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TV-Kritik: „hart aber fair“ : Der Fan wird an den Rand gedrückt

„Hart aber Fair“-Moderator Frank Plasberg Bild: WDR/Klaus Görgen

Der Kommerz zerstöre den Fußball, befürchten viele. Bayern-Aufsichtsrat Edmund Stoiber kontert bei Plasberg nüchtern: Letztendlich wolle der Fan ja die große Show. Nur schade, dass keiner eingeladen wurde.

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          An Steilvorlagen hat es nicht gemangelt. Den deutschen Fußball-Bossen und ihren Vermarktungsexperten dürften am Montag jedenfalls noch immer die Ohren gedröhnt haben, als Frank Plasberg mit seinen Gästen die Frage diskutierte, die seit dem zum Helene-Fischer-Eklat gehypten Pfeifkonzert beim Pokalfinale im Olympiastadion in aller Munde ist: „Der Fußball und das Geld – macht der Kommerz den Sport kaputt?“

          Bierdusche mit Kamera

          Michael Horeni
          (hor.), Sport

          Eine Woche zuvor hatten sich schon Spieler, Trainer und Publikum über die immer stärkere Eventisierung des Fußballs beim letzten Saisonspiel von Serienmeister FC Bayern aufgeregt, als GoPro-Kameras an Glashumpen die obligatorischen bayerischen Bierduschen aufnahmen - und ein Auftritt von Anastaica zur Halbzeit die Fußballprofis zu Statisten machten, weil die Kicker nach der Pause minutenlang warten mussten, bis ihre Bühne endlich wieder frei war.

          Aufreger gab es also genug. Woran es in der Sendung aber fehlte, obwohl man sich im Fernsehen doch sonst ganz gerne für Verbraucher stark macht: Es saß kein einziger Fußballfan in der Runde. Was im Land der 80 Millionen Bundestrainer auch eine Leistung ist. Mit dem früheren Werder-Manager Willi Lemke und dem FC-Bayern-Aufsichtsrat Edmund Stoiber wurde dafür der alte Nord-Süd-Konflikt der Bundesliga wiederbelebt. Und mit dem ARD-Koordinator für Sport, Axel Balkausky, sowie TV-Reporterlegende Marcel Reif waren noch zwei weitere Profis aus der Fußball-Unterhaltungsbranche dabei. Und mit der ehemaligen Hammerwurf-Weltmeisterin Betty Heidler ein vermeintliches Opfer der erdrückenden Macht des Fußballs im medialen Aufmerksamkeitswettbewerb. Aber Frau Heidler schüttelte nur den Kopf angesichts der „surrealen“ Entwicklungen des Fußballgeschäfts und der Entfremdung von Fans und Fußballern.

          „Schmerz ,der sehr weh tut“

          Um den Fan, das wurde in den Stadien und wie in der Sendung schnell deutlich, geht es im Profi- und Profitfußball immer weniger. Das machte Marcel Reif mit erfreulicher Offenheit klar. „Die Fans wollen nicht wahrhaben, dass Fußball Kapitalismus pur ist. Der Fan ist nur noch Beiwerk. Das ist ein Schmerz, der sehr weh tut.“ Von diesem Fan-Gefühl jedoch, in den Stadien an den Rand gedrückt zu werden, dass sich beim Pokalfinale so unüberhörbar breitgemacht hatte, war bei Plasberg aber nur in einem lieblosen Einspieler etwas zu erahnen.

