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TV-Kritik: Günther Jauch : Herrschaftswissen und acht Jahre eines Lebens

  • -Aktualisiert am

Heribert Schwan bei der Vorstellung seines Buchs „Vermächtnis. Die Kohl-Protokolle“ Bild: Reuters

Heribert Schwan, früherer Vertrauter Helmut Kohls, hat sich bei Jauch seinen Kritikern gestellt. Der Zuschauer erfährt tatsächlich Neues in der unendlichen Geschichte über Kohls Erbe.

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          Talkshows haben als Live-Sendungen einen Vorteil. Hier bekommen die Gäste nicht nur die Möglichkeit, sich um Kopf und Kragen zu reden - sie nutzen sie auch manchmal. Vor allem, wenn Sachverhalte noch nicht geklärt sind, denn dann fällt es schwer, sich auf vorbereitete Statements zurückzuziehen. Am Sonntagabend war das bei Günther Jauch zu erleben. Er beschäftigte sich mit „Helmut Kohl – wem gehört seine Geschichte?“.

          Der Anlass: Das gerade erschienene Buch „Vermächtnis. Die Kohl-Protokolle“ von Heribert Schwan und Tilman Jens ist zum Bestseller geworden, nicht zuletzt wegen einer Spiegel-Titelgeschichte wenige Tage vor seinem Erscheinen. Die Erwartung, jetzt würden lediglich die bekannten Positionen ausgetauscht, wurde enttäuscht. Es gab tatsächlich einige neue Erkenntnisse zu hören.

          Eine latente Drohung

          Das beginnt schon mit der Motivation von Schwan, dieses Buch zu veröffentlichen. Er war seit dem Beginn der Zusammenarbeit zu Kohls engem Vertrauten geworden. Das endete bekanntlich im Jahr 2009. Schwan machte deutlich, was ihm diese Jahre bedeuten: „Ich habe acht Jahre meines Lebens an dieser Sache gearbeitet“. Wie „dumm“ müsse man sein, einen Mann „mit meinem Herrschaftswissen als Ghostwriter“ einfach zu entlassen. Zudem habe er nicht nur die bekannten 630 Stunden mit Kohl geredet, sondern zugleich noch diverse, zum großen Teil noch unveröffentlichte Archivmaterialien gesichtet.

          Dahinter versteckte sich eine latente Drohung. Allerdings nicht wegen der Kenntnis von Parteivorstands- und Kabinettsprotokollen - deren Zusammenfassungen konnte man schon immer Montags im besagten Nachrichtenmagazin lesen. Sondern vielmehr wegen Schwans Einblick in die Protokolle der Telefongespräche Kohls mit anderen Regierungschefs. Sie sind zumeist auf Jahrzehnte gesperrt, und hier könnte Schwan Einsichten bekommen haben, die unter Umständen politischen Sprengstoff enthalten. In jedem Fall entstand bis 2009 ein eindrucksvolles Opus, das vier Bücher umfasste, mit zum Teil mehr als 1000 Seiten pro Band.

          Kohls Opus Magnum als Nebenbeschäftigung

          Das erforderte Schwans ganze Kraft, nimmt man an. Er erledigte das allerdings als WDR-Angestellter mit einer Nebentätigkeitserlaubnis des Senders in seiner Freizeit. Schwan wurde 2009 pensioniert, somit erst nach Beendigung seiner Dienste für Kohl. Vier solche historisch wichtigen Bände in der Freizeit zu schreiben, dazu sich der Mühsal der Archivarbeit auszusetzen, das ist in der bisherigen Debatte noch nicht hinreichend gewürdigt worden. Aber es macht zugleich deutlich, wie tief die Kränkung bei Schwan sein muss, als Mann mit Herrschaftswissen einfach vor die Tür gesetzt worden zu sein. So wird wohl endgültig der geplante letzte Band der Memoiren zum Zeitraum 1994 bis 2002 nicht mehr erscheinen. Das betrifft dann die Jahre des Niedergangs des Staatsmannes Helmut Kohl, inklusive des desaströsen Endes mit der Spendenaffäre. Das „Vermächtnis“ ist nichts anderes als der Versuch, diesen Band zu ersetzen. Schwan, so ist zu vermuten, hätte über die Protokolle weiter geschwiegen, wenn er nicht 2009 plötzlich vor die Tür gesetzt worden wäre.

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