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TV-Kritik: Hart aber Fair : An der Kreuzung zum Heiligen Krieg

Der Blutrausch der Terrormiliz „Islamischer Staat“ hat die Debatte über Islam und Gewalt neu entfacht. Bild: AP

Die Debatte über Islam und Gewalt ist mit dem Blutrausch des „Islamischen Staates“ neu entbrannt. Bei Plasberg empfiehlt man Härte gegenüber heimkehrenden Gotteskriegern. Doch wie lässt sich verhindern, dass junge Menschen in den Dschihad ziehen wollen?

          Der Islam steht seit dem Aufflammen islamistischer Gewalt in Nahen Osten wieder im Verdacht, eine Religion der Gewalt zu sein. Die entsprechende Debatte hat an Schärfe deutlich zugenommen. Viele stören sich vor allem daran, dass von den großen Islamverbänden klare distanzierende Worte zum Blutrausch des Islamischen Staates bisher nur schwach zu hören waren, obwohl es doch im Interesse der hierzulande lebenden Muslime sein müsste, die Linie zwischen Islam und Islamismus klar zu ziehen.

          Thomas Thiel

          Redakteur im Feuilleton.

          Es geht aber auch um eine konkrete innenpolitische Gefahr. Knapp vierhundert Kämpfer sind laut Sicherheitsbehörden aus Deutschland in den Heiligen Krieg nach Syrien und Irak gezogen, viele von ihnen landeten in den Armen des „Islamischen Staats“. Rund hundert von ihnen vermutet man inzwischen wieder zuhause. Wie sind sie zurückgekehrt? Verroht, traumatisiert, radikalisiert, gar mit konkreten Terrorplänen?

          Seit kurzem steht die politische Forderung im Raum, man solle den heimkehrenden Dschihadisten die Wiedereinreise verweigern, den Pass und die Staatsbürgerschaft entziehen. Zu diesen Stimmen zählt auch der bayerische Innenminister Joachim Herrmann. Er saß nun am Montagabend bei Frank Plasberg in der Sendung „Hart aber Fair“, wurde mit seiner Forderung nach schärferen Gesetzen aber sogleich wieder auf das Grundgesetz zurückgeworfen. Ein Entzug der Staatsbürgerschaft und das Verbot der Wiedereinreise sind mit der Verfassung,  außer in Fällen von doppelter Staatsbürgerschaft, gar nicht zu vereinbaren. Das reduziert den Kreis der Dschihad-Rückkehrer deutlich, die mit diesen Mitteln gestoppt werden könnten.

          Bayerns Innenminister Joachim Herrmann

          Volker Beck, innenpolitischer Sprecher der Grünen, hielt sie auch gar nicht für nötig. Die bestehenden Gesetze reichten aus, um Dschihadisten den Pass zu entziehen, schon bevor sie Deutschland Richtung Nahost verlassen, es fehle nur am Willen sie konsequent anzuwenden. Mit seiner Forderung, den Dschihad-Rückkehrern mit der ganzen Härte des Gesetzes zu begegnen und sie für ihre Verbrechen in Syrien und im Irak vor Gericht zu stellen, traf Beck weitgehend auf Konsens.

          Dass diese Mittel nicht ausreichen dürften, um weitere Jugendliche vom Marsch in den Dschihad abzuhalten, war jedoch auch eine geteilte Erkenntnis. Wie geraten die späteren Dschihadisten in die Fänge islamistischer Menschenfischer? Die Islamwissenschaftlerin Lamya Kaddor verwies auf die zahlreichen Diskriminierungen, denen Muslime in Deutschland ausgesetzt seien. Es beginne schon damit, dass zwischen Deutschen und Muslimen immer noch kategorisch unterschieden werde, als könne ein Muslim kein Deutscher sein. Unfreiwillig wurde Kaddor darin von Frank Plasberg bestätigt, der etwas zu lange brauchte, um seine irrtümliche Unterscheidung zwischen Deutschen und Muslimen zu korrigieren.

          Volker Beck, innenpolitischer Sprecher der Grünen

          Meist sind es labile Jugendliche, die, verführt von der Aussicht auf das Paradies und die Geborgenheit in der islamischen Gemeinschaft, den Lockrufen der Extremisten folgen, bevor sie im „Heiligen Kriegs“ als Kanonenfutter verheizt werden. Mittlerweile kämpfen angeblich schon Dreizehnjährige für den Islamischen Staat. Der Islamismus hat es geschafft, sich als alternatives Freizeitangebot, als Pop- und Jugendkultur mit Al Quaida- und IS-Emblemen zu etablieren. Es wird nur durch verstärkte Aufklärung und Sozialarbeit gelingen, die Jugendlichen wieder aus diesen Fängen zu befreien. Hier müssten auch die Imame helfen. Auch darauf konnte man sich noch einigen.

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