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TV-Kritik „Hart aber fair“ : Der könik krif zum telefon

Diskussionsfeld Schule: Lernen unsere Kinder das Falsche? Bild: dpa

Was ist wichtiger: Goethe oder Google? Lernen unsere Kinder etwa das Falsche? Diese Fragen erhitzen die Gemüter. Auch Frank Plasberg verliert dabei das Wesentliche aus dem Auge.

          Außer Fußball gibt es wohl kaum etwas, das deutsche Gemüter in so großer Zahl erregt wie das Thema Schule. Hier können ja auch alle mitreden: immerhin 750 000 Lehrer, zwölf Millionen Schüler und zwanzig Millionen Eltern - und der ganze Rest hat natürlich auch eine Meinung, denn Schüler waren alle einmal. Deshalb konnte sich Frank Plasberg bei seiner jüngsten „Hart aber fair“-Sendung zur Frage „Google statt Goethe – lernen Kinder das Falsche?“ der Aufmerksamkeit sicher sein.

          Sandra Kegel

          Redakteurin im Feuilleton.

          Erst jüngst hatte der harmlose Tweet einer siebzehnjährigen Schülerin innerhalb kürzester Zeit eine Debatte entfacht, die inzwischen auch die Bildungspolitiker beschäftigt. „Ich bin fast 18 und hab keine Ahnung von Steuern, Miete oder Versicherungen. Aber ich kann `ne Gedichtsanalyse schreiben. In 4 Sprachen“, hatte „Naina“ am 10. Januar in ihrer Kurznachricht geschrieben – und damit offenbar einen Nerv getroffen.

          Lernen Kinder in der Schule tatsächlich zu wenig über die moderne Medienwelt? Was ist wichtiger, das Wissen über Goethe oder der Umgang mit Google? Und kann man das überhaupt miteinander vergleichen? Ein spannendes Thema, das zur Kontroverse anregt, doch in der Diskussion sprangen die sechs Teilnehmer lieber munter von einem Thema zum anderen.

          Mirko Drotschmann, der es mit seiner Instant-Lernhilfe für Schüler im Internet zum Youtube-Star geschafft hat, beklagte die mangelnde Lebensnähe im Unterricht. Als Beleg führte er an, dass er sein Abitur vor zehn Jahren gemacht und seither fast alles aus der Schule vergessen habe, „von Mathe weiß ich nichts mehr“. Florian Langenscheidt griff das auf, um zu erläutern, warum in einer Zeit, in der fast das gesamte Weltwissen ständig zur Verfügung stehe, Schulen sich nicht mehr auf den klassischen Kanon zurückzuziehen dürften, sondern den Stoff rauswerfen müssten, der veraltet sei („dreißig Prozent“), um statt dessen auf die Veränderungen der Welt zu reagieren. „Sonst verspielen wir die Zukunft“, sagte der sechzigjährige Buchautor und Unternehmer, der auf zweiundzwanzig Jahre Erfahrung mit schulpflichtigen Kindern zurückblickt.

          Doch welche Themen und Stoffe für die größere Welthaltigkeit an Schulen zu opfern seien, das konnte niemand in der Runde sagen.

          „Schule ersetzt nicht den Bankberater“

          Jedes Opfer sei zu hoch, befand immerhin der Präsident des Deutschen Lehrerverbands Josef Kraus. Er sieht Schule ganz im Gegenteil als einen Ort, der vermittelt, was Kinder zu Hause in dieser Form nicht mitbekommen, Naturwissenschaften, Geschichte und  kulturelle Bildung. Die in der Sendung eingespielte Umfrage unter Abiturienten, die offenbarte, wie wenig junge Erwachsene tatsächlich über Steuererklärungen oder einen Dispokredit wissen, beeindruckte den Lehrerpräsidenten nicht. Natürlich müsse auch in der Schule der „mündige Wirtschaftsbürger“ erzogen werden, so Kraus, aber: „Die Schule kann doch nicht den Bankberater ersetzen.“ Anstatt zu vertiefen, ging die Diskussion ein ums andere Mal in die Breite.

          Mirko Drotschmann hat es mit seiner Instant-Lernhilfe für Schüler im Internet zum Youtube-Star geschafft. Er beklagt die mangelnde Lebensnähe im Unterricht.

          Während die Fernsehjournalistin Barbara Eligmann, selbst Mutter dreier Kinder, noch einmal ins alte Horn vom beklagenswerten Föderalismus stieß, warb der Hamburger SPD-Schulsenator Ties Rabe darum, am Bildungssystem nicht um jeden Preis herumzuschrauben, das sei doch „immer eine Operation am offenen Herzen“.

          Von Schreibschrift zu Frontalunterricht

          Sodann wurde die Methode „Lesen nach Hören“ in die Mangel genommen, gegen die Eligmann – und nicht zu Unrecht - in „familiären Widerstand“ getreten ist. Dass Schülern der ersten beiden Klassen hierbei Orthographiefehler nicht korrigiert werden dürfen, führt tatsächlich in die Irre, und zu so unverständlichen Sätzen wie: „der könik krif zum telefon.“ Dass Schule Anlass gibt zu so vielen Fragen, Problemen und Streitigkeiten, brach der Sendung, aller heiteren Anekdoten zum Trotz, schließlich das Genick. Denn irgendwann wurde nur noch aneinandergereiht: Von der sterbenden Schreibschrift ging es zur Kritik am Frontalunterricht, an unverständlichen Abituraufgaben wurde ebenso herumgenörgelt wie an einem Französischunterricht, in dem Schüler bis zum Umfallen Futur zwei büffelten, aber auch nach Jahren angeblich noch immer keinen Kaffee in Paris bestellen könnten.

          Florian Langenscheidt ist Buchautor und Unternehmer. Er meint, Schulen dürften sich nicht mehr auf den klassischen Kanon zurückzuziehen, sondern müssten den Stoff rauswerfen, der veraltet sei.

          Als der Hamburger Kinderpsychiater Michael Schulte-Markwort schließlich mit beunruhigenden Zahlen zum mentalen Zustand unserer Kinder im Zweiergespräch mit dem Moderator aufwartete, war der Debattierklub schon ganz ermattet. Seine Aufforderung, „wir müssen uns um unsere erschöpften Kinder kümmern“, verpuffte nahezu.

          So kam einer der besten Kommentare des Abends nicht vom Podium, sondern aus dem Kreis der Zuschauer, die sich traditionell per E-Mail in der Sendung melden. „Wer Goethe versteht, für den ist ein Versicherungstext ein Klacks“, schrieb er. Allerdings nur, wenn man Goethe im Original gelesen und verstanden, und „nicht die Interpretationshilfen im Internet zu Rate gezogen hat“.

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