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TV-Kritik: „Hart aber fair“ : Die Würde des Menschen ist antastbar

  • -Aktualisiert am

Frank Plasberg und seine Gäste Bild: © WDR/Oliver Ziebe

Gesundheitspolitik ist ein Minenfeld. Weil das fast alle wissen, bewegen sie sich routiniert vorsichtig. Doch manchmal lassen sich schwierige Fragen nicht vermeiden. Dann schlägt die Stunde der Medizinethiker.

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          Als unter Gesundheitsministerin Ulla Schmidt die letzte große Gesundheitsreform auf den Weg gebracht wurde, gehörte die Einführung des Gesundheitsfonds zu den Neuerungen. Bevor die Reform in Kraft trat, kritisierten fast alle Akteure die Idee des Fonds. Kaum war er da, trat etwas Erstaunliches ein: Plötzlich agierten auch zuvor lautstarke Kritiker überaus vorsichtig. Alle sahen, wie gut gefüllt dieser Fonds war. Alle wollten daran partizipieren. Nur wie das gelingen würde, war noch nicht ausgemacht. Seit der Erfindung des Trojanischen Pferdes gab es kein intelligenteres Organisationsgefäß zur Disziplinierung konkurrierender Interessen.

          Bei Frank Plasberg ging es an diesem Abend um die Renditeerwartungen der forschenden Arzneimittelhersteller. Sie rechtfertigen ihre Preisvorstellungen mit dem hohen Forschungsaufwand, was zumindest dann zweifelhaft erscheint, wenn die Entdeckung eines neuen Wirkstoffs der universitären Forschung zu verdanken ist.

          Wie teuer darf Medizin sein?

          Wie teuer darf Medizin sein, ist eine Frage, die nicht in absoluten Preisen zu beantworten ist. Der Vergleich eines medizinischen Wirkstoffs mit irgendwelchen Edelmetallen bedient vielleicht naive Gemüter. Praktiker wie MdB Karl Lauterbach und der Onkologe Wolf-Dieter Ludwig achten auf den therapeutischen Nutzen und setzen den in Verhältnis zu den geforderten Preisen. Die können erheblich sein. Rechtfertigen wenige Monate Lebensverlängerung auch hohe Therapiekosten? Was ist das für ein Leben, wenn es von schweren Neben- und Wechselwirkungen überschattet ist? Ein neues Arzneimittel gegen den schwarzen Hautkrebs kann jährlich pro Patient bis zu 100.000 Euro kosten. Der Kliniker Ludwig findet die Preisforderung der Hersteller übertrieben.

          Birgit Fischer, Hauptgeschäftsführerin des Verbands der forschenden Arzneimittelhersteller, betrachtet das pragmatisch. Was leistet ein Medikament? Was bringt es an Fortschritt? Was leistet es für die Gesellschaft? Wie hoch war der Entwicklungsaufwand? Früher war sie Mitglied des SPD-Parteivorstands, Ministerin in NRW und lange Jahre Chefin der Barmer Ersatzkasse. Für sie ist die Interessenvertretung auch nur eine Textsorte.

          Unter den Gästen dieses Abends ist Marion Rink der Joker. Auf wessen Seite wird sie sich schlagen? Auf die Seite der Politik, der Ärzte oder der Industrie? Mit hohen Therapiekosten ist es gelungen, sie von Leukämie zu heilen und ihre Rheuma-Erkrankung zu behandeln. Sie ist weitgehend beschwerdefrei und dankbar dafür, will aber nicht wissen, wie viel ihre Behandlung gekostet hat. Der Versichertengemeinschaft und ihren Ärzten ist sie dankbar. Der Joker ist neutral.

          Karl Lauterbach ist politischer Routinier. Er bezweifelt das Preis-Leistungs-Verhältnis bei dem Melanom-Medikament. Es sei von einem Uniprofessor entwickelt worden, nicht von einer Firma. Mehr als die Hälfte des Preises für Gewinn und Marketing zu veranschlagen, findet er unethisch.

          Eine Frage der Gerechtigkeit

          Wolfgang Huber, früherer EKD-Ratsvorsitzender, assistiert. Sparsamer Umgang mit knappen Ressourcen sei ein Gerechtigkeitsgebot. Zweifel seien angebracht, wenn die Solidargemeinschaft der Versicherten die Monopolstellung eines Arzneimittels finanziere. Dass in die Preisgestaltung auch die Kosten gescheiterter Forschung eingerechnet würden, lässt Lauterbach nicht gelten. Im Vergleich zu den bisherigen Medikamenten zur Behandlung des Melanoms sei ein Preissprung um das Zehnfache nicht zu rechtfertigen. Es sei auch deshalb unethisch, weil es infolge der Kosten in vielen armen Ländern gar nicht zum Einsatz gelangen werde.

          Problematisch sei auch die Preisgestaltung eines Medikaments, das Infektionen mit dem Hepatitis C-Erreger heilt. Die Firma Gilead hat damit im Jahr 2015 einen weltweiten Umsatz von 17 Milliarden Euro gemacht. Frau Fischer findet das nicht verwerflich. Wer finanziere dann noch Forschungen für Parkinson- oder Alzheimer-Medikamente? Professor Ludwig ist Vorsitzender der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft. Auch die Gilead-Medikamente seien nicht unternehmerischer, sondern universitärer Forschung zu verdanken. Der Kauf des Patents habe sich in kürzester Zeit amortisiert.

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