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TV-Kritik: Hart aber fair : Das Prinzip Schadenfreude

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Frank Plasberg ließ Jahresbilanz ziehen: Wer gehörte 2013 zu den Verlierern, und wie ging die Öffentlichkeit mit ihnen um? Bild: WDR/Klaus Görgen

Über die Absteiger und die Aufsteiger des Jahres wollte Frank Plasberg diskutieren lassen. Doch es zeigte sich: Lob und Urteil fällt schwer, wenn es die eigenen Parteigrenzen überspringen soll. Allzu schwer.

          Wie auch wir vergeben unsern Schuldigern – nicht den kleinsten Patzer, zumal wenn es sich um öffentliche Figuren handelt. Im Gegenteil. Warten wir nicht alle geradezu darauf, den nächsten Aufgestiegenen stürzen zu sehen? Helfen wir nicht gerne nach, wenn nur ein vager Verdacht existiert? Sind wir zu einem Lynchmob mutiert? Das Zeitalter der Massen ist das Zeitalter der Häme, hat schon Elias Canetti (lange vor dem keineswegs alleinschuldigen Internet) bemerkt und auf Angst zurückgeführt: Die im Innern alles Fremde und alles Individuelle aufhebende Masse werde vom Anderen außer ihr selbst in Frage gestellt und tendiere dazu, dieses Andere zu bekämpfen.

          Man dürfte kurz vor Weihnachten also durchaus einmal öffentlich überlegen, wie es um jene Zurückhaltung bestellt ist, die nicht nur Christen vom Wurf des ersten Steins abhalten sollte. Barmherzigkeit, also bewusstes Eintreten für Sünder, wäre dabei nicht einmal vonnöten, lediglich Demut, also die Fähigkeit, seine Unvollkommenheit zu erkennen, ohne eben dafür Hochachtung zu verlangen, wie Spinoza definierte. Wer weiß, dass er selbst Fehler begeht, ist nachsichtig. Demut sei „nichts als Einsicht“, schrieb denn auch Hermann Bahr. Für „Unverwundbarkeit“ hält sie gar Marie von Ebner-Eschenbach. Und doch sind wir – als Masse – von Demut weit entfernt, wenn wir es wieder einmal einem Mächtigen hohnlachend zeigen können.

          Lieber Nachtreten als Analysieren

          Was ist das für eine Gesellschaft, die sich so verhält? Wo steuert sie hin? Wie lässt sich der Obsession Shitstorm Einhalt gebieten? Wie interagieren Medien und Massen? Das wären die eigentlich interessanten Fragen zu diesem Komplex gewesen. Frank Plasberg begab sich in „Hart aber fair“ indes nur punktuell in die Meta-Position des Diskursbeobachters. „Haben die das wirklich verdient?“, hieß das Thema, und gemeint waren vor allem die im Jahre 2013 massen- und multimedial Heruntergeputzten. Doch die Frage war keine rhetorische, sondern eine tatsächliche – und damit letztlich nichts anderes als ein besonders kraftvolles Nachtreten in all den Fällen, in denen die aus medienoptimierten Vertretern der Knüppel-Gesellschaft bestehende Jury mehrheitlich entschied: Ja, dieser Abstieg war verdient. Und eben das entschieden sie mehrheitlich in jedem der Fälle.

          Sie, das waren der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach, Bayern-Separatist Wilfried Scharnagl, seines Zeichens „CSU-Vordenker“ und ehemaliger Chef des „Bayernkurier“, der diesmal einfach nur tatterig wirkende Universal-Verachter Henryk M. Broder, die ebenso selbstüberzeugte, ebenso wenig Kluges zur Diskussion beisteuernde, aber dabei noch nervigere Ex-„taz“-Chefredakteurin Bascha Mika sowie der einige Wochen lang Demut (allerdings genau nicht in der Spinoza-Variante, sondern um dafür geliebt zu werden) geübt habende FDP-Messias Christian Lindner.

          Bis auf Letzteren, der in stumpfer Wahlkampfmanier die Bedeutung und Erneuerung seiner Partei mit Floskeln („eine Stimme, die zu Maß und Eigenverantwortung anhält“) zu untermauern suchte, genossen es zunächst alle Anwesenden, das Debakel der FDP auszukosten. „Fast unmöglich“ sei ein Wiederaufbau in dieser Lage, befand Lauterbach. Und Bascha Mika wollte es zu Recht nicht Schadenfreude genannt wissen, wenn sie sage, dass eine Partei, die ihren „Job nicht richtig gemacht“ habe, diesen auch nicht weiter verdiene. Allerdings konnte Plasberg einwenden, dass es an Schadenfreude im Falle der FDP dennoch nicht fehle: Allein im Vorfeld dieser Sendung seien „wirkliche Hassmails“ eingegangen.

          Nichts als Verlierer

          Aber auch die SPD (schlechtes Wahlergebnis), die CDU (schlecht verhandelt) und die CSU (Schein-Riese) wurden von den jeweils anderen händereibend zu Verlierern erklärt. Nichts scheint so verpönt zu sein, wie das öffentliche Bekenntnis, eine der anderen Parteien könnte etwas gut oder richtig gemacht haben, selbst wenn man das glauben sollte. Wenn man beim Gegner etwas anerkannte, dann nur strategisch: Lindner etwa stellte die SPD-Handschrift des Koalitionsvertrags heraus, weil ihn das in seinen Augen besonders diskreditiert. Diese Art des vergifteten Lobs ist heute der Normalfall in der politischen Rhetorik, aber auf Dauer vielleicht nicht ohne Wirkung.

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