zuschauer - sind allerdings die immer gleichen Floskeln von der Friedfertigkeit und Toleranz des Islam, die man bei solchen Gelegenheiten von Vertretern von Islamverbänden zu hören bekommt. In diesem Fall von Mazyek.

          42 Prozent der Deutschen machen sich Sorgen

          Woran liegt es, dass 42 Prozent der Deutschen sich große Sorgen machen, dass der Islam sich zu stark ausdehnt, wie Plasberg erheben lassen hat? Etwa daran, dass die Medien ein falsches, hysterisches Bild der Religion zeichnen? Oder daran, dass die muslimischen Gemeinden in Deutschland sich zu wenig von islamistischen Tendenzen in den eigenen Reihen und von jenen jungen Männern distanzieren, die sich der Terrorgruppe „Islamischer Staat“ in Syrien oder im Irak anzuschließen? Das sind die Fragen, um die es in Frank Plasbergs Sendung „Deutschland und der Islam - wie passt das zusammen?“ geht. Und um es gleich vorwegzunehmen: Eine überzeugende Antwort bleibt die Sendung schuldig.

          Der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime in Deutschland: Aiman Mazyek

          Das liegt auch daran, dass die Rollen allzu klar verteilt sind, um eine interessante Diskussion zu ermöglichen. Zusammen mit Mazyek sitzt Öslem Nas vom Rat der Islamischen Gemeinschaften in Norddeutschland auf der Büßerbank. Sie warnt vor einer „Islamisierung des Problems“ und besteht darauf, dass Extremismus ein gesamtgesellschaftliches Problem sei, bei dem die Schulen in Deutschland ebenso in der Pflicht stünden wie die muslimischen Gemeinden.

          Dieser durchaus bedenkenswerte Gedanke wird von Plasberg allerdings gar nicht aufgegriffen - er tut ihn als Ablenkungsmanöver ab wie auch die meisten anderen Argumente der beiden Islamverbandsvertreter. „Dann können wir die Sendung gleich beenden, wenn Sie alles wegschieben“, sagt er einmal. Öslem Nas tut sich allerdings auch keinen Gefallen damit, gebetsmühlenartig auf das Selbstverständliche hinzuweisen, dass es nicht „den einen Islam“ gebe. Islam ist demnach immer gerade nicht das, was der andere damit verbindet.

          Wenig Erhellendes

          Den anderen Diskutanten wie dem ehemaligen Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche Wolfgang Huber oder der Publizistin Birgit Kelle fällt derweil die wenig originelle Rolle zu, eine deutlichere Distanzierung der muslimischen Verbände von Gewalt und Extremismus zu fordern. Huber tut das mit Verweis auf Hexenverbrennung und Kreuzzüge, die ebenso untrennbar mit der Geschichte der christlichen Kirchen verbunden seien. Das lässt sich ein paar hundert Jahre später freilich leicht daher sagen. Zwischen den beiden Lagern sitzt die Kabarettistin Lisa Fritz, die Bibel und Koran gleichermaßen für gefährlich hält, wenn man sie allzu wörtlich und ohne Humor nimmt.
          All das fördert wenig Erhellendes zutage.

          Wolfgang Huber, ehemaliger Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland

          So ist man als Zuschauer dankbar über Plasbergs Einspieler, die die Diskussion ab und an in eine neue Richtung führen. Etwa wenn Plasberg die Kopftuch tragende Öslem Nas fragt, ob sie schon einmal eine vollverschleierte Frau nach ihrer Motivation für ihre Verschleierung gefragt habe. Tatsächlich hat sie - und wurde von der Vollverschleierten in intoleranter Weise belehrt und beleidigt. Da wird zum ersten Mal das Muster des „wir Christen“ gegen „euch Muslime“ in der Runde aufgebrochen, das Öslem Nas in der Sendung wohl zu recht beklagt.

          Distanz vor islamophober Hetze?

          Oder als der Moderator den Muslimen auf dem Podium eine Pause von der Büßerbank gönnt und Wolfgang Huber mit der Frage konfrontiert, ob ein evangelisches Krankenhaus von der Präsenz einer einzelnen Muslimin mit Kopftuch überfordert sei. Das bezieht sich auf ein Urteil des höchsten deutschen Arbeitsgerichts, wonach kirchliche Arbeitgeber das muslimische Kopftuch im Dienst verbieten dürfen. Zitiert wird auch der Direktor des Deutschen Evangelischen Krankenhausverbands, der meint, im Gegensatz zum muslimischen Kopftuch würde das Kopftuch einer Nonne in einem evangelischen Krankenhaus als Zeichen der Ökumene gewertet. Da ist sie also, die Angst, dass der Islam sich ausbreiten könnte.

          Die Kehrseite dieser Angst ist übrigens im Gästebuch der Sendung nachzulesen, wo sich mehr als 1000 Zuschauer verewigt haben. Es trieft nur so vor islamophober Hetze. Vielleicht hätte Plasberg Huber und Kelle fragen sollen, ob sie sich davon distanzieren wollen.

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