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TV-Kritik: Harald Schmidt : „Danke schön, phantastische 19 Jahre.“

  • -Aktualisiert am

Harald Schmidt verabschiedet sich schlicht mit Würstchen und Merci Bild: dpa

Standesgemäß beiläufig verabschiedet sich Harald Schmidt mit seiner Late-Night-Show vom Bildschirm. Zum Abschluss gab es Nudelsalat, Würstchen, zwei Uli-Hoeneß-Pointen und keine Sentimentalitäten.

          Man kennt das vielleicht vom Flughafen, wenn man Besuch von auswärts nach längerer Zeit wegbringt und sich sicherheitshalber schon einmal verabschiedet, wenn man die Leute vor dem Flughafengebäude aussteigen lässt. Nach dem Parken des Autos trifft man sie zum Glück am Schalter wieder und kann noch einmal richtig, aufwändig und umständlich auf Wiedersehen sagen, bevor sie durch die Zollschleuse gehen. Danach sieht man sie durch eine Glasscheibe, fügt mimisch und gestisch noch ein paar Abschiedswünsche hinzu. Dann stellt sich heraus, dass man sie sogar noch einmal beobachten kann, wenn sie zum Flugzeug gehen, und man versucht, sie winkend und hüpfend auf der Aussichtsplattform auf sich aufmerksam zu machen, damit man noch ein letztes Mal Abschied nehmen kann. Das macht man schließlich auch noch, wenn sie ihren Platz eingenommen haben müssten und einen vielleicht sehen könnten, was man aber schon gar nicht mehr erkennen kann, so weit, wie sie weg sind.

          Ungefähr so war das mit Harald Schmidt und seiner „Harald Schmidt Show“, von der wir häufiger Abschied genommen haben als von irgendetwas sonst im Fernsehen, immer wieder neu in Erinnerungen gekramt, an die tollen Zeiten erinnert, Würdigungen wie Nachrufe verfasst.

          Jetzt müsste er tatsächlich weg sein, aber gesehen hat man ihn schon längst nicht mehr.

          Das Publikum im Studio wollte einen besonderen letzten Abend aus der Show machen und gleich zu Beginn gar nicht mehr aufhören, ihm zu applaudieren. Die Kamera zeigte irgendwann, nach ein, zwei Minuten nur noch sein Gesicht, zoomte ran und wieder weg, aber fand natürlich keine echten Reaktionen. Maskenhaft starrte er in die Kamera, während der Beifall anhielt, nickte ein bisschen, zuckte, testete unterschiedliche Mundstellungen, und schließlich, als es endlich vorbei war, machte er sich lustig: „Dieser Beifall ist das Ergebnis, wenn das Publikum überwiegend aus Landbevölkerung besteht, und es erklärt auch den Erfolg von Helene Fischer“, sagte er. Dann äffte er das Klatschen nach und erklärte, das sei die „Anfangsversion von ’Zu-ga-be, Zu-ga-be’.“

          „Ich habe gegen Hoeneß einen Vorteil: Ich werde heute entlassen.“

          Es war, mit der Verurteilung von Uli Hoeneß zu dreieinhalb Jahren Haft wegen Steuerhinterziehung, so ein perfekter Harald-Schmidt-Nachrichtentag, an dem man früher, vor vielen Jahren, dem Ritual seiner Late-Night-Show entgegengefiebert hätte, mit der Frage: Was wird er daraus machen? Wie wird er uns die Welt erklären?

          Immerhin hatte Schmidt zwei zitierfähige Pointen dazu mitgebracht. Die erste: „Ich habe gegen Hoeneß einen Vorteil: Ich werde heute entlassen.“ Die zweite: „Wir haben beide Millionen verzockt: er Euro, ich Zuschauer.“

          Über den Pay-TV-Sender Sky, der seine letzte Heimat war - oder doch besser: die letzte Abspielstation - witzelte er: „Ich habe die zwei Jahre genossen. Es ist ein tolles Gefühl, mal unbeobachtet zu sein.“ Wie viele Zuschauer seine Show dort dreimal die Woche wirklich sahen, ob es wenige waren oder sehr wenige - gefühlt war er schon weg. Nur gelegentlich gelangten Ausschnitte und Berichte von hinter der Bezahlschranke an die größere Öffentlichkeit, besondere Momente wie ein Talk mit Anke Engelke oder eine weitere legendäre Playmobilszene.

          Im Abspann steht noch der Hinweis auf die Kartenhotline

          Insofern ist es für ihn womöglich wirklich kein Bruch, sondern ein fließender Übergang, von einer „Harald Schmidt Show“ im Fernsehen mit ein paar Tausend Zuschauern vor den Bildschirmen zu einer möglichen „Harald Schmidt Show“ als Theateraufführung mit ein paar Hundert Leuten im Publikum.

          Ausnahmsweise hatte Sky die Sendung „frei für alle!“ parallel auf YouTube gezeigt, was Schmidt kommentierte: „Wenn du das beim letzten Mal machst, sagen die Leute: Hey, da ist ne Show, die kommt nicht mehr - da hol ich mir ein Abo.“

          Für die letzte Sendung hatte er sich sechs regelmäßige Partner aus den vergangenen beiden Jahren eingeladen, um mit ihnen anzustoßen und Würstchen zu essen. Es gab ein bisschen Gewese darum, wer wo sitzen darf, Schmidt spielte in Anführungszeichen, wie das ist, wenn man seinem Nebenmann die Schüssel mit dem Nudelsalat hinhält, damit der sich bedienen kann, Nathalie Licard sagte, dass die Haut von Würstchen in Frankreich zarter sei, worauf jemand einen „Haute Couture“-Witz machte, Schmidt meinte,  das wäre doch ein Riesen-Show-Konzept: „Ich koche gern mir Freunde ein“, woraus sich mehrere Anspielungen auf den „Kannibalen von Rotenburg“ ergaben, es gab heitere Missverständnisse und munteres Durcheinander, Helmut Zerletts Band spielte ein paar Tuschs, und Olli Dittrich beklagte sich, dass Schmidt ihn seine kleinen Anekdoten nicht vernünftig erzählen ließ.

          Es war, wie sowas ist, eine gesellige Runde. Und natürlich war es auch, wie sowas ist, wenn man es spielt, wie sowas ist, eine „gesellige Runde“. Schmidt servierte den Zuschauern zum Abschied ein anstrengungsloses Nichts, in dem gelegentlich etwas lustiger Wahnsinn hochblubberte, ein witziger Treffer gegen sich selbst oder einen der anderen am Tisch. Mehr als das, irgendein ehrgeiziges Bemühen, sich etwas besonderes einfallen zu lassen für die letzte Sendung, irgendein Überschwang oder gar Sentimentalität wären auch nicht Harald Schmidt gewesen.

          Es blieben als letzte Worte, gesprochen am Esstisch mit Serviette und Gabel in der Hand: „Meine Damen und Herren, das war’s, danke schön, phantastische 19 Jahre, Ihnen alles Gute, Merci, und guten Abend.“ Im Abspann stand noch der Hinweis auf die Karten-Hotline.

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