          Die Kampfzone lag beim Geld. Bei seiner Verteilung, und den Folgen, die sich daraus ergeben. Stoiber verteidigte in stürmischer Bayern-Manier die ökonomische Spreizung der Bundesliga als sportliche Notwendigkeit, um gegen die internationalen Großklubs bestehen zu können. Dem Vorwurf der Langeweile, der daraus mit fünf Bayern-Meisterschaften nacheinander entstanden ist, und den einer Umfrage zufolge über 50 Prozent der Fans sogar mit Blick auf die gesamte Liga teilen, begegnete der einstige Ober-Bayer mit dem nicht ganz unberechtigten Hinweis auf die nationale Konkurrenz wie Leverkusen oder Schalke, die schwächer sei, als sie sein müsste. Sobald Stoiber den FC Bayern jedoch von internationaler Konkurrenz bedroht sieht, die mehr Geld über das Fernsehen erhält, kann der Verfechter des freien Fußballmarkts aber auch anders: „Wenn der Tabellenletzte in England mehr bekommt als Bayern, kann der Wettbewerb auf Dauer nicht funktionieren. Dagegen muss international vorgegangen werden.“

          Wenn es um den eigenen Vorteil geht, je nach Lage und Liga, waren sich Lemke und Stoiber dann doch näher, als man es von den ewigen sportlichen und politischen Rivalen erwartete. Lemke plauderte daher wie beiläufig die entsprechenden Gehaltsabrechnungen aus. Demnach zahlt Bremen seinen Profis 40 Millionen Euro im Jahr, die Bayern 240 Millionen Euro. Lemke träumt trotzdem noch immer von den Zeiten, als sich deutsche Meisterschaften zwischen Bremen und Bayern in den letzten 30 Minute einer Saison entschieden, von einer Zeit auf Augenhöhe. Aber schon seit dem Jahr 1985 sei die Schere bei den Fernsehgeldern immer weiter auseinandergegangen, auch durch „Drohungen der Bayern“.

          Verschwiegene ARD

          Als es um die stetig steigenden Fernsehgelder ging, zeigte auch die ARD wozu sie in der Lage ist – und wie sie es als öffentlich-rechtlicher Sender mit Transparenz hält. In einem Einspieler verwies die Redaktion auf Recherchen der Zeitung „taz“, wonach die ARD pro Jahr über 130 Millionen Euro für die Fernseh- und Hörfunkrechtezahle. ARD-Koordinator Balkausky weigerte sich dennoch, aus angeblicher Verschwiegenheitspflicht, die konkrete Summe zu nennen. Und so weiß der Gebührenzahler auch nach dieser Sendung, in der es um nichts anderes als den vom Fernsehen befeuerten Kommerz im Fußball ging, immer noch nicht genau, wie groß der Anteil der ARD daran tatsächlich ist.

          Auch mit Blick auf diese Finte ließ sich Marcel Reifs Forderung nach mehr Ehrlichkeit im Geschäft mit dem Fußball verstehen. „Es ist an der Zeit, die Dinge zu benennen, wie sie sind.“ In dieser Hinsicht leistete auch Stoiber erhellende Einsichten, als er mit Blick auf die Bierkameras ganz nüchtern davon sprach, dass der FC Bayern sein eigenes TV-Tagesprogramm für 290.000 Kunden produzieren müsse, die Leute diese Bilder sehen wollten und der FC Bayern weltweit 400 Millionen Anhänger habe. Das sind Fakten, an denen im Fußball offenbar niemand vorbeikommt. „Und das wird nicht mehr zurückgedreht“, so Stoiber. Er fügte ebenso realistisch hinzu: „Die Menschen entscheiden – und die wollen Spitzenfußball mit Real Madrid und Juventus Turin sehen.“

          „Die Leute wissen schon, wieviel Geld im Spiel ist, wollen es aber vergessen, wenn sie im Stadion sind“, sagte Reif ebenso treffend zu Wunsch und Wirklichkeit im deutschen Fußball im Frühjahr 2017. Und wenn dann ein Spieler wie der Dortmunder Aubameyang nach einem Tor die Maske seines Sponsors überziehe, und für einen Verein spiele, der in seinem Slogan für „Echte Liebe“ stehe, dann sei die Reaktion der Fans vorhersehbar. „Ihr verkauft mich für dumm“, sagte Reif im Sinne des abwesenden Fans. Die Szenen mit Kamera und Maske seien für ihn „obszön“, und sie hätten mit dem, weswegen wir den Fußball lieben, nichts mehr zu tun. „Der Fußball, der uns allen mal gehört hat – diese Zeiten sind vorbei.“

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