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TV-Kritik: „Hart aber fair“ : Die Würde des Menschen ist antastbar

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Die Preisgestaltung sei besonders in Indien und Nordafrika nicht akzeptabel. Dort sei Hepatitis C endemisch, aber nur fünf Prozent der Erkrankten bekämen das Medikament. Bischof Huber erinnert in dem Zusammenhang an den internationalen Aufschrei, den der frühere Präsident Südafrikas Mbeki provoziert hatte. Längst litten die Länder des südlichen Afrikas unter einer HIV-Epidemie. Erst internationalem Druck war es zu verdanken, dass Patienten zu reduzierten Preisen die für ihre Therapie erforderlichen Medikamente erhielten. Das ließe sich als Präzedenzfall auch auf Gileads Hepatitis C-Medikamente übertragen.

Ethik versus Marktmacht

Bischof Huber moniert die unternehmerischen Prinzipien der Pharmaindustrie. An erster Stelle stünde die Gewinnmaximierung, erst an zweiter Stelle der medizinische Nutzen. Umgekehrt müsse es sein. Marktförmigkeit dürfe nur ein Aspekt unter vielen sein. Frau Fischer betrachtet das als Gegenstand von Aushandlungsprozessen. Niemand habe etwas davon, wenn ein Arzneimittel nicht zur Anwendung komme. So artikuliert sie Marktmacht.

Ein Einspieler berichtet davon, dass 59 Prozent der Onkologen aus Kostengründen auf Therapiemaßnahmen mit zu geringem Nutzen verzichteten. Bischof Huber erinnert an das Rationalitätsgebot der Gesundheitsversorgung: Ärzte könnten unnötige Kosten vermeiden, ohne am einzelnen Krankenbett die Versorgung zu rationieren. Onkologe Ludwig wendet ein, dass Kosten bei den therapeutischen Entscheidungen keine Rolle spielten. Es komme auf den nachgewiesenen Nutzen an.

Krebspatienten stehen am Ende ihres Lebens vor anderen Fragen: ob sie im häuslichen Umfeld oder in einer Palliativklinik sterben. Die Hoffnung eines sterbenskranken Patienten sei nicht Gegenstand einer Kalkulation. Ärzte entschieden nach medizinischer Notwendigkeit. In Ludwigs Klinik kosten die in der Krebs- und Rheumatherapie eingesetzten monoklonalen Antikörper monatlich über zwei Millionen Euro. Aber das führe nicht zu kritischen Diskussionen mit der Klinikverwaltung. Karl Lauterbach beanstandet, dass dagegen Geld für Prävention und Pflege fehle.

Der nächste Einspieler beleuchtet das für Normalsterbliche kryptische System der Preisverhandlungen zwischen der GKV und der Pharmaindustrie. Immerhin erfährt man bei der Gelegenheit, dass 56 Prozent der neuen Medikamente einen nachweisbaren Zusatznutzen hätten.

Frau Fischer kritisiert die politischen Versuche, die Arzneimittelkosten in den Griff zu bekommen als Strafzoll für Innovationen. Karl Lauterbach betrachtet das rigoroser: Es gehe darum, exorbitante Gewinne der Industrie zu deckeln, Kosten für Medikamente, für die noch keine Preise verhandelt worden seien, sollten nicht mehr erstattet werden. Er kennt die Wirksamkeit der gesundheitspolitischen Folterinstrumente.

QALY

Das Vereinigte Königreich hat mit QALY ein Instrument entwickelt, das den medizinischen Nutzen an mehreren Indikatoren der Lebensqualität bemisst. Ein QALY steht für ein Jahr in bester Gesundheit. Tot zu sein, steht für Null QALY. Es gibt nach dieser Methodik sogar Zustände, die als schlimmer als der Tod gelten und deshalb mit negativen QALYS bewertet werden. QALY bewertet Kosten- und Nutzen-Verhältnisse: Für junge arbeitsfähige Mütter werden so höhere Therapiekosten als für alte Schwerkranke gerechtfertigt. Bischof Huber sieht damit eine ethische Grenze überschritten und erinnert an die unselige Debatte über die Versorgung älterer Menschen mit neuen Hüftprothesen. Solche Berechnungen verletzten die Würde des Menschen.

Plasberg zitiert aus einem bewegenden Buch. Der an einem Hirntumor erkrankte Schriftsteller Wolfgang Herrndorf hat in seinem Buch „Arbeit und Struktur“ den Sachverhalt, um den es geht, präzise beschrieben: „Was dieses System schon in die Errettung und Erhaltung einer flackernden Kerze investiert hat, die sich um das Bruttosozialprodukt dieses Landes bisher auch noch nicht so verdient gemacht hatte: erstaunlich. Danke Staat, danke Gesellschaft, danke AOK, danke, danke.“

Mit diesem Plädoyer hätte die Sendung enden dürfen.

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