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TV-Kritik: „Hart aber fair“ : Die Kosten der Posten

Der unverbrauchte „Herr Hofrat“: Anton Hofreiter will keine Spruchblasen absondern Bild: dpa

Bei Plasberg ging es um die Frage, zu welchem Preis eine große Koalition zu haben ist - und wie viel Luft zum Atmen die Opposition dabei noch hätte.

          Wie das so ist mit neuen Gesichtern: So ganz integriert sind sie eben noch nicht in den geschmierten Rede-Ringelreihen. Der unverbrauchte Fraktionsvorsitzende von Bündnis 90/Grüne, Anton Hofreiter, saß bei Plasberg deshalb ein wenig renitent in der Gegend herum. Einerseits optisch einen Hauch von Oberammergau verströmend,  war er andererseits geneigt, nicht sofort eine Spruchblase abzusondern, sondern erst einmal – in durchaus landestypischer Manier – nachzudenken.

          Hannes Hintermeier

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Neue Sachbücher“.

          Viel geholfen hat es ihm nicht, denn ein ums andere Mal meinte man als Zuschauer nicht richtig gehört zu haben, wenn ihn der Moderator und die Kollegen aus der Politik mit „Herr Hofmeister“ oder einmal gar als „Herr Hofrat“ anredeten. Das wird schon noch. Der Mann hat Sitzfleisch, das war nicht zu verkennen.

          NRW, geh du voran

          Hofreiter bildete auf der Landkarte der deutschen Stämme den der Bayern ab, jenes ferne Land, dessen alleinregierende Partei mit der Maut für Ausländer ein „Quatschprojekt“ (Hofreiter) vorantreibt. Das Nachbarland Baden-Württemberg, wo die Wutbürger auf den Platanen wachsen, wurde durch den SPD-nahen Schauspieler und Bürgerbeteiligungs-Aktivisten Walter Sittler repräsentiert, der allerdings nicht so richtig durchdrang.

          Aus der Hauptstadt waren Gregor Gysi und der ZDF-Moderator Wulf Schmiese gekommen; Nordrhein-Westfalen war mit der Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD) und dem CDU-Politiker Armin Laschet ebenfalls doppelt besetzt.

          Frank Plasberg: Über Anwesende niemals in der dritten Person reden

          Schmiese, der offenbar als Ko-Moderator der Ausgewogenheit halber zugeladen worden war – mit dem Zweiten streitet man besser? –, nutzte seine Chance und übernahm stellenweise die Arbeit des ungewöhnlich milde gestimmten und um Konstruktivität bemühten Frank Plasberg. Der ZDF-Mann saß auch günstig, denn in der vom Zuschauer aus linken Ecke waren Laschet und Kraft ganz stark im NRW-Infight. Laschet redete und redete.

          Das stille Örtchen ist nicht mehr abhörsicher

          Das hat er in Sachen Maut offenbar auch auf einer Berliner Toilette mit dem bayerischen SPD-Vorsitzenden Pronold getan, wo man ihn belauscht und via „Bild am Sonntag“ in die Öffentlichkeit gezerrt hat. Wie menschlich, so ein Redebedürfnis. Einerseits. Was aber solche Episoden im öffentlich-rechtlichen Fernsehen andererseits zu suchen haben? Ein Griff ins Klo.

          Hannelore Kraft, das machte Plasberg deutlich, ist in diesen Koalitionsverhandlungen die zweitmächtigste Frau Deutschlands: Die möglicherweise kommende Kanzlerin schwieg zumeist, gab höchstens Unverbindliches von sich, tat dies allerdings indem sie lächelnd vor sich hinsympathelte. Inhaltlich war von ihr zu all den aufgeworfenen Fragen wenig zu hören. So verfestigte sich der Eindruck: Hier liegt schon jemand in Lauerstellung.

          Vom rechten Flügel versuchte der Linken-Fraktionsvorsitzende Gregor Gysi seine Grätschen zu lancieren, kam er aber nicht so recht in Form, weil er die Wahlkampfrhetorik noch nicht abzustreifen vermochte.

          Wer wird denn auf Konkretes hoffen?

          Gleichgültig, ob es um Ausländermaut, Vignetten, Infrastrukturmaßnahmen, Rentenfrage, Bürgerbeteiligung ging: Es war nicht viel Konkretes zu hören, was angesichts der laufenden Elefantenrunden in Berlin mit bis zu fünfundsiebzig Beteiligten an einem sehr großen quadratischen Tisch auch kein Wunder ist. Das Thema der Sendung war im Cinemascope-Format angelegt. Sieben Einspielfilme und ein Faktencheck sorgten dafür, dass viele Streitpunkte gestreift, aber kaum welche vertieft wurden.

          Die Opposition sei „klein, aber fein“, befand Gregor Gysi. Das mag sein, einig ist sie sich indes nicht. Als der Linke-Spitzenpolitiker die Klage anstimmte, ein Viertel der Abgeordnetenstimmen sei nötig, um beim Bundesverfassungsgericht eine Normenkontrollklage anzustrengen, fuhr ihm Anton Hofreiter in die Parade, indem er diese Zahl anzweifelte.

          Aufklärung via Faktencheck blieb Fehlanzeige, in der Runde herrschte blankes Unwissen, so dass der Moderator das Thema schnell wegklickte - und auf die zwar populärere aber wesentlich unwichtigere Frage wechselte, wie viele Bundestagsvizepräsidenten ein Staat wie der unsere braucht oder sich leisten will. Die Rede ist von  derzeit sechs Amtsträgern (und jeweils 40.000 Euro Aufwandsentschädigung, Dienstwagen, einem Büro mit Referenten und zwei Sekretärinnen).

          Das künftige Kabinett in der Kristallkugel

          Die Schlussrunde mit der Fünfzehn-Sekunden-Redezeit malte dann ein nicht wirklich überraschendes Bild der kommenden Regierung. Innenminister bleibt Hans-Peter Friedrich (wenn es nach Armin Laschet geht), die Finanzen übernimmt Sigmar Gabriel (Hannelore Kraft), Regierungssprecher bleibt Steffen Seibert (was ihm Wulf Schmiese großzügig zugestand).

          Frank-Walter Steinmeier wird wieder Außenminister (Walter Sittler), Sigmar Gabriel taugt auch noch zum die Energieminister (Anton Hofreiter) und Andrea Nahles bekommt das Arbeitsministerium (Gregor Gysi).

          Mit dieser Prognose entließ man die Staatsbürger wieder ihrem eigenen Stammtisch.

          P.S. Noch eine Anmerkung zur Konversations-Etikette für die Herren Plasberg und Gysi: In künftigen Sendungen über Anwesende niemals in der dritten Person reden!

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